Kaiserslautern
Ramstein-Miesenbach: Komponistinnen aus Schattendasein geführt

Zum 200. Geburtstag von Clara Schumann haben die Sopranistin Daniela Schick und der Pianist Heribert Molitor ein Programm mit Liedern der gefeierten Konzertpianistin und Komponistin und ihres Ehemannes Robert zusammenzustellen. Gleichzeitig haben die beiden Künstler Lieder von Fanny Hensel (geborene Mendelssohn-Bartholdy) und ihres Bruders Felix zusammengestellt. Im Congress Center Ramstein glückte es ihnen am Sonntag, die beiden Komponistinnen aus ihrem Schattendasein herauszuführen.
Mendelssohn (1809-1847) und Schumann (1810-1856) gehören zusammen wie Tag und Nacht. Dem heiteren Mendelssohn stand der schwermütige Schumann zur Seite, dem nachtwandlerisch Erfolgreichen der heftig Ringende, dem leichten, handwerklich vollendeten Schaffen der schmerzliche Kampf um das restlose Ausfeilen des Einfalls. Um von seiner Schwermut geheilt zu werden, versprach er sich einer Frau, von der er nicht nur alles Glück auf Erden erwartete, sondern auch Heilung seiner leidenden Psyche: Clara Wieck. Doch der Verwirklichung seiner und Claras Wünsche stellte sich Claras Vater mit Macht entgegen. Er verbot jedes Zusammentreffen, jeglichen Briefwechsel. Endlich, 1840, wird ihre Heirat erlaubt. Robert ist 30 Jahre alt, Clara 21. In der Überfülle des Liebesglücks bricht Schumanns schöpferisches Genie mit aller Macht durch, und im Jahr der Hochzeit entsteht eine Hochflut von 140 Liedern, die zur schönsten musikalischen Lyrik der Welt gehören. Darunter „Frauenliebe und -leben“, op. 42, auf die hochromantischen Verse Adelbert von Chamissos. Dieser höchst anspruchsvolle Liederzyklus erzählt die Geschichte von Frauenliebe, die von der ersten Liebe über Heirat und Mutterschaft zum Witwendasein führt.
Daniela Schick hat sich mit diesem Zyklus keine leichte Aufgabe vorgenommen. Aber sie bewältigt sie mit Finesse. Sie hüllt ihren Vortrag gleichsam in dichtes Wintergrau. Sie hält ihre Stimme zurück, und doch wirkt ihr Singen nicht gefesselt. Es gewinnt in dramatischen Passagen sogar eine heftige Ausdrucksdimension, für die traurigen Lieder wie „Nun hast du mir den ersten Schmerz getan“ findet sie einen allein ihr gehörenden fahlen Ton. Weniger souverän ist die Ausführung verzierter Passagen, und beim leisen Singen wirkt ihre Stimme zuweilen matt und hauchig. Die Kunst des Singens liegt nicht zuletzt darin, dass die Anstrengung der Hervorbringung nicht zu spüren ist. Das aber ist bei der Sopranistin nicht der Fall. Weil sie die Sprache aber ernst nimmt, ohne die Melodie dabei zu verraten, glaubt man ihre Performance.
Viel befreiter singt Daniela Schick die heiteren Lieder Mendelssohns. Die Freude über den beginnenden Frühling („Frühlingslied“) oder den Sonntag („Sonntagslied“) weiß sie mit makellosem, auch in der Höhe sicherem Sopran zu interpretieren. Geheimnisvoll und fein in der Gestaltung klingt „Es weiß und rät es doch keiner“ (nach Joseph von Eichendorff) oder das „Lieblingsplätzchen“ (Text: Friederike Robert). Aus dem Pianissimo heraus versteht sie „Andres Maienlied“ in vorbildlicher Dynamik zu crescendieren, um triumphierend zum Schluss zu kommen. Wortdeutlich ist ihr Gesang. Zurückhaltender aber dürfte ihr Vibrato sein. Ihr Liedvortrag würde an Authentizität gewinnen, wenn ihr Atem auf der Stimme läge. Nicht die Sängerin mache auf Sinn und Bedeutung aufmerksam, sondern sie lasse die Musik für sich sprechen. Durch Einfachheit und Schlichtheit.
Mit Verve gelang es den beiden Protagonisten im zweiten Teil, die Frau als Komponistin aus dem Schatten zu befreien, der man (nicht nur) im 19. Jahrhundert schöpferische Phantasie und musikalische Erfindungskraft absprach. Schick bemühte sich bei Fanny Hensels (1805–1847) Liedern um kontinuierliche Intensität, forcierte aber teilweise in den Höhen. Den Liederzyklus von Clara Schumann (1819–1896), ein wahres Schatzkästchen, das auch bei ihrem Mann höchste Anerkennung fand und zu ihren besten Kompositionen zählt, bewältigte sie mit freier Tonemission, korrekter Atmung, reiner Aussprache und klangvoller Formung der Vokale. Besonders poetisch gelang ihr das „Veilchen“ zu interpretieren, wobei sie die in ihm liegende, melancholische Stimmung in anspruchsvollen Gesang zu fassen wusste. Ein sicherer Begleiter am Klavier war Molitor, stets zurückhaltend, aber die Sängerin ausdrucksvoll und mit pianistischer Brillanz tragend.