Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Star-Autor: „Kaiserslautern ragt nicht als braunes oder blaues Nest hervor“

Christian Baron lebt in Berlin, ist aber im Schnitt alle zwei Monate in seiner Heimatstadt Kaiserslautern. Er ist glühender Anhä
Christian Baron lebt in Berlin, ist aber im Schnitt alle zwei Monate in seiner Heimatstadt Kaiserslautern. Er ist glühender Anhänger des FCK.

Seine Kaiserslautern-Trilogie hat Christian Baron beendet, er schreibt am vierten Roman. Im Interview hat der bekannte Autor über seine Heimat, die AfD und den FCK gesprochen.

Herr Baron, wann waren Sie denn das letzte Mal in Kaiserslautern?
Das ist noch gar nicht so lange her. Ich war im Juli und August in der Stadt und sogar recht lange, elf Tage. So lange war ich, glaube ich, schon seit 20 Jahren nicht mehr am Stück in Kaiserslautern.

Was haben Sie gemacht?
Diesmal hatte ich meine Frau und meinen zweijährigen Sohn dabei, wir hatten eine Ferienwohnung mitten in der Stadt gemietet. So sind wir dann auch der „bucklisch Verwandtschaft“ (lacht) nicht allzu sehr auf die Nerven gefallen. Wir hatten viel Besuch von alten Freunden, haben aber auch einige Ausflüge gemacht.

Wohin ging es?
Meine Frau stammt aus dem Rheinland, die kennt die Pfalz auch noch nicht so gut. Wir waren beispielsweise im Dahner Felsenland, am Teufelstisch in Hinterweidenthal, aber auch in der Südpfalz und in Neustadt. In der Stadt selbst haben wir uns auch Sachen angeschaut, die für mich als Kind sehr wichtig waren.

Was hat Sie beeindruckt? Was nehmen Sie heute anders wahr als früher?
Es fallen immer wieder Details auf, die damals vielleicht nicht so im Fokus standen. Gut finde ich, wie viel man mit Kindern in Kaiserslautern machen kann. Ein Beispiel ist das Naturfreundehaus im Finsterbrunnertal. Da waren wir sogar zweimal. Der Kleine kann auf dem Spielplatz toben, während man selbst Kaffee trinken kann. Das ist perfekt für Kinder. Übrigens sind die Spielplätze in der Stadt allgemein gut in Schuss. Da bin ich aus Berlin teilweise anderes gewöhnt.

Sie sind in Kaiserslautern aufgewachsen, kennen die Stadt sehr gut …
Der Blick auf die Stadt hängt sicherlich auch mit den Lebensphasen zusammen. Ich bin mit Anfang 20 weg, meine Zeit dort hing mir nach. Ich bin in Armut aufgewachsen, hatte einen alkoholkranken Vater, meine Mutter ist früh gestorben. Das schüttelt man nicht so einfach ab. Selbst wenn ich im August in der Stadt war, im Sommer, hingen für mich trotzdem dunkle Wolken für mich über der Stadt. Es gibt aber immer noch dunkle Orte.

Welche denn?
Die Mall zum Beispiel. Mit der bin ich unzufrieden, das muss ich schon sagen. Was hätte man mit dem Platz mitten in der Stadt alles machen können! Aber das Einkaufszentrum ist schon ein bisschen trostlos, mit den Leerständen. Wenn ich dann aber weitergehe in Richtung Martinsplatz, da denke ich dann schon: „Schää, widda dehäm ze sinn“. Vom FCK rede ich da noch gar nicht.

Gutes Stichwort. Wo haben Sie das Spiel gegen Schalke verfolgt?
Ich war in Berlin, in Kreuzberg, in einer FCK-Kneipe, die heißt die „Taube“. Da gehe ich schon seit ein paar Jahren hin. Anfangs dachte ich, da sitze ich dann allein mit zwei Freunden und schaue das Spiel, aber die Kneipe ist jedes Wochenende voll mit Exil-Pfälzern. Und das Spiel gegen Schalke hat einen dann in den 90 Minuten – es waren ja sogar 105 Minuten – mindestens 90 Tage älter gemacht.

