Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ramstein: Comedian Tutty Tran und der Kulturen-Kampf

Tutty Tran, hier ein Foto von seinem Auftritt beim SWR3-Comedy Festival 2019.
Tutty Tran, hier ein Foto von seinem Auftritt beim SWR3-Comedy Festival 2019. Foto: SWR/Bricks

„Tutty, findest du es eigentlich schlimm, wenn man dich ,Schlitzauge’ nennt?“, wird der in Berlin geborene vietnamesische Stand-Up-Comedian gefragt. „Nö, ich sehe das nicht so eng“, gibt Tutty zur Antwort. Es war die hohe Kunst der Selbstironie, die die vorwiegend jugendlichen Besucher am Donnerstagabend im Ramsteiner Congress Center erlebten. Der preisgekrönte Vietnamese Tutty Tran mit der Berliner Schnauze begeisterte bei seinem Programm „Augen zu und durch“ die rund 100 Besucher aber auch mit großer Schlagfertigkeit.

„Wie ihr alle seht, ich bin Berliner“, stellt sich Tutty vor. „So sehen alle in Berlin aus. Nöö, natürlich nicht. Ich bin Vietnamese, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Also ein klassischer Reis-Bürger.“ Seine Eltern seien als Boatpeople nach Deutschland geflüchtet, also mit dem Flugzeug angereist. „Ich weiß, was ihr alle denkt“, sagt er. „Na, kann er uns überhaupt sehen? Was sollen überhaupt die ganzen Witze uns gegenüber?“ Oft kriege er Fragen von seinen Kumpels: „He, Tutty, du kannst doch bestimmt mit offenen Augen durch den Sandsturm laufen.“ Oder in der Grundschule: „Tutty, wenn wir blinde Kuh spielen, müssen wir dir noch die Augen verbinden? Wenn ja, reicht da Zahnseide?“

Zwischen süß und süßsauer

Mit ihm und seinen Landsleuten könnte man’s ja machen, meint er. „Ah, ihr Asiaten seid so süß“, höre er immer wieder. „Und wenn ihr so richtig ausrastet, seid ihr süßsauer.“ Fragen die vielleicht einen Kosovo-Albaner, warum sein Kopf so aussehe wie ein Backstein?

Ja, Tutty sei sein Spitzname. „Aber meine Eltern dachten für mich ,Thomas’ aus.“ Seine Mutter habe ihn auf seine Frage nach dem Grund dieses Namens beruhigt: „Dein Vater wollte ja ,Chuan Son’.“ Aber das könne er ja nicht mal richtig aussprechen. Nicht einmal Thomas könne er richtig aussprechen. Er rufe immer: „Doo-mà!“

Komiker statt Imbissbude

Tutty Tran ist der erste Stand-Up-Comedian in Deutschland mit vietnamesischen Wurzeln, der den Culture Clash (Zusammenprall der Kulturen) selbstironisch auf die Bühne bringt. Ihm blieben ja auch nicht viele Möglichkeiten in Deutschland, konstatiert er: „Entweder Komiker oder eine Imbiss-Bude mit Enten süß-sauer eröffnen.“ Er karikiert auf der Bühne gerne Klischees rund um das Thema Asien und vor allem Vietnam. Gekonnt parodiert er die Lebensweisheiten seines Vaters und versteht sich als sympathisches Sprachrohr des mosernden Hauptstädters. Gepaart mit seiner frechen „Berliner Schnauze“ ist daher auch keine Randgruppe oder Minderheit vor ihm sicher – nicht mal seine eigene Familie.

Der Grund, warum er auf der Bühne stehe, sei, dass er ständig aufgezogen werde. „Das ging in der Schule schon los: ,Ching, Chang, Chong, Chinese im Karton!’“ Oder: „Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen.“ Mit solchen und anderen Sprüchen ist Tutty aufgewachsen und musste sich bereits im Kindesalter gegen rassistische und diskriminierende Sprüche wehren. Damals sei er, wie er selbst sagt, ein „gebrochenes Reiskörnchen“ gewesen.

Galgenhumor und Selbstironie

Heute weiß er gekonnt damit umzugehen und bringt seinen tiefsitzenden Schmerz mit viel Sarkasmus auf die Bühne. Denn im Galgenhumor und in Selbstironie überwindet der Mensch nicht nur seine Angst vor dem Schicksal, sondern er befreit sich von sich selbst, indem er seine eigenen Schwächen verspottet. „Das Leben ist anstrengend genug“, weiß er, „wir müssen doch nicht alles so ernst nehmen.“ Gekonnt dialogisiert er mit den Zuhörern und zeigt sich dabei ungeheuer schlagfertig. Herrlich sind die Geschichten über seinen Vater, der mit seinem „vietnamesischen Kauderwelsch“ immer wieder Missverständnisse heraufbeschwöre. „Haben Sie eine Deutschland-Karte“, sei sein Vater an der Supermarktkasse gefragt worden. Was habe der Herr Papa gemacht? „Ja, ich hab’ sie“, habe er geantwortet und seinen Personal-Ausweis gezückt.

Unter die Haut aber geht, was Tutty auf der Straße beobachtet hat, wie ein Deutscher und ein Chinese sich gestritten hätten, bis der Deutsche seinen Gefährten anschrie: „Du scheiß Schlitzauge!“ „Ich denke, wir leben in einem wunderschönen Land in Frieden und Freiheit. Da haben Rassismus und Rechtsradikalismus keinen Platz“, lautet Tuttys Kommentar. Begeisterter Beifall.

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