Kaiserslautern Regisseur Philipp Westerbarkai spricht über „Dead Man Walking“
Worum geht es in „Dead Man Walking“?
Es geht um Joseph de Rocher, einen zum Tod verurteilten Mörder, der mit seinem Bruder einem jungen Paar auflauert und die junge Frau vergewaltigt. Beide werden getötet. De Rocher wird zum Tod verurteilt, sein Bruder sitzt bis heute im Gefängnis. Das historische Vorbild, Elmo Patrick Sonnier, wurde 1984 auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Dann haben wir Sister Helen, eine Ordensschwester, 1939 geboren, die seit den 80er Jahren zum Tod verurteilte Männer bis zur Hinrichtung begleitet und bis heute eine der wichtigsten Stimmen gegen die Todesstrafe ist. Um diese beiden Hauptcharaktere bekommen wir Einblick in das Leben, aber auch in die Meinungen aller Beteiligten, zum Beispiel der Mutter des Delinquenten, der Eltern der getöteten Menschen, des Gefängnisdirektors. Es entspinnt sich ein Netz aus vielen Menschen und Meinungen, die aufeinander stoßen, und jeder von ihnen hat an sich Recht. Aber wo beginnt Menschlichkeit? Geht es darum, die eigene Welt zusammenzuhalten? Oder eine Empathie für das Gegenüber zu entwickeln, selbst wenn es gegen das eigene Meinungsbild verstößt?
Macht Joseph de Rocher, der verurteilte Mörder, denn eine Veränderung durch?
Alle Charaktere durchlaufen einen Wandlungsprozess. Niemand geht als Sieger oder Unbescholtener hervor, weil dieser juristische Fall so eindringlich ist und so viel von den Individuen fordert, dass eine persönliche Entwicklung unumgänglich ist. Man kann sich dem nicht entziehen. Die Geschichten clashen aufeinander; es entsteht ein Druckkessel, der zu explodieren droht.
Wie zeichnen Sie die Charaktere? Über Einfühlung oder über Distanz? Gibt es Helden oder Anti-Helden?
Ich nähere mich allen Charakteren über ihr Menschsein an, indem ich allen eine Chance gebe, hinter die Fassade blicken zu lassen, was für das Publikum ein schabloniertes Schauen oder Bewerten schwierig macht. Gerade das Bewerten fällt schwer, weil man bei jedem Pro und Contra hat. Die Frage nach Helden oder Anti-Helden ist daher schwer zu beantworten, weil diese Konzepte stilisiert sind. Hier erleben wir private Einblicke, mit denen man sich identifizieren kann als Publikum und dahin geführt wird, das eigene Handeln zu hinterfragen, aber man kann diese Menschen in keine Schublade stecken.
Also wie im realen Leben?
Ja. Dementsprechend ist auch die Ausstattung, sowohl Bühne als auch Kostüme, an einem klaren, gelebten Realismus orientiert.
Wie sehen denn die Kostüme aus?
Wir nutzen Vintage-Kleidung der 80er Jahre, originale Kleider, Perücken, Make-up.
Gehen Sie auch im Bühnenbild in die 80er Jahre?
Da haben wir uns entschlossen, einen Motel-Room zu zeigen, in dem all diese Charaktere zusammentreffen. Und an einer Wohnung liest sich nicht nur das Leben ab, sondern auch der Verlauf des Lebens und der Zeit. Was hinterlässt jeder dieser Menschen in diesem Zimmer?
Sie zeigen also eine Gerichtsszene im Wohnzimmer?
An wen richtet sich diese Gerichtsverhandlung? Wer ist die Jury? Da nehme ich einfach das Publikum in die Pflicht. Ein Publikum, das in diese Wohnung schaut, die auch ein Filmset sein könnte, in dem aber zugleich die vierte Wand aufgebrochen wird und sich die Charaktere bewusst an das Publikum wenden.
Wie funktioniert das?
Ich spreche das Publikum an, mit Mikrofon. Das ist Fassade. Ihr seid selbst gefragt: Wie würdet ihr euch entscheiden?
Soll man mit diesen Charakteren mit leben, sich in ihnen wiedererkennen?
Das Publikum wird nicht umhinkommen, weil die Musik so stark ist und einen in das Geschehen hineinzieht.
