Kaiserslautern Peinliche Preisvergabe

Jetzt haben sie in Angoulême doch noch jemanden gefunden für den „Großen Preis“ des Comicfestivals – wenn auch wieder nur einen Mann: Auf Hermann, wie sich der belgische Zeichner lediglich nennt, fiel die Wahl. Die war fast schon zur peinlichen Posse verkommen, nachdem es um die Auswahl und insbesondere das Geschlecht der auszeichnungswürdigen Künstler im Vorfeld viel Wirbel gegeben hatte. Dabei geht es nicht um irgendeinen Preis. Das „Festival international de la bande desinée“ in der westfranzösischen Stadt, das gestern in seine 43. Auflage startete, ist die bedeutendste Comicveranstaltung in Europa. 200.000 Besucher werden an vier Tagen erwartet, Hunderte Autoren und Zeichner aus aller Welt geben sich ein Stelldichein. Der jährlich vergebene „Große Preis“ ist eine der wichtigsten Auszeichnungen der Branche. Er gilt, im Gegensatz zu den weiteren Preisen für einzelne Alben, einer Künstlerpersönlichkeit und ihrem Lebenswerk sowie ihrer herausragenden Bedeutung für den Comic. Große Namen wie Franquin, Moebius, Tardi, Robert Crumb oder Art Spiegelmann finden sich unter den Geehrten. Überwiegend waren es Franzosen oder Belgier. Eine Ausnahme machte 2015 der Japaner Katsuhiro Otomo. Mit seinem „Akira“ kam der Manga nach Europa. Nur eine Frau ist bislang darunter, Florence Gestac im Jahr 2000. Und damit sind wir schon beim diesjährigen Problem. Das Festival veröffentlichte eine erste Auswahlliste ohne eine einzige weibliche Comic-Schaffende. Erboste Reaktionen waren die Folge, zehn der 30 Kandidaten nahmen Abstand von der Nominierung. Die Festivalleitung versuchte den Fauxpas mit einer verwegenen Argumentation zu entschuldigen: Man könne eben nicht die Comic-Historie umschreiben, nur wenige Frauen hätten wichtige Impulse geliefert. Es stimmt wohl, dass lange Zeit vor allem männliche Akteure das Medium prägten. Den Verantwortlichen fielen dann aber doch einige Frauen ein, die sie einer nachträglichen Nominierung würdig erachteten. Eine Frau landete schließlich sogar auf der Shortlist. Die Probleme waren damit allerdings nicht beseitigt. Denn Claire Wendling bat umgehend darum, nicht gewählt zu werden. Ein weiterer Anwärter, Alan Moore, hatte wiederum schon häufiger deutlich gemacht, dass ihn die Auszeichnung nicht interessiere. Die damit verbundene Aufgabe, im Folgejahr als Festivalpräsident zu fungieren, hätte der exzentrische Engländer – seit seinem Meisterwerk „Watchmen“ von 1986 immer wieder im Gespräch – wohl nicht auf sich genommen. Blieb Hermann. Und selbst der hatte sich früher unwillig gezeigt. Jetzt müssen ihn die Festivalleute irgendwie überredet haben. Eine Notlösung ist er indes keineswegs, seine Bedeutung für den Comic unbestritten. Der 77-jährige Belgier (mit vollem Namen eigentlich Hermann Huppen) hat Abenteuerserien wie „Andy Morgan“, „Comanche“ und „Jeremiah“ geschaffen – deutschen Lesern aus dem Magazin „Zack“ ein Begriff. „Ich habe gar nicht damit gerechnet“, sagte er, als am Mittwochabend die Auszeichnung bekanntgegeben wurde. Ein ganz bescheidener Mann eben.