Kaiserslautern
Ramstein: Sissi Perlinger haut im Congress Center nicht nur auf den Putz, sie übt auch leise Sozialkritik
Es ist sozusagen en vogue, sich selbst in allerhöchsten Superlativen als „Best of the Best“ und Fünf-Sterne-Programm etwa zu lobpreisen oder vermarkten zu lassen: War nun Tausendsassa Sissi Perlinger bei ihrem Soloauftritt im Ramsteiner Congress Center am Donnerstag werbewirksamer Nutznießer oder Opfer dieser Marketing-Strategie?
Das Soloprogramm „Ich bleib dann mal jung“ wurde – so viel vorweg – nicht zum Bumerang, sondern hatte grandiosen Erfolg. Das vorwiegend weibliche Publikum unter den 250 Besuchern hatte vor allem seinen Spaß, als sie zum Einstieg mit einem Herrn aus der ersten Reihe kokettierte und ihn dann auch noch auf die Bühne holte. Schadenfreude ist eben die reinste Freude. Kenner wissen um die Problematik der ersten Reihe in Comedy und Kabarett, auch Palatinator Chako Habekost widmet der „Ehrengarde“ einen eigenen Programmteil, der sich gewaschen hat.
Das Einüben von Begeisterungsstürmen und hier – seltener zu beobachten in der Szene – Buhrufen hat eine eigene Tradition bei dieser Art von Soloprogrammen und ist nicht mehr neu. Eigentlich konnte Sissi Perlinger das Rad des Genres zwar nicht neu erfinden, dreht es aber schneller und noch heftiger als gewohnt.
Das Älterwerden wird zur Kunstform
Das Seitenthema „Jung sterben – aber so spät als möglich“ wird mit skurrilen, schrill-schrägen Inhalten gefüllt: Älterwerden wird bei ihr zur Kunstform; da ihres Erachtens das Kabarett-Publikum meist älter als 50 Jahre ist, glaubt sie, mit diesem Reizthema punkten zu können. Das gelingt ihr mit Charme, komödiantisch-schauspielerischem Talent, mit Slapstick, Comedy, Verkleidungs- und Verwandlungskünsten in Sekundenschnelle. Zumal sie die verschiedensten Dialekte, Charaktere und Stimmlagen überzeugend parodieren kann. Es ist bisweilen auch mal ein schwarzer Humor – bis zur Urne: mit Kalauern ins Krematorium.
Das Programm ist geprägt von Selbstironie. „Wir leben doppelt so lang wie vor 100 Jahren – damit haben Männer endlich die Chance, erwachsen zu werden.“ Damit löst sie bei den weiblichen Fans Beifallsstürme aus. Für Rentner hat sie ebenfalls ein Bonmot parat: „Sie seien die einzige Spezies unter den Säugetieren, die sich ohne Sex vermehrten.“ Jeder satirische Schuss sitzt, das liegt an der quirligen, reich sprudelnden Quelle ihrer Inspiration wie auch an ihrer überaus lebendigen Bühnenpräsenz. Wie jeder schlagfertige und rhetorisch gewandte Entertainer und Conférencier beherrscht sie das Stilmittel der Wortspiele: „Zahlst du mehr ein als du rausbekommst – nennt man dies riestern“, umgekehrt (mehr erhalten als einzahlen) heißt das dann heestern, eine Anspielung auf das biblische Alter der Schauspielikone Johannes Heesters, der mit 107 Jahren noch auf der Bühne gestanden hatte.
Multitalent mit Unterhaltungsmultitasking
Satirische Spitzen prasseln im Minutentakt erbarmungslos auf die Besucher nieder, wem das nicht reicht, der wird von dem Multitalent mit Gesang, Gitarren- und Schlagzeugbegleitung (per Fußmaschine) per Multitasking bestens unterhalten und bedient. Vielleicht erscheinen Skeptikern die Angriffe aufs Zwerchfell beim Reizthema Empfängnisverhütung mit originellen Einfällen wie „Diaphragma – da frag mal“ gewagt, ebenso die Anspielungen „Ü 50“, wenn Menopause mit Hitzewallungen Heizkosten spare.
Doch Perlinger nimmt nicht nur das Publikum – mit dem sie die Interaktion ständig sucht – aufs Korn: Sie nimmt sich versöhnlich auch selbst nicht aus, wenn sie konstatiert: „Der Lack ist ab, aber ich liebe meine Grundierung.“ Und sie habe noch immer „gute Entfaltungsmöglichkeiten“.
Zwischen diesen Sketchen findet man bei eingehenderem Zuhören auch gesellschaftskritische Anspielungen, etwa der Schönheitswahn, die Kasernierung von Senioren in abgelegenen Altenheimen und das Ausnutzen junger Menschen für Kommerz und Kaufrausch. Mit dieser angedeuteten Gesellschaftskritik lässt Perlinger wahrlich kaum ein Fettnäpfchen aus, tritt vielmehr mitten hinein ins pralle Leben.