Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Telefonseelsorge in Zeiten der Pandemie: „Spüren Mutlosigkeit“

Offenes OhrAstrid Martin, katholische Leiterin der Telefonseelsorge Pfalz, und Erich Hach, seit 18 Jahren ehrenamtlicher Mitarb
Offenes OhrAstrid Martin, katholische Leiterin der Telefonseelsorge Pfalz, und Erich Hach, seit 18 Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter, an ihrem Arbeitsplatz.

Der Corona-Lockdown isoliert die Menschen. Einsamkeit ist bei der Telefonseelsorge allerdings ganzjähriges Alltagsthema, sagen Astrid Martin und Erich Hach von der Telefonseelsorge Pfalz.

Herr Hach: Was sagt man jemandem, der am Telefon klagt, dass er einsam ist?
Erich Hach: Muss man differenzieren. Einsamkeit ist immer eine Momentaufnahme. Ein Mensch, der mit sich und seiner Umwelt zufrieden ist, der ist nicht einsam, auch wenn er alleine lebt. Auf der anderen Seite haben wir immer mehr Single-Haushalte, es gibt immer mehr Alleinerziehende – Einsamkeit geht also quer durch die Schichten. Was gravierend ist, ist diese Alters-Einsamkeit – gerade wenn ein Lebenspartner, mit dem man 40, 50 Jahre verbunden war, verstirbt. Wenn ein 89-Jähriger anruft und sagt, er ist einsam, hat das eine ganz andere Qualität, als wenn ein 30-Jähriger anruft.

Und was sagen Sie dem 89-Jährigen, der sagt, er ist einsam? An der Grundtatsache können Sie ja zunächst nichts ändern.
Hach: Das stimmt. Aber man kann nachfragen: Seit wann hat er das Gefühl? Man kann fragen: Wie äußert sich das? Wann tritt diese Einsamkeit auf – und was spürt er dann dabei?

Jetzt spielt das Thema Einsamkeit und Isolation in der Tätigkeit der Telefonseelsorge ohnehin eine große Rolle. Hat das Thema im Corona-Jahr eine neue Dringlichkeit?
Astrid Martin: Insgesamt ist die Gesamtzahl der Anrufer gestiegen. Wir hatten im abgelaufenen Jahr 483 Gespräche mehr als 2019. Das Thema Einsamkeit hatten wir aber natürlich auch schon vor Corona.

War’s ein Stressjahr für Sie?
Hach: Es hat schon eine Mehrbelastung gegeben, durch die Corona-Pandemie und die Tatsache, dass viele unserer Anrufer Risiko-Gruppen angehören. War aber kein großer Akt. Es gibt immer solche Ereignisse, die zu mehr Anrufen führen – denken Sie bloß an die Amokfahrt in Trier.

Haben Sie den Bedarf decken können – oder sind einige vielleicht gar nicht durchgekommen?
Martin: Wir sind ja nur eine von bundesweit 104 Telefonseelsorgestellen – und wir haben unser Angebot bundesweit stark erhöhen können. Und trotzdem wissen wir, dass wir den Bedarf nicht decken konnten. Auch deshalb stellen wir auf unserer Homepage eine Krisen-App zur Verfügung, da ist viel Hilfreiches für den Notfall hinterlegt.

Hatten Sie das Gefühl, dass sich im Krisenjahr Menschen bei der Telefonseelsorge gemeldet haben, die vorher noch nie angerufen hatten?
Hach: Es haben schon Menschen zum ersten Mal angerufen, und das ging auch querbeet durch die Gesellschaft. Oft Menschen, die so zwischen 30 und 40 Jahre alt sind. Durch die Isolation in den Altenheimen haben auch einige Heimbewohner zum ersten Mal angerufen.

Jetzt kann Einsamkeit vorübergehen – sie kann aber auch die Basis für psychische Erkrankungen sein, Depressionen beispielsweise. Hat sich das 2020 bemerkbar gemacht?
Martin: Wir hatten schon 2019 einen hohen Prozentsatz von Anrufern mit psychischen Problemen, 27 Prozent unserer Anrufer sprechen von einer diagnostizierten psychischen Erkrankung. Und dabei kann man davon ausgehen, dass wir eine hohe Dunkelziffer haben – Menschen, die psychische Probleme haben und am Telefon dann beispielsweise über Familie sprechen.

Das heißt: Der Sockel ist ohnehin schon hoch – der hat sich im Corona-Jahr stabil gehalten.
Martin: Ja. Dazu kommt: Im Seelsorge-Chat ist der Anteil von Menschen mit psychischen Erkrankungen noch deutlich höher – und im Chat erreichen wir eine andere Klientel, die Chatter sind wesentlich jünger als unsere Anrufer. Gerade im Chat haben wir gemerkt, dass viele Therapeuten im Corona-Jahr nicht das Angebot gemacht haben, das sie sonst machen. Das heißt: Vielen Erkrankten ist das Angebot weggebrochen. Viele schreiben uns dann: Meine Therapie ist gerade ausgesetzt oder mein Therapeut arbeitet gerade nicht. Auch viele Selbsthilfegruppen sind ja ausgefallen, von den Anonymen Alkoholikern bis zu den Depressionsgruppen.

Glauben Sie, dass gerade solche Menschen durch die Krise längerfristige Probleme haben werden?
Martin: Was wir spüren, ist eher so eine Mutlosigkeit. Der Mut, sich überhaupt auf eine Therapieliste setzen zu lassen, die unendlich lang ist. Die Menschen resignieren. Momentan hören wir oft: Das hat doch gar keinen Sinn.

Die Krise legt da einfach auch strukturelle Defizite offen?
Martin: Ja, und da liegt einfach Corona drüber. Seit dem Lockdown merken wir schon erheblich, dass die Menschen einfach eingeschränkt und belastet sind. Dennoch: Ich hab’ heute mit Mitarbeitern gesprochen, die aus dem Dienst raus sind, und die haben alle gesagt: Ich hab’ durchweg gute Gespräche gehabt, das heißt: Man hat angenommen, was der Anrufer gesagt hat und der hat zufrieden aufgelegt.

Was sind schlechte Gespräche?
Martin: Auch da gibt’s ne Bandbreite. Wir nennen das: Nicht zum Thema der Telefonseelsorge gehörend, übergriffig, sexuell beispielsweise. Oder Gespräche, in denen man den Anrufer nicht erreicht.

Interview: Daniel Krauser

Per Telefon oder via Chat

Die Telefonseelsorge ist unter den Nummern 0800/1110111 oder 0800/1110222 zu erreichen. Mailkontakt oder Chat über die Homepage www.telefonseelsorge-pfalz.de oder

online.telefonseelsorge.de. Über die Homepage ist auch die Notfall-App herunterzuladen. Im abgelaufenen Jahr haben Mitarbeiter der Telefonseelsorge Pfalz knapp 9400 seelsorgerische Beratungsgespräche geführt, im Chat waren es gut 2500.

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