Popgeschichte
SWR1 und die Band Pop History im Congress Center Ramstein
Gäbe es eine Liga jener Alben, die man als maßgeblich oder ikonisch bezeichnen könnte, Fleetwood Macs „Rumours“ (Gerüchte) und besonders der im Dezember 1977 ausgekoppelte Song „Go Your Own Way“ wäre ein Teil von ihr. Um die Entstehung dieses Songs rankt sich die Geschichte von Streitigkeiten innerhalb der Band. Mick Fleetwood trennte sich von seiner Frau Jenny. Lindsay Buckingham und Stevie Nicks, die eine Beziehung hatten, als sie der Gruppe beitraten, trennten sich ebenfalls, genauso wie John und Christine McVie, obwohl alle fünf in der Band blieben. Das in dieser Zeit von Buckingham geschriebene Stück war eine düstere Anspielung auf die Trennung von seiner Geliebten: „Geh deinen eigenen Weg, mach dich vom Acker!“, so interpretierte es Bernd Rosinus.
Die Geschichte zeigt aber auch, dass Liebe (nicht nur) unter Bandmitgliedern kompliziert und Streitigkeiten untereinander durchaus Anstoß sein können zu Kreativität. Das Album erschien 1977 und gehört mit 40 Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit meistverkauften. Mit einem mitreißenden Sound bestach dabei die Band „Pop History“. Peter Kühn sang mit emotionaler Direktheit und ungekünstelter Intensität, Matthias Schärf bestach mit Modulations- und Nuancenreichtum an der Gitarre, der Bassist Charly Hart und der Schlagzeuger Tim Kosack trieben die Band mit virtuosen Patterns an und groovten wie der Teufel.
Wenn Streit inspiriert
Wie positiv inspirierend Streit sein kann, zeigt auch der Song „Kayleigh“ von der Progressive-Band Marillion. Der Leadsänger der Band, Fish, war mit einer Frau namens Kay liiert. Sie aber hielt es bei dem Musiker nicht aus, weil der ständig unterwegs und nur von seiner Karriere besessen war. Fish sagte später, er habe das Lied deshalb geschrieben, um sich bei einigen Frauen zu entschuldigen, „mit denen er in der Vergangenheit ausgegangen war“. „Kay Lee“ sei die Zusammensetzung aus den Vornamen mehrerer Frauen, mit denen er Beziehung hatte, und daraus wurde dann „Kayleigh“. Das Lied machte den Namen Kayleigh in Großbritannien populär, viele Mädchen trugen seitdem diesen Namen, und der Song wurde später von dem Leadsänger Fish zum 70. Geburtstag von Nelson Mandela im Wembley-Stadion mit Phil Collins am Schlagzeug aufgeführt.
Im CCR schwelgte Peter Kühn in seinem emotionsgeladenen Vortrag, als wolle er sich genauso bei ehemaligen Liebschaften entschuldigen, und Matthias Schärf an der Gitarre sowie Martin Holl am Keyboard brillierten mit atmosphärisch dichtem Spiel. Vor allem Schärf bestach immer wieder mit gesanglich wohltönenden Linien oder einem gläsernen und doch warmem Sound. Die raschen Wechsel zwischen kurzen und extrem langen Notenwerten bewegten sich dabei am Rande des Ausdrucksspektrums.
Das Gute an der Strafe
Aber auch Strafen können sich zum Guten wenden. Nach einem Konzertbesuch hatte die 16-jährige schottische Musikerin Amy Macdonald mit Freunden eine ganze Nacht durchgemacht und Gitarre gespielt. Die Folge: von ihren Eltern bekam sie Hausarrest. Diese Strafe nutzte Amy, um über Nacht den Song „This Is The Life“ zu schreiben. „Die Nacht durchmachen mit Freunden zusammen – das ist das Leben“, meinte Amy. Dieses Lied war ihr Durchbruch. Ein halbes Jahr später hatte sie einen Plattenvertrag in der Tasche. Die Art und Weise, wie Helen Forster von der Band Pop History diesen Folkrock-Song präsentierte, war umwerfend. Mit ihrer dunkel gefärbten Stimme intonierte sie mit einer Ausdruckskraft, die die Hörer total begeisterte, während Schärf und Kühn auf ihren Gitarren um die Wette jammten und einen mitreißenden Sound hinlegten.
Kann aber Langeweile Kreativität beflügeln? Oh ja! „Cherchez la femme!“ Eric Clapton wollte mit seiner Frau ausgehen. Seine Frau überlegt, was sie tragen solle, fragt, ob sie gut aussehe. Clapton antwortet, dass sie wundervoll aussehe. Trotzdem zieht sich seine Liebste noch ein paarmal um und fragt ihn, ob er sich gut fühle. „Yes, I Feel Wonderful Tonight“, antwortet er und nutzt die Zeit, um einen der schönsten Songs der Popgeschichte zu schreiben. Peter Kühn zeigte sich bei „Wonderful Tonight“ als hervorragender Balladen-Interpret. Matthias Schärf packte dazu „Mister Slowhand“ aus und ließ die Gitarrensaiten bei wunderbarem Bottleneck-Stil schwingen und vibrieren.
Riesenhit mit Reibeisenstimme
Aber auch eine Krankheit kann zu Weltkarriere führen. Bonnie Tyler musste sich einen Knoten auf den Stimmbändern entfernen lassen und durfte nach der OP eine Woche lang nicht reden. „Aber schafft das eine Frau, so lange nicht reden zu dürfen?“, fragte Rosinus. Bei der Nachuntersuchung meinte ihr Arzt, jetzt brauche die Heilung viel länger. Tylers Stimme wurde noch kratziger als vorher, und mit ihrer Reibeisenstimme wurde „Total Eclipse Of The Heart“ zu einem Riesenhit. Zu einem Riesenhit wurde er auch auf der CCR-Bühne dank Helen Forsters ungeheurer Impulsivität, die alle Kraft, die sie hatte, in diesen Song hineinlegte.
20 Songs präsentierten insgesamt der SWR1-Musik-Chef und die Band Pop History. Von Song zu Song wuchs die Stimmung unter den 300 Besuchern immer mehr an und entlud sich am Schluss in Ovationen der Begeisterung. Zwei Zugaben.