Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Post-Covid: Nachfrage in Ambulanz nimmt nicht ab

Stefan Kniele mit Alexandra Strütt, die in der Ambulanz für die telefonische Anamnese der Patienten zuständig ist.
Stefan Kniele mit Alexandra Strütt, die in der Ambulanz für die telefonische Anamnese der Patienten zuständig ist.

Die Nachfrage nach Post-Covid-Ambulanzen bleibt hoch. Warum die Symptome so unterschiedlich sind und wie Ärzte helfen, wird in einer neuen Studie erfasst.

Ausschlussdiagnostik ist für Stefan Kniele tägliches Brot. Der Internist, Lungenfacharzt und Schlafmediziner ist Leitender Arzt Palliativmedizin in der Klinik für Innere Medizin 2 des Westpfalz-Klinikums. Zudem arbeitet er im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) des Westpfalz-Klinikums in der Kaiserslauterer Bismarckstraße und leitet dort die Praxis für Pneumologie und Schlafmedizin.

Diese ist gleichzeitig eine jener fünf Post-Covid-Ambulanzen für Erwachsene, die das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium im Herbst 2023 in Mainz, Ludwigshafen, Kaiserslautern, Trier und Koblenz initiiert hatte. Die Anzahl an Patienten, das Gros zwischen 40 und 60 Jahre alt, habe seither nicht abgenommen, sagt Kniele als Ärztlicher Leiter der Ambulanz, doch liege die Covid-Infektion bei den meisten länger zurück als beim Start.

Ein Lehrbuch gibt es nicht

Eine Blaupause für die Behandlung von Menschen, die nach einer Corona-Erkrankung an Symptomen wie Erschöpfung oder Atemnot leiden, liegt auch heute noch nicht vor. „Wir müssen uns die Symptome genau ansehen“, beschreibt Kniele seine Arbeit, was folgt, sei in gewissem Sinn Individualmedizin: „Ein so richtig hilfreiches Lehrbuch zu Erkrankung, Therapie und Heilung gibt es noch nicht.“ Im Februar 2020 hatte er im Westpfalz-Klinikum den landesweit ersten Patienten behandelt, bei dem sich eine Covid-Infektion bestätigt hatte.

Auf rund 1,5 Millionen Betroffene bundesweit wird die Anzahl an erwachsenen Post-Covid-Patienten aktuell geschätzt. Nach wie vor gilt, dass mögliche Langzeitfolgen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein können und bei der Diagnostik oft mehrere medizinische Fachgebiete betroffen sind. Darüber hinaus können etliche Symptome von Post-Covid auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Kurz gesagt, ist es schwer, genau festzustellen, ob Beschwerden die Folge einer Covid-Erkrankung sind oder mit etwas anderem zusammenhängen.

Ganz unterschiedliche Symptome

Die Unterschiedlichkeit der Symptome und des Verlaufs erschwert sowohl die Diagnose als auch die Behandlung. Zwar ist immer der Hausarzt die erste Adresse. In komplexen Fällen, zum Beispiel wegen besonderer Vorerkrankungen, kann jedoch die Zusammenarbeit verschiedener Fachärzte gefragt sein, wobei die Post-Covid-Ambulanzen helfen sollen. Wie ein Lotse sollen sie sich um Post-Covid-Patienten kümmern und gegebenenfalls die Betreuung durch Spezialisten vermitteln.

Wird ein Patient vom Hausarzt an die Post-Covid-Ambulanz in Kaiserslautern überwiesen, werden seine Krankengeschichte und aktuelle Beschwerden zunächst telefonisch erfasst. Eine wichtige Vorarbeit, um sich beim Ersttermin ganz auf das Patientengespräch konzentrieren zu können. Empathie sei dabei sehr wichtig, sagt Kniele, und dass er sich Zeit nehme. Mindestens 30 Minuten dauere das Erstgespräch, weshalb die Sprechstunde auf Dienstag- und Donnerstagnachmittag gelegt worden sei, „weil da ein offenes Ende möglich ist“. Rund ein halbes Jahr müssten Patienten aktuell auf einen solchen Termin warten, dringende Fälle ausgenommen.

Zuhören wichtig

Hoffnung geben, auch das gehört zum Handwerk des Mediziners. Noch einmal alles an Untersuchungen wiederholen, was zuvor schon gemacht worden sei, schließt er aber in der Regel aus, weil das unnötige Kosten verursache und dem Betroffenen wenig helfe. „Möglicherweise können wir aber etwas besser machen“, fügt er an, zum Beispiel dann, wenn es um das häufigste Symptom, die chronische Müdigkeit oder Fatigue, gehe. Nach deren Ursachen könne im Schlaflabor gesucht werden, sie sei relativ gut zu medikamentieren.

Linderung verschaffen könnten auch Infusionen oder Sauerstoff, in anderen Fällen Ergotherapie, Physio, eine Reha-Maßnahme. „Wir lernen auch von den Patienten, was helfen könnte.“ Wichtig sei immer, dass der Betroffene selbst aktiv werde, dazu Hilfe zur Selbsthilfe erhalte. Ein Stichwort ist das „Pacing“, ein therapeutisches Konzept, um bei Fatigue den Alltag besser organisieren zu können und damit eine Überforderung zu vermeiden.

Neue Studie soll helfen

Diesem Zweck dient auch eine jüngste Studie, um die Infektionskrankheit und ihre Langzeitfolgen besser zu verstehen und Erkrankten besser helfen zu können. Das auf knapp zwei Jahre angelegte Projekt „TheraSurv Post-COVID“ wurde im Oktober von der Landesregierung und der Universitätsmedizin Mainz gestartet. Über sie werden die Therapie-Ansätze in den fünf Post-Covid-Ambulanzen systematisch erfasst, sprich: Erfahrungen aus der Praxis gesammelt. Dafür wurden laut Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit dem Institut für digitale Gesundheitsdaten eine digitale Fallakte für die Praxen und in Zusammenarbeit mit der Firma IBM eine Smartphone-App für die Patienten entwickelt. Ob ein Patient daran teilnimmt, kann er oder sie selbst entscheiden.

Und nochmal 50.000 Euro: Bei der Übergabe des Förderbescheids an Stefan Kniele wollte sich Staatssekretärin Nicole Steingass (SP
Und nochmal 50.000 Euro: Bei der Übergabe des Förderbescheids an Stefan Kniele wollte sich Staatssekretärin Nicole Steingass (SPD) ein eigenes Bild machen.

Mit jährlich 50.000 Euro hat das Gesundheitsministerium bislang jede der fünf Post-Covid-Ambulanzen unterstützt. Am Dienstag überreichte Staatssekretärin Nicole Steingass (SPD) den Förderbescheid für 2026 in der Post-Covid-Ambulanz für die Region Westpfalz. Das Thema bleibe wichtig, so Steingass. Mit dem kleinen finanziellen Beitrag wolle das Land auch Danke für die Bereitschaft sagen, eine Post-Covid-Ambulanz zu stemmen. Der schönste Dank für Stefan Kniele und sein Team sind zufriedene Patienten, die sich vor allem anderen ernstgenommen fühlen.

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