Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Silvesterlauf einmal ganz anders

Auch das Schneetreiben bringt die zwei Läufer nicht von ihrem Ziel ab. Eisern fressen sie am Straßenrand Kilometer.
Auch das Schneetreiben bringt die zwei Läufer nicht von ihrem Ziel ab. Eisern fressen sie am Straßenrand Kilometer.

Einen lang gehegten Wunsch hat sich RHEINPFALZ-Mitarbeiter Peter Knick erfüllt. Zusammen mit dem Rekordsieger André Bour läuft er am letzten Tag des Jahres 2020 den eigentlich coronabedingt abgesagten Silvesterstraßenlauf des SV Kottweiler-Schwanden. Dieses zehn Kilometer lange Lauferlebnis schildert er in den folgenden Zeilen und verrät, wie ihm dabei der Schelm Till Eulenspiegel half, das Ziel zu erreichen.

Am Ende dieses merkwürdigen Jahres 2020 stehe ich am späten Vormittag am alten Schulhaus in Kottweiler-Schwanden. Ein vertrauter Ort für mich, stand ich doch hier schon fast 20-mal an einem Jahresende, nicht weit entfernt von der Startlinie des Silvesterstraßenlaufs, dieses renommierten, seit seiner Premiere 1972 fast alljährlich veranstalteten Rennens. Doch diesmal fehlen die vielen hundert Läufer, die hier sonst gespannt auf den Startschuss warten. Neben mir steht André Bour, der absolute Champion dieses Silvesterlaufs. Kein anderer prägte den Wettbewerb so wie er. Lief er doch siebenmal als Erster über die Ziellinie und avancierte damit zum Rekordsieger.

Allein zu zweit im Schnee

Der Himmel ist grau an diesem letzten Dezembertag, es schneit, nasse Schneeflocken fallen auf uns, aber wir sind bereit, wollen den Silvesterlauf gemeinsam bestreiten, nur wir zwei, denn das furchtbare Coronavirus hat auch diese schöne Lauf-Tradition schmerzhaft unterbrochen. Wurde doch schon vor einigen Wochen das Rennen, es wäre die 48. Auflage gewesen, wegen der noch immer ungezähmten Pandemie abgesagt.

Auf der Autorückbank

Als ich von der Absage erfuhr, traf mich das hart. Denn der Silvesterlauf bildete auch für mich immer den sportlichen Abschluss eines jeden Jahres. Zwar lief ich ihn bisher selbst nie mit, war aber als Reporter dabei, schrieb für die RHEINPFALZ über diesen Lauf. Dabei hatte ich jedesmal einen privilegierten Platz. Saß ich doch auf der Rückbank des Autos, das vor dem Feld fuhr, und konnte so das Geschehen an der Spitze genau verfolgen. Also immer ganz dicht dabei, und so war es doch ein wenig auch mein Silvesterlauf.

Der Anruf

Bei diesen vielen Fahrten kam mir oft der Gedanke, wie es wohl wäre, selbst als Silvesterläufer mit von der Partie zu sein. Und diesen lang gehegten Wunsch wollte ich mir jetzt erfüllen, zum ersten Mal den zehn Kilometer langen Rundkurs laufen. Da ich aber keine Lust hatte, ihn allein zu laufen, rief ich André Bour an und fragte ihn, ob er mich nicht begleiten wolle. Und zu meiner großen Freude sagte er spontan zu. Keine Selbstverständlichkeit. Denn ich bin kein geübter Läufer. Noch nie zuvor lief ich einen Zehner. Und obgleich er dies alles wusste, war der durchtrainierte Athlet André Bour dazu bereit. Eigentlich ein selbstloser Lauf von ihm. Vergleichbar mit einem Rennen, bei dem ein schnittiger Sportwagen neben einem Oldtimer herfährt.

Der Zuschauer

So weit die Vorgeschichte zu diesem ganz anderen Silvesterlauf, zu dem wir in heiterer Stimmung starten. „Wir haben gutes Laufwetter“, sagt mein Begleiter nach wenigen hundert Metern und macht mir damit Mut. Was mich auf diesen zehn Straßenkilometern erwartet, weiß ich, kenne ich doch wie André die Strecke genau. Wir laufen durch Kottweiler und haben dabei auch einen Zuschauer, der wohl mit unserem Tempo nicht zufrieden ist. „Ihr müsst mehr Gas geben!“, ruft er uns lachend zu. Doch das ist leichter gesagt als getan. Schneit es doch noch immer, und zudem sind auch einige Stellen auf dem Bürgersteig glatt. Mit der Geschwindigkeit ist es so eine Sache. Vor dem Start habe ich mir vorgenommen, mein Tempo zu laufen, auf keinen Fall zu überpacen. Ich will diese zehn Kilometer schaffen, das Ziel erreichen.

Zeitreise beim Laufen

Leichtfüßig läuft André Bour vor mir her. Wir unterhalten uns, halten dabei natürlich den in diesen Zeiten gebotenen Abstand ein. Erinnerungen an längst vergangene Silvesterläufe tauchen auf. Bour spricht von seinem ersten Sieg im Jahr 2001. „Damit hatte ich damals überhaupt nicht gerechtet“, erinnert er sich. Ich schrieb darüber und auch über die fünf weiteren Siege, die er diesem ersten Triumph hintereinander folgen ließ. Eine phantastische Siegesserie, die 2007 riss. Danach musste er acht Jahre warten, bis er seinen siebten und bisher letzten Silvesterlaufsieg feiern durfte. Den Zuschauern habe er viel zu verdanken, sie hätten ihn angefeuert und so zu seinen tollen Leistungen angespornt.

