Jazzfestival RHEINPFALZ Plus Artikel Spitzenjazzer kommen im April in Kaiserslauterns Kammgarn

Headliner aus Israel: Spitzenbassist Avishai Cohen.
Headliner aus Israel: Spitzenbassist Avishai Cohen.

Ab 7. April soll es steigen: das 27. Kammgarn International Jazzfestival in Kaiserslauterns Kulturzentrum. Jazzgrößen wie der israelische Jazz-Bassist Avishai Cohen oder die deutsche Gitarrenikone Sigi Schwab haben sich angesagt. Doch wird es auch tatsächlich stattfinden? In Zeiten, in denen noch immer Veranstaltungen en gros abgesagt werden?

Kammgarn-Chef Richard Müller, „Erfinder“ und Impresario des pfälzischen Traditionsfestivals, ist optimistisch. Und das, obwohl auch das Kammgarn-Programm bis in den April hinein manche Absage verzeichnet(e) – etwa fanden im Januar nur drei von 13 Veranstaltungen statt. „Doch, das passt, das Jazzfestival findet im April statt. Schließlich halten wir uns an die Regeln und setzen nur um, was wir auch machen können“, so Müller, der damit die derzeit gültigen Vorgaben wie 2-G (geimpft oder genesen) und Maske bis zum Platz anspricht. Man wolle mit dem Festival jetzt auch einen Punkt setzen, zur Normalität zurückkehren. Wobei das nicht ganz so einfach ist, wie Müller einräumt.

Das beginnt schon beim Buchen der Künstler. „Viele Touren fallen derzeit noch flach“, weiß Müller, „die Musiker kommen dementsprechend für unser Festival alle exklusiv nach Kaiserslautern.“ Was einerseits erhöhten Aufwand und damit auch höhere Kosten verursacht, bringt andererseits einen gewichtigen Vorteil: „So vermeiden wir Dopplungen“, benennt ihn der findige Kulturmanager, der in der Tat mit seinem frühen Festival so ziemlich allein in der Konzertlandschaft dasteht. Andere Festivals wie Palatia Jazz, Jazz Open in Stuttgart oder das berühmte Jazzfestival in Montreux folgen – wenn überhaupt – später.

Festival der Preisträger

Neben den Hygieneregeln schlägt sich die Pandemie auch in einem neuen Konzept der drei Festivaltage nieder: So teilt sich das Publikum nach einem gemeinsamen Konzert zu Beginn des zweiten und dritten Abends auf die beiden Nebenbühnen im Cotton Club und in der Schreinerei auf. „Im Kasino finden 450 Zuschauer Platz, die können wir danach ja nicht alle im Club unterbringen. Daher bieten wir dann im Club etwas heftigeren Jazz, in der Schreinerei dagegen eher ruhigeren Kammerjazz. Wir hoffen, dass wir damit Gedränge im Cotton Club vermeiden“, so Müller. Womit wir dann endgültig beim Programm des dreitägigen Konzertreigens angekommen wären.

Gleich zwei mögliche Mottos hat der Kammgarn-Chef für das 27. Jazzfestival parat: Einmal sei es das Festival der Preisträger. Schließlich seien fast alle der auftretenden Musiker mit Auszeichnungen hoch dekoriert. Aber auch inhaltlich benennt er ein Motto: Es sei die Festivalausgabe der Klaviertrios. Und tatsächlich hat er gleich vier davon im Angebot. Drei „klassische“ und eines, das den Bass durch ein Saxophon ersetzt.

Startschuss mit Sigi Schwab

Das Festival beginnt schon mit einem Ausrufezeichen. Gitarrenlegende Sigi Schwab kommt am 7. April mit seiner Camerata Bavarese ins Kasino. Das Kaiserslauterer Publikum konnte sich zuletzt 2008 in der Kammgarn von den Qualitäten des inzwischen 81-jährigen, gebürtigen Ludwigshafeners überzeugen; seinerzeit gastiert er mit Andreas Keller und Ramesh Shotham als Percussion Project beim Jazzfestival. Der seit langen Jahren in München lebende Schwab bringt diesmal mit der Camerata Bavarese Klaus Hampl an der Klarinette und eine Rhythmusgruppe mit. Seit 2015 verwendet Schwab mit dieser Formation Harmoniemodelle aus der Renaissance und dem Barock als Grundlage für die Improvisationen.