Wie ist denn die Musik? Es handelt sich ja um eine zeitgenössische Oper.
Die Musik beginnt sehr cineastisch, sie ist immer wieder wie große amerikanische Filmmusik, die sofort ein Ambiente kreiert. Man spürt die Temperatur; man merkt, wann eine Bedrohung aufkommt. Es gibt Elemente aus Jazz, Gospel, Swing und Musical; es ist wirklich ein wilder Mix, der auch die Zerrissenheit der Charaktere zeigt. Es gibt da zum Beispiel lyrische Momente, die unmittelbar in Jazz übergehen. Das zeigt auch, dass wir als Menschen nicht geradlinig fühlen, sondern Stimmungsschwankungen unterliegen.
Jake Heggie hat damit aber ein eigene Tonsprache geschaffen?
Absolut. Text und Ton gehen Hand in Hand ineinander, es ist Schauspielmusik. Es ist ein Wort-Ton-Drama.
Ist die Musik ein eigener Akteur?
Ich sage den Darstellern immer, dass die Musik aus ihnen herauskommen muss. Sie – die Darstellenden – sind die Musik. Wenn die Person aggressiv ist, ist die Musik aggressiv. Es ist ein Wechselspiel an Impulsen. Die musikalische Handlung wechselt mit den Charakteren, je nachdem, wer gerade im Fokus steht. So schnell wechselt auch die Musik.
Ist „Dead Man Walking“ ein politisches Appellstück?
Das Stück ist definitiv politisch, aber es ist ein Appell an die Menschlichkeit, weil es nicht eine individuelle Meinungsbildung voraussetzt, sondern dazu auffordert.
Wie relevant ist das Thema Todesstrafe?
In Deutschland scheint das Thema zunächst irrelevant zu sein, weil es sehr weit weg ist. Aber trotzdem ist es ein Temperaturmesser für das Weltgeschehen. Wir leben in einer Welt mit so vielen Konflikten. Man gewinnt den Eindruck, dass es mehr Krieg als Frieden auf der Welt gibt. Der Wert des Menschen wird immer weniger, man hört nicht mehr zu, jeder ballert nur noch sein Credo raus, man handelt schneller. Unter Präsident Trump werden wieder mehr Menschen hingerichtet, es wirkt wie ein persönlicher Feldzug von ihm. Auch in China und im Nahen Osten steigen die Zahlen von Hinrichtungen immens an. Das ist für mich persönlich eine Perversion, einem Menschen das Leben zu nehmen, weil ein Staat sich über den Menschen stellt – und über Gott. Das System der Todesstrafe bringt alle Menschen an den Rand des Verständnisses. Der Mensch ist dazu da, um zu leben, aber nicht, um – vor der Zeit – zu sterben. Auch die Rate, wie viele Menschen unschuldig hingerichtet werden, lässt uns bei den Proben sprachlos zurück. Und dann ist da dieses Ritual, auf seinen – künstlichen – Tod warten zu müssen.
Finden Sie das beispiellos grausam?
Absolut. Und mit dieser beispiellosen Grausamkeit wird das Publikum entlassen. Aber es wird nicht gesagt: Wir sind Pro oder wir sind Contra, sondern: Überdenke dein eigenes Handeln! Überdenke deine eigene Verantwortung!
Zur Person
Philipp Westerbarkei, 1987 geboren, studierte Theaterwissenschaft und italienische Literatur an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2013 bis 2024 war er Spielleiter an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf, wo er neben seiner Tätigkeit als Assistent namhafter Regisseure auch eigene Arbeiten wie Charles Gounods „Roméo et Juliette“ und Giacomo Puccinis „La Bohème“ realisieren konnte, und die Wiederentdeckung „Masel tov! Wir gratulieren!“ von Mieczyslaw Weinberg in Szene setzte. Heute arbeitet er als Regisseur in Deutschland und Österreich, für seine Inszenierung von Giuseppe Verdis „Macbeth“ am Stadttheater Bremerhafen wurde er in der Spielzeit 2022/23 für den Theaterpreis Der Faust nominiert.
Info
„Dead Man Walking“ hat am 13. Juni, 19.30 Uhr, Premiere im Pfalztheater. Karten: eventim.de