Kaiserslautern
Theaterfest: Interessante Einblicke und ein Dilemma
Allein die verschiedenen Bezeichnungen, – Eröffnungskonzert, Konzert zum Theaterfest, Gala, Galakonzert – machen die Problematik deutlich, die dazu führt, jedem Aspekt gerecht werden zu wollen: Einerseits wollte man mit Appetithäppchen aus dem Repertoire der beginnenden Spielzeit Interesse wecken, andererseits gleichzeitig auch über die Zäsur und die Einführung eines neuen Dreierdirektoriums informieren, um auch noch auf die Inhalte der verschiedenen Sparten und teilweise auch neuen Gesichter aufmerksam zu machen.
Zudem wurden die Gäste ausführlich über den neuen Namen des Orchesters – Pfalzphilharmonie Kaiserslautern – informiert. Alle Repräsentanten der verschiedenen Sparten nutzten also die Gunst der Stunde, um neue Gesichter und Programmschwerpunkte zu präsentieren. Konkret: Mit dieser Art der sicherlich gut gemeinten Selbstdarstellung und Werbeaktion musste zwangsläufig der Spannungsbogen sinken, die Unruhe musste steigen.
Viel Gutes bei der Ouvertüre von „Tannhäuser“
Aber zum Programm des Abends: Eine Ouvertüre eröffnete, das ist bei solchen Anlässen Tradition. Wenn es sich allerdings um Wagners Ouvertüre zur Oper „Tannhäuser“ handelt, ist Vorsicht geboten. Die Ouvertüre ist wie ein Lehrwerk für sinfonische Orchester: Der Klang muss pastos aus motivischen Keimzellen sukzessive entwickelt werden; das majestätisch daherkommende Thema muss eisern im Tempo gehalten werden, in dieser Sache zeigten sich die Posaunen auch sattelfest. Die Violinen umspielen mit ihren Spielfiguren diese Thematik und bei Temposteigerungen werden die Umspielungen unklarer und schwerer ausführbar. Insgesamt zeigte die Aufführung unter Leitung von Generalmusikdirektor Daniele Squeo schon viel Gutes: schöne Solostellen bei den Hörnern, eine bestens disponierte Soloklarinette und ein Orchester, das in den Stimmgruppen zusammen ist, aber nicht immer zwischen diesen.
In dieses zwar grundsätzliche Lob eines kultivierten und verfeinerten Orchesterklangs mischte sich aber auch die spätere Erkenntnis, dass die anderen Kostproben doch noch besser am Nerv getroffen wurden und noch überzeugender wirkten. Um Missverständnissen zu begegnen: An Squeo lag es nicht, denn der inspirierte etwa bei einem Ausschnitt aus Verdis Oper „Macbeth“ Chor und Orchester zu wunderbarer Homogenität, Monumentalität und vor allem Expressivität.
Alles und vielleicht sogar ein bisschen mehr
Spezialisierte Opernhäuser, Musicaltheater oder traditionsreiche Sinfoniker können in ihrem Genre Maßstäbe setzen. Das hiesige Theaterorchester spielt dagegen alles und noch ein bisschen mehr, beispielsweise Kammerkonzerte und Neujahrskonzerte, und kann durch seine enorme Vielseitigkeit punkten. Das spürte man vor allem bei der Kostprobe aus dem Musical „Kiss me Kate“ von Cole Porter, als das Orchester der Pfalzphilharmonie unter dem Dirigat von Anton Legkii und dem Einfluss von Energiebündel Astrid Vosberg die Bühne eroberte.
Broadway-Feeling hat beim Pfalztheater eine eigene Tradition – und das beinhaltete auch die Szene „Lampenfieber“ aus dem gleichnamigen Musical: Neben Vosberg und Adrienn Cunka sowie Monika Hügel (alle Sopran) gaben auch Tenor Daniel Kim sowie Bariton und Moderator Daniel Böhm ihr Bestes , um mit elektrisierenden Rhythmen und prickelnden Melodien das Publikum zu begeistern.
Korrekturen bei solistischen Beiträgen?
Noch eine Korrektur und Kontrolle wäre bei vielen vokalistischen solistischen Programmpunkten vonnöten, dies zeigte der Vergleich mit dem eingebundenen Gast Amira Elmadfa: Diese sang ihre Partie aus Leonard Bernsteins Oper „Trouble in Tahiti“ in natürlicher Anmut und Leichtigkeit der Stimmführung, ohne jegliches Forcieren und Manierismen. Dagegen neigen Mitglieder des hiesigen Musiktheater-Ensembles zu tremolierendem Dauervibrato und viel gepresstem Druck, was störend wirkt.
Luisa Sancho Escanero sowie Elena Iglesias Galán leiten jetzt die Sparte Tanz und präsentierten vor allem beim Ausschnitt aus dem Tanzabend von Alba Castillo, betitelt „Der rote Faden“, ein neues Kapitel: eine Synthese aus klassischem Ballett und modernem Tanztheater. Und zwar mit dem Anspruch, allegorisch und symbolisch Formationen zu bilden: Diese Gebilde, ähnlich wie Traubenklötze, werden langsam geformt, wieder aufgelöst, daraus lösen sich Konflikte in Gestalt von Solotänzern. Menschen bewegen sich im Gleichklang, automatenhaft und lösen sich aus der Anonymität zu individuellen Wesen in anmutigen und zum Kollektiv passenden Bewegungsabläufen.
„Woyzeck“ mit aufpeitschender Musik
Am schwersten hat es das Schauspielensemble bei solchen Veranstaltungen: Orchester und Chor haben einen Probenvorsprung, sind ohnehin ein Kollektiv, das kleine Ungenauigkeiten überspielen kann. Schauspieler benötigen eigentlich die ganze Bühne und das ganze Drumherum: Bühnenbild, Requisiten, Kostümierung und vor allem Interaktion untereinander und mit dem Publikum. Das gestaltet sich mit dem Orchester auf der Bühne schwierig, fast unmöglich.
Dennoch rief das Ensemble in wechselnden Formationen Momente der Faszination hervor: etwa beim szenischen Ausschnitt aus dem dafür bearbeiteten Roman „Ein Mann seiner Klasse“ von Christian Baron.
Nach diesem Abend darf man aber auch gespannt sein auf die neue, vertonte Fassung von Georg Büchners „Woyzeck“. Wie am Samstag deutlich wurde, kommt jetzt zu der ohnehin schon schockierenden schicksalhaften Sozialstudie noch die aufpeitschende Musik von Tom Waits, unterstützt von seiner Frau, der Songtexterin Kathleen Brennan. Die Schauspieler Jan Henning Kraus und Oliver Burkia machten eindringlich bewusst: Das ist nichts für schwache Nerven!