Der erste Abend, der komplett im Kasino stattfindet, bringt im Anschluss eines der angesagtesten Klaviertrios unserer Tage: Das international besetzte Tingvall-Trio mit dem schwedischen Pianisten Martin Tingvall, dem kubanischen Kontrabassisten Omar Rodriguez Calvo und dem deutschen Schlagzeuger Jürgen Spiegel gibt inzwischen die Hansestadt Hamburg als Wahlheimat an. Mit ihrem elegischen, feinsinnigen Spiel, das sich zu kraftvollen Klanggebirgen auftürmen und die unterschiedlichsten Atmosphären schaffen kann, beeindruckten Tingvall & Co. in Kaiserslautern zuletzt 2016. Der letztjährigen Festivaleinladung konnten sie wegen der Terminverlegung von April auf August nicht nachkommen.

Jede Menge Schalldruck

Den Festivaltag zwei (8. April) eröffnet im Kasino eine durchaus wilde Truppe aus Österreich: 2016 gründete Lukas Kranzelbinder Shake Stew mit einer aussagekräftigen Instrumentierung. Ein Trompeter, zwei Saxophonisten, zwei Bassisten und zwei Schlagzeuger bilden das außergewöhnliche Septett. Jede Menge Schalldruck und Rhythmus dürfte also zu erwarten sein.

Danach ist die Region in der Schreinerei am Zug: Der in Tschechien geborene und in Homburg lebende Gitarrist Sammy Vomacka spielt mit seinem Trio Jazz mit deutlichem Ragtime- und Blueseinfluss. Parallel tritt im Cotton Club das englische Klaviertrio Mammal Hands an – eben jenes Trio, das den Bass durch ein Saxophon ersetzt. Jordan Smart bedient es, Nick Smart wirkt am Klavier und Jesse Barrett am Schlagzeug sowie an der Tabla. Das Trio integriert verschiedene Einflüsse in sein Spiel: Spiritueller Jazz findet sich ebenso wie indische Musik, Folk und Klassik.

Weltklasse aus Israel

Den dritten Festivaltag (9. April) eröffnet passenderweise das dritte Klaviertrio des Festivals: Die Formation des israelischen Weltklassebassisten Avishai Cohen (nicht zu verwechseln mit seinem gleichnamigen Landsmann, der Jazztrompete spielt) vermengt zeitgenössischen Jazz mit den musikalischen Traditionen des Nahen Ostens – eine hypnotische Mischung.

Nach diesem Konzert im Kasino geht es in der Schreinerei mit Klaviertrio Nummer vier weiter, nämlich dem des Norwegers Helge Lien. Nordische Klangmagie ist, wie bei Martin Tingvall am Eröffnungstag, angesagt. Wer’s zum Festivalfinale „heftiger“ will, ist mit der bis zu 20-köpfigen Jazzrausch Bigband aus München, die zeitgleich im Cotton Club auftritt, sicherlich gut bedient. Immerhin ist sie die weltweit erste Bigband, die als Hausband in einem Techno-Club (Harry Klein, München) spielt und dabei genreübergreifend akustischen Techno mit House, Hip-Hop und Soul verbindet.

Ein feines und vielseitiges Lineup dieser 27. Festival-Ausgabe also. Bleibt zu hoffen, dass Kammgarn-Chef Müller es nicht wie im vergangenen Jahr wieder kassieren und für Sommer umstricken muss. Die Zeichen für ein gelungenes Festival stehen jedenfalls derzeit gut.

Das Festival

  • Eine Begleitausstellung mit den Schwarz-Weiss-Jazzfotos des renommierten Fotografen Heinz-Jürgen Rippert wird am 7. April, 18 Uhr, in der Schreinerei eröffnet.
  • Tag eins des Festivals, 7. April: Sigi Schwab (Kasino, 19.30 Uhr), Tingvall Trio (21 Uhr, Kasino). Tag zwei, 8. April: Shake Stew (20 Uhr, Kasino), Sammy Vomacka Trio (21.45 Uhr, Schreinerei) , Mammal Hands (21.45 Uhr, Cotton Club). Tag drei, 9. April: Avishai Cohen (20 Uhr, Kasino), Helge Lien Trio (21.45 Uhr, Schreinerei) und Jazzrausch Bigband (21.45 Uhr, Cotton Club).
  • Karten und Informationen gibt’s auf der Kammgarn-Homepage www.kammgarn.de und an den bekannten Vorverkaufsstellen.
Gerngesehener Gast in der Kammgarn: Sigi Schwab.
Gerngesehener Gast in der Kammgarn: Sigi Schwab.
Will sein Festival im April durchziehen: Kammgarn-Chef Richard Müller.
Will sein Festival im April durchziehen: Kammgarn-Chef Richard Müller.
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