Fragende Blicke

Diesmal stehen aber keine Zuschauer am Streckenrand, als wir Steinwenden passieren. Bour vermisst sie. Es ist ein Rennen ohne Publikum. Lediglich einige der an uns vorbeisausenden Autofahrer mustern uns ungläubig, fragen sich wohl, warum wir uns das antun. Bei diesem Wetter. Regnet es doch mittlerweile recht heftig. Aber wir laufen unbeirrt weiter und erreichen die Steigung vor Ramstein. In meinen Artikeln beschrieb ich sie als „giftig“. Umso überraschter bin ich, dass ich sie ohne aus der Puste zu kommen bewältige. Weiter geht's. Wir erreichen Ramstein, laufen durch die Stadtmitte, bis uns eine Fußgängerampel stoppt. Im Gegensatz zu den normalen Silvesterläufen sind diesmal die Straßen nicht gesperrt. Wir müssen auf den Verkehr achten und sind fast die ganze Strecke auf Bürgersteigen unterwegs. Die Ampel springt auf Grün, und wir rennen weiter.

Wie eine Bleiweste

Mehr als die Hälfte des Weges liegt hinter uns. Ein gutes Gefühl, das aber nicht lange anhält, zumindest bei mir. Denn in Miesenbach gilt es, zwei Steigungen zu meistern. Und die erste hat es gleich in sich. „Hier entscheidet sich das Rennen“, bemerkt André Bour. Wie recht er doch hat. Auf dem sich lang hinziehenden Anstieg werden meine Beine von Schritt zu Schritt schwerer. Bleischwer ist auch meine baumwollene Laufjacke, die klitschnass ist. Doch trotz dieser Strapazen denke ich nicht ans Aufgeben.

Der Eulenspiegel-Trick

Till Eulenspiegel kommt mir in dieser kritischen Phase in den Sinn. Der tiefsinnige Schelm ging ja bekanntlich fröhlich den Berg hinauf, weil er wusste, dass es nachher wieder bergab geht. Ging er dann den Berg hinunter, verschlechterte sich seine Laune, da ja danach der nächste Berg auf ihn wartete und er sich wieder anstrengen musste. Diese Eulenspiegelei hilft mir – nach großer Anstrengung schaffe ich diese wirklich sehr giftige Passage und wenig später auch den zweiten, weniger giftigen Anstieg. Dabei benutze ich reichlich von einem aufputschendes Mittel: Traubenzucker, der aber nicht auf der Dopingliste steht.

Die letzte Etappe

Miesenbach liegt nun hinter uns, und vor uns sind schon die ersten Häuser von Kottweiler zu sehen. Die letzte Etappe beginnt. Nur noch zwei, drei Kilometer vom Ziel entfernt, werden die Beine wieder leichter. Wie gut ein aufmunterndes Wort tut, spüre ich in Kottweiler, als uns ein Mann zuruft: „Bald habt ihr's geschafft!“ Nur noch 1000 Meter. Im Gleichschritt laufen wir den Schlussteil, biegen um die Kurve und sehen das alte Schulhaus. André Bour bleibt an meiner Seite, er zieht nicht seinen gefürchteten Spurt an, wie er das bei seinen Siegesläufen auf der Zielgeraden tat und sich dann von den begeisterten Zuschauern feiern ließ. Wir reißen die Arme hoch, das Ziel ist erreicht, und auch wir bekommen Applaus. Hans-Joachim Redzimski, der langjährige Chef der Kaiserslauterer RHEINPFALZ-Redaktion, ist nach Kottweiler gekommen, um uns am Ziel zu empfangen.

Blick in die Zukunft

Ein schöner Abschluss meines ersten Silvesterstraßenlaufs. Ich fühle mich gut, bin auch ein wenig stolz, dass ich diese Herausforderung bestanden habe, und danke André Bour. Anderthalb Stunden war er mit mir unterwegs. Eine Ewigkeit für ihn, bedenkt man, dass er die Strecke bei seinem ersten Sieg in 32:59 Minuten lief. Beim nächsten Silvesterstraßenlauf will der 45-Jährige wieder ein anderes, wesentlich höheres Tempo laufen und zum achten Mal bei seinem Lieblingslauf triumphieren. Und ich werde mich wohl wieder mit der Zuschauerrolle begnügen.

Im Ziel und glücklich: Peter Knick und André Bour.
Im Ziel und glücklich: Peter Knick und André Bour.
Und fröhlich startet die Reise, am alten Schulhaus in Kottweiler.
Und fröhlich startet die Reise, am alten Schulhaus in Kottweiler.
André Bour läuft leichtfüßig voraus, Peter Knick folgt ihm.
André Bour läuft leichtfüßig voraus, Peter Knick folgt ihm.
Lassen sich die Laune nicht verderben: Peter Knick und André Bour im Schneeregen.
Lassen sich die Laune nicht verderben: Peter Knick und André Bour im Schneeregen.
So sah Peter Knicks Silvesterlaufeinsatz sonst aus: Er saß im Begleitfahrzeug. Hier interviewt er Dieter Gibs, Sprecher im Lauts
So sah Peter Knicks Silvesterlaufeinsatz sonst aus: Er saß im Begleitfahrzeug. Hier interviewt er Dieter Gibs, Sprecher im Lautsprecherwagen.
Rückblick: der Silvesterlauf 2019 in Kottweiler-Schwanden. 866 Teilnehmer machten sich da auf den Weg.
Rückblick: der Silvesterlauf 2019 in Kottweiler-Schwanden. 866 Teilnehmer machten sich da auf den Weg.
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