Stadtspaziergang
Siedlung am Belzappel: Begehrte Häuschen zwischen Stadt und Wald
Im Westen der Stadt grenzt die Siedlung an das Gelände der Amerikaner auf der Vogelweh. Im Wohngebiet, zwischen Pariser Straße und Bännjerrück gelegen, gibt es vor allem Ein- und Zweifamilienhäuser. Typisch ist die Spicherer Straße. Sie zweigt vom Keltenweg ab, macht einen Schlenker um die protestantische Lukaskirche und führt bis zur Homburger Straße am westlichen Ende.
Hier liegt quasi die Keimzelle der Siedlung, wie Hans-Werner Halter, der Vorsitzende der Siedlergemeinschaft am Belzappel, erzählt. 1933 wurde damit begonnen, in dem ehemaligen Waldgebiet Häuser für kinderreiche, arme Leute zu bauen – vor allem für Familien, deren Ernährer arbeitslos waren. Errichtet wurden kleine Häuser mit einer Wohnfläche von gerade mal 65 Quadratmetern, das Grundstück hingegen maß 1000 Quadratmeter. Mit einem großen Garten sollte sich die Familie selbst ernähren können. Außerdem gab es noch einen „Wutzestall“ oder eine „Eselgarage“, wie Eugen Adam, ebenfalls aktiv in der Siedlergemeinschaft, erklärt.
Kein Siedlungshaus im Ur-Zustand
„Die Leute haben damals 3500 oder 4000 Mark für das Haus bezahlt, die Erbpacht betrug einen Pfennig pro Quadratmeter – und zwar für 100 Jahre, dann sollte das Grundstück den Hauseigentümern gehören“, schildert Halter. 65 Quadratmeter – auf denen lebt heutzutage höchstens ein Single. Und so kam es, dass in den vergangenen Jahrzehnten jedes der ehemaligen Siedlungshäuser um- oder etwas angebaut wurde. Bei manchen ist der Ursprung fast nicht mehr zu erkennen, bei einigen ist die Garage, auf dem großen Grundstück hinter dem Haus entstanden, heute fast so groß wie das ursprüngliche Gebäude. „Früher gab es da strenge Auflagen“, erinnert Halter. Und er hält nicht mit seiner Kritik hinter dem Berg, weil im zweiten Teil der Spicherer Straße, hinter der Kirche gelegen, gerade ein sehr großer Neubau entsteht, der fast das gesamte Grundstück einnimmt: „Dass das von der Stadt genehmigt wurde…“
Wer durch die Straßen des Viertels spaziert, fühlt sich fast wie auf dem Land – aber in der Stadt ist man schnell, denn in der Pariser Straße fährt die Buslinie 101. Und auch der Bahnhaltepunkt Kennelgarten liegt quasi vor der Haustür. Früher gab es an der Pariser Straße noch einen Tante-Emma-Laden, Bäckerei und Metzgerei sowie eine Gaststätte. Dass bald ein Einkaufsmarkt gegenüber im Neubaugebiet auf dem Gelände des ehemaligen Eisenbahn-Ausbesserungswerks eröffnet, freut vor allem viele der älteren Bewohner.
Und von diesen gibt es noch einige. Der Vorsitzende der Siedler, der beim Gang durch die Straßen viele Anwohner mit Vornamen begrüßt, schildert, dass es etliche Häuser gibt, in denen mehrere Generationen zusammenleben – oder die Häuser wurden schon an die Jungen weitergegeben. Wenn ein Haus verkauft werde, sei es sehr begehrt – die Nähe zur Stadt und gleichzeitig zum Wald kämen gut an. Für junge Familien ebenfalls wichtig ist die Kindertagesstätte neben der protestantischen Kirche.
Fluglärm ärgert alle gleich viel
In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde hinter der ursprünglichen Siedlung ein Neubaugebiet erschlossen mit den Straßen Keltenweg, Fuchsberg und Am Jörgsbild. Was auffällt: Je weiter entfernt und je mehr Bebauung dazwischenliegt, umso weniger hört man den Lärm der Pariser Straße. Nur der Fluglärm, der ärgert alle gleich viel. Auch aus diesen „neueren“ Straßen haben sich einige der Siedlergemeinschaft angeschlossen, die laut Halter heute rund 200 Mitglieder zählt.
Beim Gang durch die Siedlung fällt die Ecke Spicherer- und Homburger Straße besonders auf: Auf einer dreieckigen Rasenfläche steht unter drei mächtigen alten Linden eine originelle Bank – ein lauschiges Plätzchen. Genau gegenüber wohnen Lothar und Hedwig Baum. Der Hausherr erzählt, dass hier beim Bau der Siedlung Häuser entstanden für Leute, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten. „Zwölf Häuser, jedes hat 5800 Mark gekostet – mit Grundstück“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die Versorgung des großen Grundstücks, die fällt den Senioren heute schwer.
Wer durch die mal engen, mal breiteren Straßen der Siedlung spaziert, sieht viele schön gepflegte Gärten. Im hinteren Teil, zur amerikanischen Housing hin gelegen, führt ein Fuß- und Radweg zum Keltenweg. Am dortigen Wendehammer sind recht spät stattliche Häuser entstanden. „Da konnte man früher in den Wald“, weiß Halter. Heute muss, wer in den Wald will, bis zum Vereinsheim „Am Belzappel“ laufen. Dort führt der Westpfalz-Wanderweg vorbei. Gertrud Halter erzählt, dass sich jeden Morgen um 8 Uhr Hundehalter treffen, Richtung Hohenecker Wald laufen – und dabei noch Müll sammeln.
Vereinsheim ist das Herzstück der Siedlung
Das Vereinsheim darf getrost als Herzstück der Siedlung bezeichnet werden. Von den Mitgliedern der Siedlergemeinschaft eigenhändig errichtet, kostet die Unterhaltung heute nicht nur Geld, sondern auch manche Nerven. Deswegen ist Halter froh, dass 2019 erneut ein Pächter gefunden wurde. Mohamed Ben Hassine, ein Tunesier, führt die Gaststätte jetzt wieder unter dem Namen „Am Belzappel“ und bietet italienische Küche an. Auch ihn hat der Lockdown hart getroffen, war doch monatelang nur Essens-Abholung oder -lieferung möglich. Doch jetzt freuen sich Gäste – nicht nur aus der Siedlung –, bei schönem Wetter wieder unter alten Bäumen sitzen und speisen zu können. Auch ein großer Saal und ein kleineres Sitzungszimmer gehören zum Vereinsheim.
Nebenan befindet sich der Spielplatz, der gut besucht ist. Und ein Stück weiter führt ein Weg mit Treppen – wie auch vom Fuchsberg aus – zum Wohngebiet Bännjerrück. Aber das ist ein anderer Spaziergang.
