Kaiserslautern Pures Gefühl statt Schnickschnack

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Kaiserslautern darf seit Freitag vermutlich drei neue Mitbürger begrüßen: Die Kölner Combo Locas In Love ist nämlich auf dem Weg zur Kammgarn mit ihrem Tourbus in der Barbarossastadt gestrandet. Zur Einweihung gab es ein nettes Wohnzimmerkonzert im Rahmen der „Kalender“-Tour. Und das in einem zwar dezent besuchten, aber sehr gut gelaunten Cotton Club.

Das Wichtigste vorweg: Dieses clevere Kölner Trio ist über die Maßen sympathisch. Das muss hier einfach mal gesagt werden. Auch wenn einem die Musik vielleicht nicht ganz zusagt, weil sie womöglich als zu schräg, sperrig und „anders“ empfunden wird im Vergleich zum herkömmlichen Hitlistenbrei, kann man sich doch zumindest darauf einigen. Hit-Tauglichkeit haben die Locas seit ihrem erfolgreichen Parallelprojekt Karpatenhund eh ad acta gelegt (wir berichteten am Donnerstag). Björn Sonnenberg (Gesang, Gitarre), Stefanie Schrank (Gesang, Bass, Keyboard) und Saskia von Klitzing (Schlagzeug) – Zweitgitarrist und drittes Stammmitglied neben Schrank und Sonnenberg, Jan Niklas Jansen, war an diesem Abend nicht dabei – sind echte Typen. Nicht die Sorte Musiker, die eine Grenze zwischen sich und dem Publikum ziehen. Im Gegenteil, ein spontaner Ausflug vor die Bühne ist bei den Locas genauso zu erwarten wie unzählige Einblicke in das private Universum der Musiker dank Björns sehr ausführlicher Ansprachen. Sie versuchen auch nicht ihre Kunst als makellos zu verkaufen. Die Locas machen Fehler und stehen dazu. Sonnenberg demonstrierte das kurz, als er seinen Einsatz zu „Durch die Dunkelheit“ nach seinem Befinden leicht versiebte, abbrach, an das Verständnis des Publikums appellierte und von vorne begann. Man ist ja schließlich keine „Maschine“ – ein Song aus dem „Winter“-Album von 2008 –, die auf Knopfdruck funktioniert. Gilt übrigens auch für den frisch gemieteten, aber nicht mehr ganz so frischen Tourbus der Band. Den gesamten Weg von Köln nach Kaiserslautern habe es im Innenbereich verdächtig nach Gas gerochen. Und wie sich im Nachhinein herausstellte, hätte das auch explosive Folgen haben können. Die letzten 25 Meter zur Kammgarn seien die Musiker nur noch gerollt, aber immerhin haben sie es noch lebend zum Konzert geschafft. Ans Weiterfahren mit der Karosse war also nicht zu denken, und Ersatz war so kurzfristig auch nicht in Sicht. „Es kann also sein, dass wir jetzt in Kaiserslautern bleiben und eure Nachbarn werden“, mutmaßte Björn. Darauf erstmal ein Applaus. Die Locas sind also nur allzu menschlich und ja, zugegeben, ein bisschen verrückt. Aber heißt „verrückt“ gleich „schlecht“? Keineswegs. Ihre Musik ist schonungslos ehrlich und mit derartigen Simmungsschwankungen, dass Wut, Freude, Trauer und Ekstase oft nur wenige Textzeilen voneinander entfernt sind. Es kann durchaus passieren, dass das Trio mit einem Song wie „Ruinen“ nahezu lethargisch beginnt und dann plötzlich in eine Art musikalischen Rausch verfällt, Sonnenberg sich seine opulente Haarpracht zurecht wühlt und dann in einem fast schon manischen Zustand über die Gitarre schreddert. Schnickschnack hat die Band nicht nötig. Dafür gibt es pures Gefühl, greifbare Atmosphäre und intelligente Texte. Gegen Ende des Konzertes wurde sich nochmal an die Anfänge zurück besonnen. Es wurden private Schicksalsschläge vor dem Publikum offenbart, als wären es keine Fremden, die vor ihnen standen, sondern langjährige Weggefährten. Zum Beispiel mit „Alle meine Großeltern“ – zum ersten Mal überhaupt live gespielt. Dann wurde das Ende der Welt mit dem Song „Bushaltestelle“ besungen, ein Erinnerungsfoto mit den Fans geschossen und sich mit dem Bronski-Beat-Cover „Smalltown Boy“ verabschiedet. Aber wer weiß, vielleicht läuft man den Zwangsneulauterern in Zukunft beim Stöbern im „K in Lautern“ über den Weg.

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