Interview
Sarah Deutsch von der Bundespolizei: „Ich wünsche mir mehr Wertschätzung“
Frau Deutsch: Worin liegen eigentlich die Aufgaben der Bundespolizei in Kaiserslautern?
Zuerst einmal sind wir ja nicht nur für Kaiserslautern zuständig. In Kaiserslautern ist der Sitz der Bundespolizeiinspektion, aber zuständig sind wir von Mainz bis an die deutsch-französische Grenze sowie vom Rhein bis an die Grenze des Saarlandes. Das sind rund 8200 Quadratkilometer, verteilt auf 19 Landkreise und kreisfreie Städte. Hier kontrollieren wir, grob gesprochen, den Bahnverkehr und die Grenzen.
Eine große Fläche. Das wird aber nicht alles allein von Kaiserslautern aus betreut, oder?
Es gibt fünf Reviere in unserem Inspektionsbereich: in Mainz, Bad Kreuznach, Neustadt, am Grenzübergang der B 9 im Bienwald in der Südpfalz und natürlich in Kaiserslautern. Dazu kontrollieren wir noch den einreisenden Flugverkehr auf der Air Base in Ramstein. Dort sind wir sogar 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche präsent. Dagegen gibt es sogenannte Dienstverrichtungsräume, wie zum Beispiel am Hauptbahnhof in Worms, hier sind wir unregelmäßig präsent, abhängig von Lage und Bedarf. Außerdem gibt es sieben kleinere Flugplätze in unserem Zuständigkeitsgebiet, etwa die in Speyer oder Zweibrücken, aber auch die Pottschütthöhe in der Südwestpfalz, nur um einige zu nennen.
Bleiben wir kurz beim Bahnverkehr. Dafür ist die Bundespolizei zuständig?
Ja, die Bundespolizei ist hier originär zuständig für die Sicherheit der Bahnanlagen sowie der Abwehr von Gefahren für die öffentlich Sicherheit und Ordnung auch auf den Bahnstrecken. Außerdem verfolgen wir Straftaten und bestimmte Ordnungswidrigkeiten.
Von der Inspektion in Kaiserslautern sieht man den Hauptbahnhof ja schon direkt …
Wir sind aber nicht nur für die Hauptbahnhöfe zuständig, sondern für alle der 223 Bahnhöfe und Haltepunkte entlang der 1200 Bahnkilometer unseres Zuständigkeitsbereichs.
Sicherlich können Ihre Mitarbeiter die Bahnanlagen schon an den Bahnsteigen allein erkennen …
Das könnte sein. Wir sind vielfältig unterwegs. Täglich gibt es rund 120.000 Bahnreisende, welche sich im vorgenannten Bereich in unserer Zuständigkeit bewegen. Das ist durchaus eine Herausforderung, zumal wir von der administrativen Seite her in Kaiserslautern sitzen und teilweise große Strecken zurücklegen müssen bis zu den Einsatzorten Rund 300 Mitarbeiter der Bundespolizei haben wir in unserem Bereich im Einsatz. Durch Corona kam dann ein weiterer Schwerpunkt zu unserer Arbeit hinzu.
Welcher denn?
Corona bedingt wurde die Anzahl der Grenzkontrollen und Fahndungseinsätze wieder erhöht.
Das kannte man bis dahin kaum mehr.
Ja, das stimmt. Seit dem Abkommen von Schengen gab es kaum noch Kontrollen. Deshalb hat uns das auch einiges an Kraft abverlangt und wir mussten einige Klimmzüge machen. Der Bahnverkehr wurde in dieser Zeit nicht weniger, es fuhren zwar nicht mehr so viele Menschen mit der Bahn, aber das Aggressionspotenzial nahm in der Zeit erheblich zu und die Reizschwellen der Menschen sanken. Das hat man gemerkt, bei den regelmäßigen Erinnerungen der Reisenden mit Hinblick auf die Maskenpflicht in den Bahnhöfen und Zügen.
Hat aggressives Verhalten allgemein zugenommen?