Das heißt: Die nächsten Spiele müssen Sie, sollten Sie abergläubisch sein, wieder in die „Taube“ …
Nein, nein (lacht). Ich war die letzten drei Heimspiele der vergangenen Saison im Fritz-Walter-Stadion.

Wie oft sind Sie im Schnitt in Kaiserslautern?
So alle zwei Monate. Ich war zuletzt viel beruflich in der Stadt, beim Dreh der Dokumentation, aber auch bei den Dreharbeiten zu dem Fernsehfilm meines Buches „Ein Mann seiner Klasse“. Ich bringe gern meine Familie mit in die Stadt. Mein Sohn soll nicht allzu sehr Berliner werden (lacht). Er hat auch schon ein FCK-Trikot.

Wann sind Sie das nächste Mal in Kaiserslautern?
Ich lese am 16. September im Zink-Museum aus meinem neuen Buch „Drei Schwestern“. Das mache ich in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung „Blaue Blume“ und wie ich höre, läuft der Vorverkauf sehr gut. Da freue ich mich sehr drauf. Das wird der Auftakt zu einer Lesereise, nach der Berliner Premiere hab ich die in den vergangenen Jahren immer in Kaiserslautern begonnen.

Wo geht es danach hin?
Es sind rund 20 Termine, von Bremen bis Konstanz, aber auch Wien ist dabei.

Ihr neuer Roman ist gerade erschienen. Worum geht es?
Es geht um die drei Schwestern Mira, Juli und Ela, die auf ihre Art versuchen, ein Leben in Freiheit zu führen. Es ist der dritte Roman, der sich aus Erlebnissen meiner Familie speist. Mira geht aus Kaiserslautern weg, nach Westberlin, reist dabei natürlich auch durch die damals noch existierende DDR. Es ist eine proletarische Familiengeschichte. Damit ist meine Kaiserslautern-Trilogie dann auch abgeschlossen.

Wie viel eigene Erfahrungen stecken in Ihrem neuen Roman?
Das kann ich gar nicht mehr so genau auseinanderhalten. Ich habe im Vorfeld viel recherchiert, auch mit alten Freunden meiner Mutter und meiner Tanten gesprochen und das dann zu einem Plot verdichtet und daraus hoffentlich eine stimmige Geschichte gemacht. Sagen wir so: Die Grundpfeiler beruhen schon auf realen Dingen, die Erzählung hat dann aber doch einiges verwandelt.

Sie haben als Redakteur bei einer Zeitung gearbeitet. Sehen Sie sich eher als Journalist oder als Autor?
Da ich nicht mehr in einer Redaktion arbeite, sehe ich mich eher als Autor, der aber auch Zeitungstexte und Essays verfasst.

Sie arbeiten also eher frei?
Ich habe unter der Zeitungsmühle sehr gelitten, unter dem Druck. Ich bin jemand, der aus einer starken intrinsischen Motivation heraus arbeitet, also einen inneren Antrieb hat. Da kann ich meine Aufgaben gut abarbeiten, ohne äußeren Druck. Außerdem lässt sich das gut mit der Kinderbetreuung vereinbaren. Wenn die Kita um 13 Uhr anruft und sagt, dass mein Sohn abgeholt werden muss, dann ist das kein Problem. Dann hänge ich die paar Stunden einfach abends noch dran.

Welche Projekte liegen gerade auf Ihrem Schreibtisch parat? Können Sie darüber schon was sagen?
Ich habe, kaum war „Drei Schwestern“ veröffentlicht, schon mit einem neuen Roman-Projekt begonnen. So viel kann ich sagen: Ich bleibe meinen Themen treu, es geht wieder um das Arbeitermilieu. Aber es hat nichts mehr mit meiner Familiengeschichte zu tun. Und es gibt noch ein Projekt.

Welches?
Mein Verlag hat ein großes Interesse daran, dass ich ein Buch über den FCK schreibe. Die wundern sich immer alle, wie ein Verein, der so weit weg von Berlin ist, so einen großen Einfluss auf meinen Gefühlshaushalt hat.

