Kaiserslautern Schuss ins Glück

Trotz Regens ging am Mittwochabend die Eröffnungspremiere der Bregenzer Festspiele über die Bühne. Der Schweizer Regisseur Marco Arturo Marelli lieferte das gewünschte und erwartete Spektakel für die Augen, Paolo Carignani sorgte mit den Wiener Symphonikern für die passende Filmmusik zu den opulenten Bildern auf der größten Seebühne der Welt.
Die Überwältigung beginnt lange bevor der erste Ton von Puccinis letzter Oper erklingt. Die Bühne auf dem See zeigt eine 72 Meter breite, an ihrem höchsten Punkt 27 Meter hohe und aus 650 gewaltigen Steinen bestehende Mauer, deren Verlauf an den Körper eines Drachens erinnert. Vor und hinter der Mauer steht eine den Terrakotta-Kriegern nachempfundene Armee entweder im Wasser oder aber sie schwebt in der Luft. Alles ist eben ein bisschen größer hier, schließlich geht es darum, Oper für 7000 Menschen zu zeigen. Da kann man sich nicht mit Details aufhalten, hier gilt’s dem Augenspektakel, dem Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli mit Feuerakrobaten, Schwertkämpfern und Volksmassen auch kräftig Zucker gibt. Wer in Bregenz intimes Kammerspiel sucht, der kann am Tag darauf ins Festspielhaus in „Hoffmanns Erzählungen“ gehen. Doch Oper im Breitbildformat alleine ist Regisseur Marelli dann doch zu wenig. Er sucht nach dem eigenen Regieansatz – und findet ihn letztlich nicht wirklich überzeugend in der Biografie Puccinis. Im Vordergrund der Hauptbühne sehen wir zu Beginn, nachdem bereits mit den ersten Tönen ein gewaltiges Loch in die Mauer gebrochen wurde, Calaf auf einem Bett sitzend. Im Programmheft zumindest kann man dann später erkennen, dass er mit seiner Kleidung (Kostüme: Constance Hoffmann) und Frisur aussieht, wie der Komponist. Das Ringen um die Liebe, das den Frauenhelden und Autonarren, den Genussmenschen Puccini ein Leben lang umgetrieben hat, fände also eine Art – unvollendet gebliebene – Apotheose in seiner letzten Oper? Aus Turandot wird die stets eifersüchtige Ehefrau Elvira? Aus der sich opfernden Liu das arme Zimmermädchen Dora, das von den ungerechtfertigten Verdächtigungen Elviras in den Selbstmord getrieben wurde? Das alles sind Behauptungen, die von der Regie nicht eingelöst werden. Am stärksten ist diese, wenn sie sich auf die Zylinder-Spielfläche in der Mitte der Bühne konzentriert, die hochgeklappt auch als Videoleinwand funktioniert. Hier ist das Zentrum dieser Produktion, die im Kleinformat schon in Graz zu sehen war, wo ja die neue Bregenzer Intendantin Elisabeth Sobotka zuvor beschäftigt war. Wenn zu Turandots Erzählung von ihrer geschändeten Urahnin Masken in Nahaufnahme gezeigt werden, dann gehört das sicherlich zu den intensivsten Momenten der Inszenierung. Man wird sich dann auch wieder bewusst, wie nahe Puccini an die Filmmusik herangerückt war, was sicherlich auch ein Grund dafür ist, warum seine Opern auf der Seebühne so gut funktionieren. Für den trotz elektronischer Übertragung erstaunlich gut abgemischten Klang sorgen die im Festspielhaus postierten Wiener Symphoniker unter der Leitung von Paolo Carignani. Der nimmt die ganze Wucht, die brachiale Gewalt der Partitur ebenso beim Wort wie er versucht, trotz riesiger Bühne lyrische Details zu retten. Dies gelingt am besten in der Sterbeszene der von Guanin Yu gesungenen Liu, die zu den großen Gewinnern des Abends zählt. Auch Riccardo Massi überzeugt als Calaf, weil er sich jeder stimmlichen Verausgabung entzieht und trotz Mikrofonen stimmlich gestaltet. Dagegen überdreht Mlada Khudoley als Turandot an manchen Stellen. Die Stimme neigt dann zu Schärfen. Eine Überraschung gibt es noch im Finale, nachdem sich Turandot und Calaf nun endlich in den Armen liegen. Steil nach oben spritzend feuern Wasserfontänen zu den Schlussakkorden in den Bodensee-Nachthimmel. Ein Schelm, wer da an den erlösenden ersten „Schuss“ des unter sexuellem Überdruck stehenden Calaf denkt. Termine Heute (Public Viewing um 20 Uhr im SWR-Studio Kaiserslautern, Anmeldung: 0631/36228-39565), 25., 26., 28., 29., 31. Juli; 1., 2., 4., 5., 7., 8., 9., 11., 12., 13., 14., 15., 16., 18., 19., 20., 21., 22. und 23. August.