In meiner Wahrnehmung schon, ja. Aber, und es ist mir wichtig, dies zu betonen, es gibt auch ganz viele Menschen, die großes Vertrauen in die Bundespolizei und die Arbeit der Beamten haben. Allerdings haben wir mit diesen Menschen auch weniger zu tun. Ich habe höchsten Respekt vor den Kollegen und Kolleginnen, die bei ihrer täglichen Arbeit mit aggressivem Verhalten konfrontiert werden, und dabei aber ruhig und gelassen bleiben. Das zeugt von einem hohen Maß an Professionalität, die sowohl täglich als auch bei größeren Einsätzen wie bei Fußballspielen und Demonstrationen verlangt wird.
Wann sind ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders gefordert?
Im Sommer hantierte ein Reisender in einer voll besetzten Regionalbahn von Wiesbaden nach Mainz mit einer Schusswaffe. Am Hauptbahnhof Mainz sprachen die verängstigten Reisenden eine Streife an. Kurz darauf stellten die Beamten auf dem Bahnsteig die betreffende Person.
Was passierte dann?
Die Beamten zogen die Schusswaffen und sprachen die Person an. Erst nach mehrmaliger Aufforderung und Einwirken legte die Person die Waffe am Bahnsteig nieder. Im Nachgang stellte sich heraus, dass es sich um eine Gasdruckpistole handelte. Dies war aus der Distanz nicht erkennbar. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in dieser Situation sehr professionell und besonnen reagiert.
Wird das auch in der Ausbildung thematisiert? Wie ich ruhig bleibe, gelassen im Dienst bin?
Bei vielen jungen Kollegen und Kolleginnen, die im Rahmen der Ausbildung in unseren Revieren Praktika machen, ist das ein Thema. Die Beamten werden ja nicht immer nur körperlich angegangen, sondern auch häufig verbal angegriffen oder provoziert. Das ist schon eine Grenzerfahrung. Die Kolleginnen und Kollegen besprechen untereinander die Realitäten der täglichen Arbeit und tauschen sich aus. Dementsprechend hat das dann schon auch Einfluss auf die Ausbildung und den Umgang mit solchen Erfahrungen.
Bahnverkehr, Grenzkontrollen: Was macht die Bundespolizei noch?
Wir verfügen zusätzlich über einen Ermittlungsdienst, der sich neben vielen anderen Delikten mit der Schleuserkriminalität befasst, aber auch mit Graffiti und Eigentumsdelikten. Gerade ermitteln wir in enger Zusammenarbeit mit der Landespolizei in einer Serie von Graffiti. Dabei haben wir bei nächtlichen Sondereinsätzen eine Gruppe von Sprayern ins Visier genommen und konnten auch drei Täter auf frischer Tat ertappen. Wir reden hier über einen Gesamtschaden von rund 100.000 Euro.
Was steht für 2022 ganz oben auf der Agenda?
Wegen Corona ist bei uns die Präventionsarbeit stark zurückgefahren worden. Dies wird wieder verstärkt in den Fokus gerückt werden. Insbesondere geht es dabei darum, auf die Gefahren an Bahnanlagen hinzuweisen, etwa auf die Hochspannungsleitungen oder auch das Überqueren von Gleisen. Den Menschen sind die Gefahren oft nicht bewusst und leider gibt es deshalb immer wieder Tote und Schwerstverletzte. Es wäre wünschenswert, wenn wir da wieder mehr machen könnten. Prävention ist immer besser als Repression!
Welche Meldungen wollen Sie bei Ihren täglichen Einsatzbesprechungen nicht mehr hören?
Also was wir gar nicht brauchen, sind Kollegen und Kolleginnen, die im Dienst verletzt werden. Darauf kann ich gern verzichten. Außerdem möchte ich generell nicht, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angegriffen werden. Polizeibeschäftigte tun ihren Dienst nämlich nicht als Privatmenschen, sondern stehen im Dienst für die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Bürgerinnen und Bürger ein. Ich wünsche mir, dass den Beamten die dafür gebührende Wertschätzung entgegengebracht wird.