Das ist aber auch schwer zu verstehen, als Nicht-Lautre-Fan. Wie könnte Ihr FCK-Buch aussehen?
Es wäre dann ein sehr persönliches Buch, über mich als FCK-Fan. Im Zentrum wären dann die vergangenen 30 Jahre, die ich überblicken kann. Mitte August hatte ich es nicht so weit, um bei einem FCK-Spiel live dabei zu sein: Das Pokalspiel gegen RSV Eintracht Stahnsdorf habe ich live im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam erlebt. Das war ein wunderbarer Sommerausflug mit einem ungefährdeten 7:0-Sieg. Mich beeindruckt aber immer wieder aufs Neue, wie viele Fans aus der Pfalz mitreisen, das ist in Deutschland wahrscheinlich einmalig.

Nun kennt man Kaiserslautern seit der Bundestagswahl nicht nur wegen des FCK, sondern auch wegen des hohen Zuspruchs für die AfD. Wie sehen Sie das?
Ich habe in der Sache eine differenzierte Sicht. Zunächst: Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik hat die AfD in weiten Teilen ihr Bundesergebnis erzielt, lag bei rund 20 Prozent. Ich finde, dass Kaiserslautern da nicht unbedingt als braunes oder blaues Nest hervorragt. Ein Unterschied zwischen West und Ost liegt darin, dass viele im Osten gar keinen Kontakt zu Geflüchteten haben, sich da gar nichts entwickeln kann. In Kaiserslautern dagegen gibt es Hoffnung.

Inwiefern?
Die Geflüchteten sind da, sie sind im Stadtbild präsent, man kann Kontakte aufbauen, eine Integration ermöglichen. Was auch mit reinspielt: In Kaiserslautern liegt die soziale Ungleichheit über dem Bundesdurchschnitt, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Und es ist ein klarer Zusammenhang herzustellen, nicht nur in Kaiserslautern, zwischen einer Sparpolitik im sozialen Bereich und dem Erstarken rechter Parteien. Ich glaube, dass viele ehemalige SPD-Wähler in Kaiserslautern nun ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben. Es waren in der Stadt viele Menschen lange sehr stolz darauf, Arbeiter zu sein. Das ist aber nun weggebrochen. Ich glaube, dass die Parteien links der Mitte eine große Verantwortung tragen mit Blick auf das Erstarken der AfD.

Verstehe.
Noch ein Aspekt: In Kaiserslautern sind wir, durch die Präsenz der US-Streitkräfte, durch die kulturelle Nähe, nah dran an der Weltpolitik. Das muss man auch berücksichtigen. Wer mit der Politik der Amerikaner nicht einverstanden ist, der wählt die Partei, die die Amerikaner loswerden möchte. Es ist ein sehr komplexes Thema. Wenn ich in Berlin darauf angesprochen werde, dass ich ja aus einer AfD-Hochburg komme, dann werde ich nicht nur sauer, sondern zeige auch die Ergebnisse, die die AfD in Berlin erzielt hat, auf. Viele AfD-Wähler sind aus meiner Sicht enttäuschte Sozialdemokraten, keine Rechtsextreme.

Noch einmal zurück zu Kaiserslautern. Bald sind Sie wieder in der Stadt, allerdings zum Arbeiten. Was haben Sie sich vorgenommen, wenn Sie das nächste Mal mit Ihrer Familie da sind?
Wir haben noch einiges vor. Wenn wir unterwegs sind, dann hören wir oft das „Palzlied“ der Anonyme Giddarischde – und ich singe dann laut mit. Da gibt es die Zeile „Warsch Du ämol uff de Kalmit?“ Wir haben festgestellt: Meine Frau war noch nie da.

Dann steht ja ein Ziel schon mal fest.
Geplant ist noch nichts. Aber im Herbst wollen wir schon noch mal alle drei nach Kaiserslautern kommen.

Zur Person

Christian Baron, 1985 in Kaiserslautern geboren, machte seine ersten journalistischen Erfahrungen bei der RHEINPFALZ. Nach dem Studium in Trier arbeitete er als Redakteur und Journalist, machte das Leben der Arbeiterklasse, ein Milieu, das er aus erster Hand kennt, immer wieder zum Thema seiner Arbeit. Heute schreibt er als freier Autor für Zeitungen, hat drei Romane veröffentlicht sowie an einigen Sachbüchern und Essay-Sammlungen mitgearbeitet. Mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn lebt er in Berlin-Wedding. Die Vorbereitungen für einen vierten Roman sind angelaufen.

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