Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Pfalzphilharmonie mit Solisten in der Fruchthalle

Temperament ist Trumpf: die Pfalzphilharmonie unter Anton Legkii und mit Solistin Rosario Chávez.
Temperament ist Trumpf: die Pfalzphilharmonie unter Anton Legkii und mit Solistin Rosario Chávez.

Es ist zugegeben schwierig, zu Programmen der städtischen Konzertreihen die passenden Titel oder Attribute zur Charakterisierung und Bewerbung zu finden. Im Fall des jüngsten Konzertes der Reihe „Sonntags um 5“ traf man mit der Bezeichnung „Spanisches Temperament“ aber voll ins Schwarze.

Das lag zunächst einmal am programmdramaturgisch geschickt und von Chefdramaturg Andreas Bronkalla auch selbst kommentierten Programm des Pfalztheaters, das einen schlüssigen Querschnitt aus den Gattungen Konzert- und Ballett-Musik, Zarzuela und Oper hatte. Und die Stücke waren in dieser durchdachten Repertoiregestaltung entweder authentisch der spanischen folkloristischen Tradition entnommen oder von dieser inspiriert. Im letzteren Fall faszinierte es, dass Komponisten wie der zum Auftakt zu hörende Rimsky-Korsakow das spanische Kolorit genau trafen und dieses Idiom entsprechend verarbeiteten, obwohl sie (von einem Kurztrip bei seiner Marinezeit abgesehen) nie die iberische Halbinsel jemals besucht hatten. Auch Tschaikowsky, der zweite russische Komponist, komponierte sein Ballett „Schwanensee“ fürs Bolschoi-Theater Moskau und erfasste im daraus erklingenden spanischen Tanz ebenfalls stilsicher diese lebhaft pulsierende Lebensader im Zusammentreffen aus Orient und Okzident mit einer eigenen musikalischen Tradition.

Spätestens aber mit dem aus Russlands Jekaterinburg stammenden Dirigenten Anton Legkii steht nach diesem denkwürdigen Konzert fest: Die spanischen Rhythmen wie Paso doble oder Fandango und Flamenco (um einige zu nennen) und deren Feuer hat man eben im Blut oder auch nicht. Der zweite Kapellmeister des Pfalztheaters hat es – und wie! Sein Dirigat zeichnet sich durch straffen rhythmischen Impuls, durch den überspringenden musikantischen Funken ebenso aus wie durch die mit eindringlicher Zeichengebung vermittelten Spannungs- und Phrasierungsbögen. Er lässt ein Orchester aber auch mal in vielen glanzvollen Soli des Capriccio Espagnol auf Eigeninitiative ausmusizieren. Das wurde von den Solisten beim genannten Werk von Rimsky-Korsakow am Konzertmeister-Pult, gefolgt von Flöte, Klarinette und vor allem Harfe, intensiv genutzt.

Spürsinn und Detailarbeit

Weitere Kompositionen dieses Genres wie Intermezzi von León Minkus und Gerónimo Giménez sowie vor allem der berühmte Satz „Asturias“ aus der Suite von Albéniz (in einer instrumentierten Fassung) zeigten neben dem packenden Zugriff Legkiis auch dessen Spürsinn für akribische Detailarbeit im großen Stil. Dennoch war das an Subtilität und Klarheit exemplarische Harfensolo bei Minkus herausragend durch die filigrane Klarheit. Eine Anregung am Rande: Akzente sind nach ihrer rhythmisch-metrischen Bedeutung im Takt auch dynamisch eigentlich hervorgehobener als federnde Nachschläge. So gehört bei manch übertriebenen Bläsereinwürfen. Ansonsten hörte man sehr ansprechende, bisweilen etwas massive (auch akustisch bedingt) Orchestermischungen und Klangbilder, die allerdings ab und an bei den Orchesterwerken etwas durchsichtiger und bei der Begleitung vokalistischer Partien etwas zurückgenommener klingen könnten.

Mit der Mezzosopranistin Rosario Chávez aus Mexiko und der kubanischen Sopranistin Indira Hechavarriá (in beiden Fällen mit der spanischen Landessprache) gehören zwei Spezialistinnen für diese spanischen Wurzeln zum Pfalztheater. Letztere zum hauseigenen Opernstudio. Auch diesen Trumpf spielte das Galakonzert gnadenlos aus, stach dabei aber etwas den klanglich überdeckten Bassbariton Ogulcan Yilmaz aus, der in dieser Saison am Pfalztheater als Gast in zwei Opernrollen zu erleben ist. Er konnte dennoch bei manchen lyrischen Passagen gute stimmliche Substanz zeigen.

Stimmen wie Sterne

Trotzdem überstrahlten die Frauenstimmen wie leuchtende Sterne das Konzert. So traf die Mezzosopranistin Polina Artsis mit der Habanera aus der Oper „Carmen“ von Bizet auf eine der bedeutendsten und mit am schwersten darzustellenden Frauenfiguren der Oper überhaupt: Carmen zwischen Liebesleid und -freud, zwischen Ekstase, Emphase und melancholischer Selbstreflexion. In ihrer Darstellungskraft schwang restlos überzeugend all das mit, was diese große Partie zwischen weiblicher Attraktivität, Verführungskunst und gepaart mit Selbstzweifeln ausmacht. Sie hatte zudem eine überraschende Individualität, die Legkii zuließ.

Als Kontrast zu dieser stets mitschwingenden Tragik dann die Leichtigkeit des Seins, verkörpert von Rosario Chávez bei einer lebensfrohen Zarzuela, Pendant zur Opera comique in Frankreich und der Wiener Operette. In natürlicher Anmut und stimmlicher Reinkultur gestaltete sie diese Kostprobe, die hierzulande leider selten zu hören sind. Indira Hechavarria folgte mit einem Auszug aus einer solchen Zarzuela, ließ in jungen Jahren mit einer erstaunlich hohen Strahlkraft, einer entwaffnenden Natürlichkeit und Sicherheit ihrer Stimmführung aufhorchen. Legkii erwies sich einmal mehr als ein Koordinator, der Solisten und Orchester gut zusammenhalten und inspirieren kann.

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