Betze-Geflüster
Steffen Köhler ist beim FCK der Rasenflüsterer (der die Pflanzen immer mal wieder veräppelt)
Er kennt jede Ecke des Spielfelds im Fritz-Walter-Stadion nur zu gut und hört und sieht genau hin, was seine Halme gerade jetzt brauchen. Das muss auch jetzt bei der Hitze nicht unbedingt Wasser sein. Im Gegenteil, den Rasen jeden Tag zu bewässern würde falsche Signale an die Halme schicken, die sich dann daran gewöhnen, dass sie immer Wasser kriegen. Köhler und sein Team arbeiten da anders. „Wasser ist das Gold von morgen“, sagt er und erklärt, mit der Erfahrung von 18 Jahren als Greenkeeper beim Golfclub Barbarossa und 14 Jahren beim FCK, was viel effektiver wirkt: „Die wachsenden Pflanzen erziehen, damit die Wurzeln in die Tiefe gehen.“ Tiefere Wurzeln heißt stabilere Pflanzen, die auch wenn’s auf dem Spielfeld zur Sache geht, nicht gleich nachgeben. In der Praxis bedeutet das, dass der Rasen nur alle drei Tage kräftig gewässert wird und sich so nicht daran gewöhnt, dass er ständig Wasser kriegt.
Die Wundermaschine
Und dann hat der Greenkeeper noch einen Profitipp beziehungsweise eine Wundermaschine, die anders arbeitet als das, was vorher üblich war. Statt Löchern, Schlitzen und Wässern wird jetzt geschossen und gestrahlt und das Wasser in 15 bis 20 Zentimetern Tiefe an die Wurzel gebracht. Top-Changer heißt das Zaubergerät, das er seit vier Jahren in Betrieb hat und vom Golfplatz auf den Betze mitgebracht hat. Es schießt das Wasser mit Luftdruck in den Boden, direkt an die Wurzeln, und es kann noch mehr. „Wir können da Bodenhilfsstoffe mit reinbringen, zum Beispiel Algen. Die quellen dann an der Wurzel, und das Wasser sammelt sich dort. Was das am Halm bewirkt, ist schnell sichtbar: Er wird dichter, fester und bleibt länger grün.“ Doch die Kosmetik von oben ist nicht das, worauf es ihm ankommt. Der Chef-Greenkeeper ist natürlich auch Fußball- und FCK-Fan, und ihm geht es in erster Linie um die optimale Bespielbarkeit des Rasens.
22 Regner helfen Köhler und seinem Team, den Rasen gleichmäßig zu bewässern. Die blumentopfgroßen Düsen sind bis zu 18 Zentimeter im Boden versenkt und mit einem bepflanzten Topf abgedeckt, in dem der Rasen so dicht wächst, dass der kreisrunde Ausschnitt im abgesenkten Zustand praktisch nicht zu sehen ist.
Das Spiel mit dem Wetter
Köhler liebt dieses Spiel mit der Natur, die auch mit ihm spielt, den Spagat zwischen Hitze und Regen. Er arbeitet „möglichst viel mit der Natur, nicht gegen sie“. Er weiß, dass sich das Wetter nie zu 100 Prozent vorhersagen lässt und versucht trotzdem, so gut wie möglich darauf zu reagieren oder vorzusorgen. Zehn Wetter-Apps hat er auf seinem Handy. „Ich nehme dann immer die, die am besten ist für uns“, erklärt er lachend.
Auch wenn momentan die Sonne auf den Rasen brennt, weiß er, dass das mit der Hitze bald vorbei ist, die Nächte wieder kühler und die Tage feuchter werden und dass die Pflanzen dann andere Bedürfnisse haben. Dann füllt er seine Wundermaschine mit Sand, den er und die zwei Mitarbeiter auf dem Betzenberg und der Kollege auf dem Fröhnerhof in den Boden schießen, damit der Rasen Feuchtigkeit aufnehmen kann, sich wohlfühlt und es nicht zu Spielabbrüchen kommt.
Fingerspitzengefühl
Dass sich das Gras im Stadion nicht über einen Kamm scheren lässt und wie unterschiedlich die Halme im Stadion ticken, weiß er nur zu gut. „In West und Süd ist Schatten, auf der Schattenseite gibt es Staunässe“, erklärt Köhler – der in dem Bereich zum Beispiel weniger mit Algen arbeitet und mit Zonen, „um eine homogene Fläche hinzukriegen. Da braucht es viel Fingerspitzengefühl“, und manchmal eben auch die UV-Brille.
Hier noch ein Geheimnis vom Experten: die Auflösung des Rätsels, warum der Rasen kurz vor dem Spiel gesprengt wird. „Da denken immer alle, das ist, damit der Ball schneller wird. Aber der Effekt ist nach ein paar Minuten vorbei.“ Köhler wendet da einen anderen Trick an: Mit dem kurzen Bewässern gibt er seien Pflanzen das Signal, dass Regen kommt und sie ihren Schutzmechanismus ausschalten können. „Bei Trockenheit und Hitze arbeitet die Pflanze über Spaltöffnungen – wie beim Menschen, der schwitzt. Der Rasen wird strohig und kaputt, Krankheiten können eindringen und es dauert lange, bis die Pflanze wieder was aufnimmt.“ Die paar Sekunden Sprengen schaltet diesen Mechanismus aus. „Das ist ein bisschen wie beim Abschrecken“, sagt Köhler. „Der Grashalm kriegt einen Impuls, die Spaltöffnung bleibt auf. Wir verarschen die Pflanze ein bisschen“, gibt Köhler zu, dem es schließlich nur um eins geht, dass der Rasen im optimalen Zustand ist, wenn der FCK ein Heimspiel hat.
