Kaiserslautern
Stephan Brohl, Chef des Japanischen Gartens, im Sommerinterview: „Müssen sehr genau haushalten“
Welchen Bezug haben Sie zu Japan?
Ich kenne Japan noch sehr wenig. Wenn meine Tochter nächstes Jahr ihr Abitur hat, würde ich gerne drei Wochen durch Japan reisen. Eigentlich wollte ich in diesem Jahr mit einer Delegation zu den Olympischen Spielen nach Tokyo reisen, das entfällt wegen Corona nun. Ansonsten zieht es mich stark nach Portugal, ich bin seit Jahren zwei- bis dreimal im Jahr dort. Was das Lebensgefühl angeht, gefällt es mir dort sehr gut, die Landschaften sind großartig und ich kann dort Arbeit und Erholung gut kombinieren.
Was reizt Sie daran, Vorsitzender des Vereins Japanischer Garten zu sein?
Meine Begeisterung gilt grundsätzlich dem Projekt an sich. Es ist beispiellos, welch ein Juwel in den vergangenen mehr als 20 Jahren in ehrenamtlicher Arbeit mitten in der Stadt geschaffen wurde. Die administrativen Aufgaben sind aber auch eine große Herausforderung. Mein Ziel ist es, den Garten finanziell unabhängiger zu machen. Die Verwaltung wurde gestrafft und professionalisiert – ich betrachte die Entwicklung des Gartens in meiner Funktion also eher aus unternehmerischer Sicht. Mir macht es Freude, Menschen in diesem Projekt zusammenzubringen: Mitglieder, Sponsoren, Veranstalter, Besucher, Japanbegeisterte. Wir erfahren viel positives Feedback und das empfinde ich als große Bereicherung. Als gemeinnütziger Verein tragen wir auch einen Teil an sozialer Verantwortung. Wir haben beispielsweise neun festangestellte Mitarbeiter und sind darüber hinaus Maßnahmenträger für AGH, landläufig als 1-Euro-Jobs bekannt.
Nach welchem Konzept richtet sich der Japanische Garten denn, sprich, wie streng Japanisch geht es da zu?
Mein Stellvertreter, Andreas Schmidt, und ich sind ein sehr gutes Team. Er hat persönliche Beziehungen nach Japan, kennt die Kultur und spricht die Sprache. Er kümmert sich darum, dass der Garten authentisch japanisch ist. Es ist für uns Europäer manchmal schwer zu unterscheiden, was japanisch ist, oder anders asiatisch. Wir haben in ganz Deutschland den schönsten und authentischsten japanischen Garten – von der Fläche her auch den größten.
Wie sieht das konkret aus?
Unser Konzept unterscheidet sich kaum von der japanischen Philosophie: Es gibt dennoch Unterschiede. Ein Beispiel ist, dass in Japan an den Azaleen-Sträuchern beispielsweise die meisten Blüten entfernt würden, um den Blick auf einzelne perfekte Exemplare zu lenken. Das machen wir so nicht, bei uns würden sich die Besucher wundern, dass die Sträucher so wenige Blüten tragen. Es finden sich bei uns aber durchaus typisch japanische Elemente, wie die Formschnitte an Eiben und Kiefern, die ein speziell ausgebildeter Gärtner in Zusammenarbeit mit unserem Gärtner betreut. Ich denke, dass der Japanische Garten von uns als Verein nicht-kommerziell betrieben wird, verschafft ihm noch mal eine besondere Ausstrahlung, der Verein trägt als Seele des Gartens zu dessen besonderer Ausstrahlung bei.
Eine Besonderheit sind die Koi, was macht sie so interessant?
Das sind tolle Fische, jedes Tier hat seine eigene Persönlichkeit. Koi sind nicht stereotyp, ganz im Gegenteil. Es gibt neugierige, verfressene, einige kuscheln gerne und suchen den Körperkontakt zu anderen Fischen, wieder andere sind sehr zutraulich und lassen sich aus der Hand füttern. Die Zeichnungen und Färbungen sind vielfältig und unglaublich schön. Es ist eine Freude, sie zu beobachten und zu füttern.
