Kaiserslautern Populäre Pioniere

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Comics kommen selten zu Ehren in renommierten Museen, genießen sie doch immer noch geringe kulturelle Wertschätzung. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt hat sich nun an das Thema gewagt – und gewonnen. „Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde“ ist eine spektakuläre Schau, die vergessene Bildwelten aus den frühen Jahren des populären Mediums aufleben lässt.

„100 Jahre hat es gedauert, bis so etwas möglich wurde“, sagt Alexander Braun. Und er selbst hat einen erheblichen Teil dazu beigetragen. Der 49-jährige Kunsthistoriker ist ausgewiesener Comic-Experte, hat schon mehrere Ausstellungen verantwortet – zuletzt über den Western im Comic im Deutschen Zeitungsmuseum Wadgassen (wir berichteten). Als „kleine Sensation“ bezeichnet er es nun aber, dass die von ihm kuratierten „Pioniere des Comic“ nicht in einem Nischenmuseum oder einer Galerie zu sehen sind, sondern in einem bedeutenden Haus wie der Frankfurter Schirn. Selbst auf internationaler Ebene seien derartige Ausstellungen an einer Hand abzuzählen. Comics hätten höchstens über den Umweg ihrer künstlerischen Vereinnahmung, etwa durch die Pop-Art, den Weg in die Museen gefunden. „Europa hat sich mit dem Comic lange schwergetan, und Deutschland ist bei dieser Entwicklung Schlusslicht“, beschreibt Braun diesen kulturellen Dünkel. Die Ausstellung, so hofft er, soll das ändern. Dass dies gelingen könnte, liegt an der Auswahl vorzüglicher Exponate und an dem klug gesetzten Thema. 230 Comic-Seiten aus US-Zeitungen und Originalzeichnungen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre hat Braun zusammengetragen. Er sammelt selbst, geholfen haben ihm seine guten Kontakte zur Szene. Denn ein Grund, warum Comics selten in Museen auftauchen, ist auch die Tatsache, dass die Schätze in Privatbesitz gehortet und so gut wie nie öffentlich hergezeigt werden. Die Ausstellung führt den Besucher an die Wiege des Comics, der etwa um 1900 in den USA das Licht der Welt erblickte, in den Beilagen der Zeitungen. Die leicht konsumierbaren erzählenden Bilder wurden schnell populär, in kaum einem Blatt durften sie fehlen. Zu den ganzseitigen farbigen Folgen am Sonntag kamen die täglichen Streifen. Die Comicstrips wurden im hart umkämpften Zeitungsmarkt ein wichtiger Faktor zur Leserbindung, sie erreichten ein Millionenpublikum. Das Yellow Kid von Richard F. Outcault mit seinem charakteristischen gelben Nachthemd gab einer ganzen Gattung seinen Namen: der Yellow Press, bei uns bekannt als Regenbogenpresse. Viele Künstler kamen so zu Reichtum und Ansehen, bevor die ab den 1930er Jahren aufkommenden Hefte (Superman, Batman & Co.) die Zeichner und Autoren zu anonymen Produzenten von Fließbandware degradierten. Sechs Pioniere des frühen Comics hat Alexander Braun ausgewählt. „Alles Leuchttürme“, sagt er. Sie seien experimentierfreudig und progressiv gewesen, setzten künstlerische und inhaltliche Maßstäbe. Sie waren Avantgarde, postuliert die Schau, oftmals bevor in anderen Kunstrichtungen ähnliche Entwicklungen einsetzten. Auf tiefgehende kunsthistorische Querverweise wird aber verzichtet, der Schwerpunkt liegt auf dem Schaffen der sechs – und das kann sich sehen lassen. Den Auftakt macht Winsor McCay (1869-1934), der „Übervater“ des Comics. Der fleißige Zeichner wurde mit zwei Strips populär: „Dream of the Rarebit Fiend“ und dem bei uns prominenteren „Little Nemo in Slumberland“. In beiden entführt McCay seine Leser ins Reich der Träume. Dabei zeigt er sich als großer Surrealist und setzt immer wieder auf grafische Überraschungen. Lyonel Feininger (1871-1956), von deutsch-amerikanischer Abstammung, ist vor allem als Maler und Bauhaus-Künstler ein Begriff. Doch nach seiner Zeit als Karikaturist in Berlin zeichnete er für die „Chicago Tribune“ ein Jahr lang zwei Strips: „The Kinder Kids“ und „Wee Willie Winkie’s World“. Diese Arbeit, die er sehr schätzte, brachte ihm künstlerische und materielle Unabhängigkeit ein. Weiter zu Charles Forbell (1885-1946), der lediglich 18 Sonntagsseiten anfertigte, die aber echte Hingucker sind. Für jeden Teil der Serie „Naughty Pete“ entwickelte er eine eigene Panel-Struktur, weshalb die raffiniert komponierten Seiten, einem Gemälde gleich, auch aus der Ferne betrachtet ihre Wirkung entfalten. Bei George Herriman (1880-1944) wiederum lohnt der Blick auf jeden einzelnen Federstrich. „Krazy Kat“ gilt „unter Comic-Enthusiasten als die Krönung der Schöpfung“, wie Kurator Braun sagt. Erfindungsreicher geht es kaum. Aus einer simplen Figurkonstellation – Hauptperson ist eine Katze, in sie verliebt ist eine Maus, hinzu kommen ein Hund als Polizist und ein Ziegelstein – schafft Herriman immer wieder aufs Neue absurdes Theater und ein vor Fantasie überbordendes Werk voller Dada-Humor. Mit Cliff Sterrett (1883-1964) und seiner Mittelklassefamilie in „Polly And Her Pals“ kommen Expressionismus, Kubismus und Abstraktion in die Strips, während Frank King (1883-1969) die Faktoren Zeit und Zeitgeschichte einführt. Das Leben von Findelkind Skeezix in der „Gasoline Alley“ verläuft simultan zur Realität: Über 40 Jahre lang schauen die Leser dem Jungen beim Heranwachsen im Amerika der jeweiligen Gegenwart zu, bis er selbst Familienvater ist. Das ist auch an der Museumswand faszinierend zu verfolgen, wobei Alexander Braun das generelle Problem von Comic-Ausstellungen einräumt: Es sei immer schwer, dem Publikum den Wert der kleinformatigen Panels zu vermitteln. In der „Pioniere“-Schau gibt es daher einen Raum, der die Bilderwelten im überlebensgroßen Format an die Wand bringt. Doch diese Spielerei braucht es eigentlich gar nicht, denn die Botschaft ist da längst angekommen: Comics sind Kunst, schon seit über 100 Jahren. Die Ausstellung „Pioniere des Comic“, Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 18. September. Infos im Internet: www.schirn.de.

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