Fruchthalle Kaiserslautern
Pianistin Olga Scheps spielt Erlesenes
Meist geht die Faszination und Inspiration bei charismatischen Solisten von ihrer Virtuosität und atemberaubenden spieltechnischen Brillanz aus. Das hatte am Donnerstag die Ausnahmepianistin Olga Scheps aber gar nicht nötig: Spielerische Bravour stellte sie nie vordergründig zur Schau. Geschmeidiges, elegantes Laufwerk schimmert nur dekorativ durch, erklingt wie selbstverständlich und bildet nur den Rahmen für den eigentlichen Kern: Der besteht aus einer extremen sinnlichen hochsensiblen Klanglichkeit.
Bei den Klavierwerken von Mozart und Chopin war sie geprägt von Subtilität, Sensibilität und Solidität. Da erfüllte jeder Ton bei Sonaten und Fantasien seine präzise Funktion, wurde alles plastisch artikuliert, fein ziseliert und die Stimmungsbilder der Partituren wurden gleichsam zelebriert und erklangen in zarten Pastelltönen.
Verinnerlicht und abgeklärt
Es geht Olga Scheps nicht um reißerische Effekte, auch nicht um gewagte, eigenwillige stilistische Provokationen und neue Sichtweisen um jeden Preis. Sie muss auch keinen neuen Rekord hinsichtlich Schnelligkeit und Rasanz aufstellen und auch nicht Mozart unbedingt neu entdecken. Sie spielt einfach verinnerlicht, abgeklärt, aber nicht nur routiniert, sondern engagiert und lässt die Musik aus ihrer inneren Struktur strömen und sich sukzessiv und organisch entfalten. Das klingt einfach und doch steckt da sehr viel an Detailarbeit, an Akribie und Esprit, an Klangästhetik und ausgefeilter Anschlagskultur dahinter.
Wenn man so will: Sie haucht bei Mozart lyrischen Themen pulsierendes Leben ein, bringt liedhafte Mittelsätze zum Singen und bei Finalsätzen perlen die Läufe so locker wie Sektbläschen. Schon mit den ersten Tönen stand fest, das wird ein ganz, ganz großer Konzertabend, der nicht polarisierte, sondern elektrisierte. Gibt es ein gravierendes Unterscheidungsmerkmal zu anderen Aufführungen und Einspielungen dieser Sonaten in a-Moll und C-Dur von Mozart sowie in h-Moll von Chopin, dann das: Olga Scheps setzt mit ihrem Interpretationsansatz auf zarteste klangliche Abstufungen im Piano- und Pianissimobereich, manchmal hört man Klavierklänge wie aus weiter Ferne, und doch ist alles klar konturiert und jede Feinheit wirkt präsent – ein Wunder an Lockerheit im hochdifferenzierten Gestalten und Nuancieren.
Spielerische Eleganz
Alles wirkt transparent, atmet Leichtigkeit, geschmeidige spielerische Eleganz und Lockerheit und wirkt bei ihr niemals angespannt, entwickelt sich vielmehr organisch und steigert sich zu großem Spannungsaufbau.
Verzierungen, Umspielungen, Themen und ostinate Bassfiguren fließen nahtlos ineinander, bekommen bei der Fantasie f-Moll von Chopin etwa gelegentlich orchestrale Klangfülle, die aber nicht erschlägt. Alles löst sich wohltuend in kammermusikalischer Transparenz auf, die Pianistin zwingt und verleitet zur musikalischen Andacht.
Finesse bei Mozart
Letztlich geht man anders aus dem Konzert heraus wie zuvor hinein: Mit dem Gefühl, authentische, exemplarische und ausgereifte Interpretationen von Seltenheitswert erlebt zu haben; ein Erlebnis, das beflügelt am Flügel oben und im Publikum unten.
Noch eine Besonderheit: Mozarts Oeuvre ist ob der heiklen Feinheiten, Finessen und Durchsichtigkeit gefürchtet ,und die hier aufgeführten Sonaten sind daher keine Einspielstücke. Um so mehr überraschte, dass sie schon zum Auftakt mit dem Mozart-Block alles an Sicherheit und voller Konzentration in die Waagschale werfen konnte, um diese Hemmschwelle zu überwinden.
Stringenz bei Chopin
Bei Chopin setzte sie nicht auf salonhafte Wirkungen, sondern blieb ihrer Linie mit Detailarbeit und Sorgfalt in der kammermusikalischen Charakterisierung der Motive und Themen treu und triumphierte über hoch komplizierte (Gegen-) Bewegungen in Laufwerk, rhythmische und melodische Finessen und arbeitete stringent und konsequent den dahinter verborgenen melodischen Liebreiz heraus.