Kaiserslautern Sich lebendig fühlen

Nachdenklich ging es am Sonntagabend bei der Verleihung der Golden-Globe-Filmpreise in Los Angeles zu, die Anschläge in Paris bewegten zahlreiche Beteiligte zu „Ich bin Charlie“-Bekenntnissen. An einen nachdenklichen Film, der nah am Leben ist und viel über familiäre und soziale Befindlichkeiten aussagt, gingen denn auch die wichtigsten Preise: Richard Linklaters „Boyhood“ wurde als bestes Kinodrama und für die beste Regie ausgezeichnet, Darstellerin Patricia Arquette für die beste Nebenrolle.
So stark wie in „Boyhood“ haben sich wahres Leben und Kunst selten verschränkt: Richard Linklater beleuchtet das Aufwachsen eines anfangs Achtjährigen (Ellar Coltrane) in Echtzeit. Zwölf Jahre lang, ab 2002, hat der seit seinem Film „Slacker“ als Leitfigur der Generation-X geltende Linklater mit seinen vier zentralen Darstellern gedreht – das Team wurde gemeinsam älter, gereifter. Deutlich wird dies besonders in der Rolle Patricia Arquettes. Sie spielt die Mutter, die Praktikerin, die den Lebenskünstlervater (Ethan Hawke) in den Wind schießt, weil sie für Sohn und Tochter (Linklaters Tochter Lorelei) Stabilität sucht. Sie müht sich durch ein Studium, um einen besser bezahlten Job zu bekommen, und sucht nach einem neuen Mann und Vater, wobei sie Pech hat und auf Männer mit ihr widersprechenden Prinzipien trifft. Was macht eine Familie aus?, fragt der beeindruckende Film, der ab 22. Januar wieder in die deutschen Kinos kommt. Es geht um Männlichkeitsvorstellungen, Erziehungsfragen, Politik, Religion und vor allem darum, sich lebendig zu fühlen. Die rund um Austin, Texas, angesiedelte Langzeitstudie fängt die jeweilige Stimmung des Landes ein: die Euphorie von 2008, als Barack Obama US-Präsident wurde, aber auch die spätere Angst, nicht über die Runden zu kommen. „Boyhood“, der bei der Berlinale 2014 schon der Lieblingsfilm von Publikum und Kritik war, jedoch „nur“ den Regiepreis gewann, ist ein würdiger Globes-Gewinner. Und nun ein starker Oscarfavorit. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick dürfte sich auch darüber freuen, dass der letztjährige Eröffnungsfilm „The Grand Budapest Hotel“, der auch den Berlinale-Jurypreis gewann, nun ebenfalls einen Globe als bester Film holte: in der Kategorie Komödie. Denn bei den von der Hollywood-Auslandspresse verliehenen Weltkugeln werden stets zwei beste Filme ausgezeichnet, ein Drama sowie eine Komödie oder ein Musical. Der Preis für „The Grand Budapest Hotel“ ist auch ein kleiner Sieg für die deutsche Filmförderung: Die Tragikomödie um ein Hotel in den Bergen Osteuropas während der dunklen 1930er ist in Görlitz gedreht worden. Bei den Drama-Schauspielpreisen hatte Eddie Redmayne im Duell der Wissenschaftlerporträts die Nase vorn: Er gewann für seine sanft-charmante, in jedem Detail stimmige Darstellung des Physikers Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ (seit 25. Dezember im Kino) einen Globe, während der ebenfalls hoch gehandelte Benedict Cumberbatch als Mathematiker und Computer-Entwickler Alan Turing in „The Imitation Game“ leer ausging. Bei den Komödien wurde Michael Keaton als bester Schauspieler geehrt, der in „Birdman“ einen ausgemusterten Superheldendarsteller gibt. Der ungewöhnliche Witz des sieben Mal nominierten Films wurde zudem mit einem Drehbuch-Globe für die Autoren Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris und Armando Bo gewürdigt (Start: 29. Januar). Die eine herausragende Frauenrolle bot das Filmjahr nicht, so wurde auch hier ein eher dezentes Drama ausgezeichnet: Julianne Moore gewann für ihre Darstellung einer alzheimerkranken Linguistin in „Still Alice“ (Kinostart: 5. März). Den Komödien-Globe erhielt für ihre Rolle in Tim Burtons Kunstfälscher-Film „Big Eyes“ (ab 23. April im Kino) erneut Amy Adams, die langsam zur Komödiendauerwaffe wird. Der ebenfalls für „Big Eyes“ nominierte Christoph Waltz ging leer aus. Den Nebendarsteller-Globe gewann J.K. Simmons für seine Rolle als Schlagzeuglehrer in „Whiplash“ (Start: 19. Februar). Bei den Fernsehpreisen räumten neue Formate ab: Die von Amazon produzierte und nur über den Internetkonzern zu beziehende Serie „Transparent“ über einen Transsexuellen gewann als beste Comedy, in der Dramenkategorie gab es den Darstellerpreis für Kevin Spacey in der Netflix-Serie „House Of Cards“. Der Cecil-B.-DeMille-Preis fürs Lebenswerk wiederum ging an einen erst 53-Jährigen. George Clooney scherzte denn auch in seinem Hochzeitssmoking mit „Je suis Charlie“-Anstecker über Preise wie die Globes, dankte seiner Frau und kommentierte bewegt die Trauermärsche von Sonntag: „Da waren Christen, Juden und Muslime. Sie haben nicht protestiert. Sie marschierten für die Idee, nicht in Angst durchs Leben zu gehen. Und das werden wir nicht.“