Koi können ja richtig viel Geld kosten. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Die teuren Fische haben wir nicht, das können wir uns gar nicht leisten. In Japan gibt es aber große Züchter, die einen Stammbaum für jeden Fisch mitliefern. Unsere Tiere stammen zum einen aus eigenem Nachwuchs, zum anderen kaufen wir hinzu, um den Bestand zu ergänzen. Leider hatten wir ein großes Koi-Sterben vor zwei Jahren und es ließ sich nicht klären, was die Ursache dafür war. Wir haben Dutzende Fische innerhalb von wenigen Tagen verloren. Jetzt, wo der große Teich saniert ist, werden wir zu dem aktuellen Bestand wieder weitere Koi hinzufügen.
Was wurde am Teich gemacht?
Im Rahmen eines Sanierungspakets, das wir als Unterstützung von der Stadt Kaiserslautern erhalten, wurde der gesamte obere Teich erneuert, sowie die Wasser- und Filtertechnik ertüchtigt. Die Wasserqualität ist dadurch deutlich verbessert. Das Wasser stammt aus der Lauter. Die Qualität des Wassers hat eine große Bedeutung, damit die Fische ihre Konturen und Farben nicht verlieren. Das Gesamtpaket Teichsanierung und Wasser- und Filtertechnik hat in den vergangenen zwei Jahren rund 400.000 Euro gekostet. Das Wasser dient außerdem der Bewässerung des Gartens, dafür werden im Sommer täglich bis zu 50.000 Liter Wasser vergossen, um die Pflanzen ausreichend zu versorgen, damit sie keinen Hitzestress erleiden und um sie resistent gegen Schädlinge und Pilze zu halten.
Wo wir gerade bei Schädlingen sind, wie stark hat der Buchsbaumzünsler den Garten getroffen?
Wir haben vor zwei Jahren begonnen, den Buchs auszutauschen. Mittlerweile haben wir rund 90 Prozent des Buchses durch Eiben ersetzt, die der Buchsbaumzünsler nicht abfrisst. Eiben lassen sich ebenfalls gut in Form schneiden und haben ein schönes Grün. Allerdings ist es nicht einfach, kleinwüchsige Eiben in großen Mengen zu bekommen, es gibt sehr wenige Baumschulen in Deutschland, die sie anbieten. Wir haben im vergangenen Jahr einem der wenigen Händler das komplette Sortiment abgekauft.
Haben Sie zu Hause auch einen Garten? Wie sieht es denn da aus?
Wild. Ich wohne etwas außerhalb und überlasse die Wiese weitestgehend der Natur, da fühlen sich allerlei Tierchen sehr wohl. Und die Bäume liefern ohne großes Zutun Äpfel, Zwetschgen und Mirabellen. Einzig eine alte Kartoffelwaage ist mit Erdbeeren bepflanzt und wird gehegt und gepflegt.
Woher kommen die Besucher des Japanischen Gartens?
Aus ganz Deutschland, der Radius ist im Schnitt eine Autostunde von Kaiserslautern entfernt. Es gibt auch größere Gruppen, im vergangenen Jahr beispielsweise aus Hannover, Brandenburg, Chemnitz. So war der Garten zum Beispiel mal Treffpunkt einer Sternfahrt des Bentley-Clubs. Es kommen auch Kegelclubs oder Gruppen für Fotoexkursionen. Auch Menschen aus Luxemburg oder hier stationierte Amerikaner schätzen unseren Garten – und den Imbiss, an dem unser Koch Steven Welker typisch japanisches Essen anbietet. Er hat eine große Affinität für das Thema und ist ein wahrer Experte auf seinem Gebiet.
Wie sieht es finanziell mit dem Garten aus?
