Kaiserslautern Russisches Chaos

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Zunächst einmal ist man überrascht, dass ein Haus wie die Staatsoper Stuttgart eine Produktion aus Dessau und Weimar übernimmt. Der Grund hierfür dürfte sein, dass die Regisseurin Andrea Moses früher Hausregisseurin im Schwabenland war. Doch ihre Inszenierung von Mussorgskys selten gespielter Oper „Chowanschtschina“ hat es tatsächlich verdient, auch an anderen Häusern gezeigt zu werden.

Modest Mussorgsky, der 1881 mit nur 42 Jahren, gezeichnet von einem exzessiven Alkoholkonsum, starb, gehört zu den großen Außenseitern der russischen Musikgeschichte. Komponieren hat er sich selbst beigebracht, die Orientierung an der westlichen Musiktradition, wie sie Tschaikowsky vorlebte, verachtete er. Mussorgsky wollte Musik schreiben, die dem russischen Volk abgelauscht war, unkonventionell, archaisch, originell. Seine Nachlass-Verwalter, allen voran Rimsky-Korsakow und Ravel, haben vieles davon geglättet. Und so ist es nur zu begrüßen, dass in Stuttgart die viel authentischere Vervollständigung von „Chowanschtschina“ aus der Feder von Schostakowitsch gezeigt wird, für die Strawinsky das Finale angefertigt hat. Das Ergebnis ist ein Stück, das die Regeln der klassisch-geschlossenen Opernhandlung sprengt und stattdessen eine Art episches Musiktheater bietet, das Episoden aus dem Moskau des 17. Jahrhunderts aneinanderreiht. Die Regie von Andrea Moses macht sich einen Grundgedanken Mussorgskys zu eigen. Dieser strebte danach, das Vergangene im Gegenwärtigen aufzuzeigen. Für den Komponisten bedeutete dies, die Wirren und die existenzielle Unsicherheit des 17. Jahrhunderts im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederzuerkennen und zu spiegeln. Die Regie in Stuttgart geht in der Ausstattung von Christian Wiehle noch einen Schritt weiter und zeigt uns ein zeitgenössisches Russland, das unter denselben Problemen leidet: Es herrschen Unsicherheit und Brutalität, die Menschen sind orientierungslos und sehnen sich nach einem starken und charismatischen Führer. Das kann der von Mikhail Kazakow mit fulminant wuchtigem Bassbariton gesungene Anführer der Altgläubigen, Dossifej, sein; oder der Strelitzen-Oberst Chowansky, aus dem Askar Abdrazakov einen typischen russischen Oligarchen macht, der sich mit seinen Milliarden die Welt unterwerfen möchte. Schließlich wäre da noch der Intellektuelle, General Golizyn, Typ skrupelloser Machtpolitiker und von Matthias Klink mit großer Intensität gesungen und gespielt. Letztlich scheitern alle diese Führerfiguren in einem Russland, das seine Wurzeln verleugnet und seine Identität verloren hat. Die Bühne zeigt eine mit Coca-Cola- und McDonalds-Werbung verunstaltete Basilius-Kathedrale, der ehemals stolze russische Bär dient nur noch als Unterbau für das Politbüro. Das Volk wird von den Strelitzen terrorisiert, die ihrerseits in schäbigen Plattenbauten ein trostloses Dasein fristen. Es herrscht das Chaos. In Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Russlands. Und auch die Musik Mussorgskys stürzt sich zwischenzeitlich mitten hinein in ein ebenso buntes wie pralles und verwirrendes Treiben. Das klingt im dritten Akt dann sehr modern, absolut über das 19. Jahrhundert hinausverweisend und kann den Bearbeiter Schostakowitsch nicht verleugnen. Das Chaos erscheint als eine Art unverschuldetes russisches Schicksal. Die Regie verurteilt nicht und wertet auch kaum. Sie zeigt auf, wozu es vermeintlicherweise seit Jahrhunderten keine Alternative gibt. Keinen Ausweg – bis auf einen, der keiner sein darf: der Massenselbstmord der Altgläubigen, die in Moses’ Inszenierung ins Gas gehen. Zuvor ist der Chor durch den Zuschauerraum auf die Bühne geschritten. Nun stehen die Wachen des neuen Zaren Peter an den Türen und verriegeln diese. Während die Giftwolke ganz langsam aus dem Bühnenraum kommend auf die Zuschauer zuschwebt. Ein beklemmendes Schlussbild

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