Landstuhl
Theaterpremiere auf dem Nanstein
Die Geschichte „Das Wirtshaus im Spessart“ nach der Novelle von Wilhelm Hauff und der legendären Verfilmung mit Liselotte Pulver, die Frank Zimmer in Westpfälzer Mundart übertragen und mit reichlich Lokalkolorit angereichert hat, bietet alles, was eine sommerliche Komödie braucht: Männer in Frauenkleidern, die eine oder andere aktuelle Anspielung, Entführung, Intrigen, Verwechslungen und natürlich viele amouröse Verwicklungen.
Temporeich hat Zimmer - zugleich auch Regisseur - den kuriosen Schwank inszeniert. Im humorig-doppelbödigen Verwirrspiel wird erfindungsreich getrickst, werden Kleider und Rollen getauscht. Und so ramponiert das an sich denkmalgeschützte Gemäuer größtenteils ist: Es gibt eine traumhafte Kulisse und wird von der Lichtregie (Jan Koch, Tim Noll, Emily und Leonie Pagel) auch immer wieder stimmungs- und effektvoll in Szene gesetzt.
Akteure mit großer Spielfreude
Furios agieren die 23 Schauspieler, jeder einzelne mit unglaublicher Spielfreude. Da ist der Moritatensänger Michael Fischer, der mit hintergründigem Witz und italienisch gefärbter Diktion ins Stück einführt. Wie es bei Adligen früher Sitte war, kannten die Herrschaften keine Liebesheirat, sondern das Töchterchen musste sich der Tradition unterordnen, durch Heirat das Vermögen zu vermehren.
So muss sich auch die Komtesse Franziska dem Willen ihrer Mutter, der Gräfin von Sandau, beugen und des Geldes wegen sich mit dem reichen und schon recht betagten Baron Sperling verloben. Heike Nicolai, im prächtigen, überdimensionierten grünen, mit Goldfäden durchwirkten Kleid, gibt diese strenge, verbitterte Gräfin absolut glaubwürdig.
Glanzstück: die Comtesse und ihre Zofe
Ein Glanzstück des Abends sind Gina Vollmer als Comtesse und Hanna Noll als deren Zofe. Ihre körperliche Präsenz wird noch durch ihr loses Mundwerk mit einem klischeefreien Westpfälzer Slang gesteigert. An Witz kaum zu überbieten sind Wolfgang Sutter als stotternder Graf Sperling, der jedes Wort wiederholt, und Wolfgang Noll als Pfarrer mit seinen Bibelsprüchen.
Sie gehören wie die kesse Marie von Laut’re (Marie Wosnitza) und deren Zofe Lina (Lina Westrich) zur Entourage der Komtesse, deren Kutsche auf dem Weg zur Hochzeit im tiefen Wald stecken bleibt. Jetzt kommt die Stunde der beiden hinterlistigen Räuber Knoll und Funsel. Ideale Rollen für Frank Zimmer und Andreas Franz! Rau, aber herzlich locken sie die Verunglückten ins „Wirtshaus im Specktal“ − einer wahren Räuberhöhle − zum Übernachten. Sie haben die Absicht, von der geizigen Gräfin 20.000 Gulden Lösegeld zu bekommen. Die aber „sitzt uff ihr’m Geld“, pfeift der Räuberbande was und lässt das Militär aufmarschieren.
Ein Oberst namens Zack-Zack
Emily und Nic Zimmer sowie Zoe Nicolai geben aufs Schönste, mit Schwung und Biss die wie Waschweiber wetternden Wirtshausbetreiber. Markus Perisello in prachtvoller Uniform als Obrist Zack-Zack sowie der Soldat Schneidig (Silas Luer) bringen allein schon durch ihren rasant daherkommenden Stechschritt das Publikum zum Lachen.
Da haben sie jedoch beim Korporal im breiten, schwarzen Räuberhut (Tanja Vollmer) und der Marketenderin (Tanja Franz) nichts zu lachen. Bei ihren schier bösartigen Stimmen kriegt man selbst als Zuschauer das Zittern. Alle aber übertrifft Philip Nicolai als schneidiger Räuberhauptmann, der allein schon mit seiner italienisch gefärbten Diktion, aber auch mit körperlicher Präsenz und mit reicher Gestik und Mimik zu begeistern weiß.
Räuber-Duo füllt den Grafen ab
Eine der schönsten Szenen ist, wie die beiden Räuber Funsel und Knoll den Baron Sperling in den Keller der Räuberhöhle entführen und ihn mit Riesling „abfüllen“. Herrlich, wie sich der furztrockene und humorlose Adlige plötzlich in einen possenhaften Saufbruder verwandelt.
Auch um den Nachwuchs brauchen sich die Pfälzer Heimatfreunde keine Sorgen zu machen. Selbst die Jüngsten Mitspieler, wie die „klääne Reiwer“ Luise Kraus und Maria Klein sowie „Reiwer Babbelnet“ Max Noll wussten zu begeistern. So erleben die Zuschauer einen witzig-verwegenen und höhepunktreichen Theaterabend vor einzigartiger Kulisse, die in ihrer ganzen Breite und auf drei Ebenen genutzt wird.
Langer Beifall im Stehen.