Eine Anlage wie diese ist immer chronisch unterfinanziert, das liegt in der Natur der Sache. Wir müssten 30 Euro und mehr als Eintritt von den Besuchern verlangen, wenn wir es betriebswirtschaftlich betrachten müssten. Doch das können wir natürlich nicht. Der Vorstand und viele Helfer arbeiten ehrenamtlich, wir finanzieren uns über Eintrittsgelder, die Einnahmen von Veranstaltungen, den Erlös des Imbisses, den Mitgliedsbeiträgen und Sponsorengeldern. Es gibt immer wieder auch Hilfe in Form von Arbeiten oder Material, die nicht monetarisiert werden.
Das Ehrenamt ist also enorm wichtig für den Garten?
Es bräuchte sicher über eine Millionen Euro im Jahr, wenn der Garten nicht mit so viel Ehrenamt, sondern beispielsweise von einer kommerziellen Betreibergesellschaft betrieben würde. Wir haben aber nur rund 350.000 Euro zur Verfügung. Daher ist das Ehrenamt so immens wichtig. Der gemeinnützige Verein als Betreibermodell ist in meinen Augen die perfekte Konstellation für diese Projekt. Aber wir sind natürlich immer auf außerordentliche Zuwendungen, also Spenden, angewiesen. Dabei ist es egal ob es sich um fünf Euro handelt, oder mehrere Tausend. Jeder Euro hilft uns, den Garten zu erhalten und weiter zu entwickeln.
Wie wichtig ist der Japanische Garten für die Stadt?
Er ist zu einem wichtigen Aushängeschild für die Stadt gereift, ein Alleinstellungsmerkmal. Nicht umsonst ist der Japanische Garten auf den Hinweisschildern an der Autobahn abgebildet, die auf die regionale Attraktion hinweisen. Wir haben inzwischen fast 60.000 Besucher pro Jahr hier. Eine Großzahl dieser Besucher kommt nicht direkt aus der Stadt, sondern der weiteren Region. Immer wieder höre ich von Menschen aus der Stadt den Satz: „Japanischer Garten? Natürlich kenne ich den. Aber ich muss gestehen, ich war noch nie drin.“ Es wäre schön, wenn die Wahrnehmung für die nächste Umgebung etwas zunehmen würde.
Ist der Garten durch die Einkommensverluste wegen des Corona-Virus’ gefährdet?
Grundsätzlich ja. Kein Mensch weiß, was Corona in Zukunft für uns alle bedeutet. Zu Beginn der Krise haben wir große Sorgen gehabt. Momentan wurde die Situation zwar etwas gelockert, aber wir sind weit vom Normalzustand entfernt. Und die entgangenen Einnahmen durch den Ausfall des Kirschblütenfestes und der Schließung bis Ende Mai können wir nicht aufholen. Wenn der Verein coronabedingt wirtschaftlichen Schiffbruch erleiden würde, gäbe es aber sicher andere Modelle, mit denen der Garten weiterbestehen würde. Aber das ist momentan kein Thema. Jetzt müssen wir erst einmal Geduld haben und hoffen, dass es sich wieder bessert. Wir haben Maßnahmen ergriffen wie Kurzarbeit, und Dinge, die eigentlich angestanden hätten, wie den Bau einer neuen Toilettenanlage oder die Sanierung der roten Brücke über dem Wasserfall, erstmal verschoben. Wir müssen sehr genau haushalten und jeden Cent zweimal umdrehen. Grundsätzlich sind wir weiterhin, und aktuell mehr denn je, auf Spenden angewiesen.
Wenn Sie nicht gerade arbeiten oder im Japanischen Garten sind: Haben Sie noch Zeit für Hobbys?
Ich singe leidenschaftlich gerne in einem Chor, bei Vocalis. Das geht ja aber leider momentan nicht. Auch die Trainings mit dem Männerballett des KVK, wo ich mittanzen darf, sind auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Aktuell bin ich dabei, das Imkern für mich zu entdecken. Es ist faszinierend, was diese kleinen Bienen leisten. Und ich habe mir gerade ein E-Bike gekauft, damit werde ich diesen Sommer die nähere Umgebung und unsere schöne Region erradeln. Außerdem stehen ein paar Touren mit dem Motorrad und Ausflüge mit Familie auf der Agenda. Ich leide grundsätzlich nicht an Langeweile.