Radsport
Platte Reifen im Olympiarennen: Paul Maué im Porträt
Ein Bauunternehmen hatte Paul Maué gehabt, bis vor 30 Jahren, gegründet vom Großvater, weitergeführt vom Vater, der aber mit 62 starb. Da wusste Paul Maué, dass er nicht sein Hobby, das Rennradfahren, sondern das Bauen zum Beruf machen will. „Der Radsport machte für mich keinen Sinn mehr, wir hatten das Geschäft, da sah ich meine Zukunft“, begründete Maué seinen Entschluss.
So ging er auch dem damaligen Doping aus dem Weg: „Ich bin heilfroh, mit diesen Dingen nicht richtig konfrontiert worden zu sein. Es gab da so Herzchen zum Schlucken. Ich mache das nicht, sagte ich mir, hab’ sie da oben reingesteckt“, erzählt er und deutet auf die Brusttasche: „Das kommt mir heute noch zugute.“
Das Vorzeigestück: Die Radrennbahn in Schopp
Die Radrennbahn in seinem Heimatdorf Schopp, 1952/53 gebaut und eingeweiht, ist nur eines seiner Vorzeigestücke. Eigentlich war der Straßenbau sein Metier – und Straßenradrennen waren ein anderes. Wer Ria und Paul Maué in deren schmuckem, großzügigem Eigenheim besucht, zu dem man durch das alte Firmengelände fahren muss, tut’s gerne wegen Pauls Karriere, die knapp zehn Jahre dauerte. Von 1948 bis 1956.
Von den fünf pfälzischen Olympiateilnehmern 1952 in Helsinki – der Schwimmerin Gertrud Herrbruck, dem Turner Helmut Bantz, dem Sprinter Erich Fuchs und den Radsportlern Walter Becker und Paul Maué – lebt nur noch Maué. Er hatte nach der Währungsreform 1948 mit dem Radsport beim Radrennklub Mars 08 Kaiserslautern begonnen, weil der 1921 gegründete RV Schopp nach dem Krieg noch nicht wiederbelebt war. Sein erster Erfolg: Zweiter der deutschen Jugendmeisterschaft in Herpersdorf hinter dem Schweinfurter Günther Ziegler, 1949 war das.
Viel Geld für die Fliegerrennen
Maué erzählt aber lieber von den sogenannten Fliegerrennen auf den Straßen in Schopp, in Linden, Queidersbach oder Bann, von den ein Kilometer langen Sprintrennen. „90 Prozent dieser Rennen habe ich gewonnen, da war ich noch nicht 18. Der erste bekam 15 Mark, der zweite 10 Mark. Das war viel Geld“, erinnert sich Maué und vergleicht: „Ein Arbeiter hat in dieser Zeit freitags Vorschuss gekriegt, maximal 70, 80 Mark“.
Mit dem gleichaltrigen Otto Reischmann aus Schopp, der im April 91 wird, fuhr Maué zu den Rennen. Mit einem alten Mercedes, einem Holzvergaser, der den Krieg überlebt hatte. „Wir waren Laien und auf uns alleine gestellt, putzten die Räder selbst und brachten sie auf die Reihe, hatten keine Rennschuhe, nur Turnschlappen, während die Schweinfurter, der alte Sachs, der seinen Rennfahrern ein Auto und einen Chauffeur stellte, und der alte Ludwig Geyer, der zwischen den Kriegen ein Top Rennfahrer gewesen war, sehr fortschrittlich waren. Die haben die viel höheren Gänge als wir gefahren“, erinnert sich Maué. Er hatte nicht mal ein Trikot, in das er Verpflegung reinstecken konnte. Und die Rennen waren lang damals. 290 Kilometer „Rund um Köln“; oder zehnmal 25 Kilometer beim Iggelheimer Dreiecksrennen über Speyer.
Den Ausreißerkollegen ausgesucht
In Iggelheim war 1952 der Queidersbacher Walter Becker deutscher Meister geworden, Maué holte sich zwei Jahre später in Radevormwald den Titel. Eindrucksvoll schildert er, wie es auf den 219 Kilometern dazu kam: „Im Rennen gab’s viele Gruppen, die sich wieder zu einem großen Feld zusammenschlossen. Da dachte ich: In dem großen Haufen kannst du nicht bleiben, da machst du nichts – und bin losgefahren. Aber Walter Becker ist mitgefahren. Da dachte ich, mit dem Walter fahr ich nicht und habe aufgehört zu treten. Denn der war ein Schlitzohr, ein ganz schneller Mann. Ich hab’ ein bissel gewartet, bin dann noch mal raus aus dem Feld – dann war der Karl Loy dabei, und ich wusste, den kann ich schlagen.“
Mit dem ein paar Monate jüngeren (und 2012 verstorbenen) Walter Becker war Maué das olympische Rennen in Helsinki gefahren. Die beiden Westpfälzer hatten Pech. Der aussichtsreiche Becker wurde an diesem heißen Tag von einem übereifrigen Zuschauer mit einem Wasserkrug von Rad geholt und Maué von der Defekthexe erwischt. „Die Rennstrecke war großteils eine Kiesstrecke. Continental hatte uns neue Reifen gestellt, sie sollten was Besonderes sein. Aber ich hätte besser die alten drauf gelassen“, erzählt er. Erst hatte er vorne platt gekriegt, dann hinten. Maué: „Ich wollte nicht mehr weiter fahren, aber die Schweden haben mir geholfen, den Reifen drauf zu machen.“ Nun, Maué belegte Platz 48. Der Schweinfurter Edi Ziegler war Dritter, Oscar Zeißner Achter, das Trio kam in der Mannschaftswertung auf Platz fünf.
Nach dem 1954er Meistertitel probierten sich Maué und Becker bei den Profis. Die Fahrradfabriken hatten Miniverträge ausgestellt, Becker fuhr für Fichtel&Sachs, Maué bei Sachs und Rabeneick, sie belegten bei der Bali-Rundfahrt dritte und vierte Plätze, aber den Durchbruch schafften sie nicht.
Profiträume realisieren sich nicht
Auch Maués Sohn Michael (heute 62) wollte Profi werden. „Hör uff, mach des net, hatte ich ihm damals geraten“, erinnert sich der Vater, der hoffte, dass Michael mal ins Familienunternehmen einsteigt. Aber auch die Firma wollte Michael nicht, er ist heute der Chef der Autobahnmeisterei in Ruchheim. 1984 hatte Michael Maué den zwölften Platz mit dem Straßenvierer (mit Hartmut Bölts, Bernd Gröne und Thomas Freienstein) bei Olympia in Los Angeles belegt. Vier Jahre davor war er schon für die Spiele in Moskau eingekleidet, dann kam der Boykott.
Aufs Rad steigt Paul Maué heute nicht mehr. Vergangenen Sommer war Schluss damit. Bis dahin war er mit dem Heltersberger Werner Folz ausgefahren. „Das Schwarzbachtal war unsere Lieblingsstrecke, aber vor dem Berg nach Leimen sind wir umgedreht, dafür reichte die Kraft nicht mehr“, gesteht er.
Mehrere kleine Schläge habe er gehabt, erzählt Tochter Heike; er war vier Tage im Krankenhaus. Der muntere Paul Maué: „Ein Glück kann ich noch Auto fahren, nach Lautre, auf die Bank und zum Einkaufen.“ Und Zeitung lesen. Die RHEINPFALZ bekommt er jeden Morgen. Und die Frankfurter kaufe er sich auch, wenn er in der Stadt sei.