Kaiserslautern
Organspende-Tattoo: Mit Tinte ein Zeichen fürs Leben setzen
Justine ist einfach klasse. Die junge Tätowiererin vom Tattoostudio Kitsoni aus Kaiserslautern hat wirklich ein Gespür dafür, wie sie die 60-Jährige auf der Liege nehmen muss. Schritt für Schritt erklärt sie, was gleich geschieht. Justine ist seit fünf Jahren im Geschäft, das kreative Handwerk liegt ihr, obwohl an diesem Samstagmorgen die Vorgaben klar sind.
„Ein Tattoo für die Organspende“ – dazu hatte das Westpfalz-Klinikum am Tag der Organspende aufgerufen und vier Wochen später die Aktion terminiert. Im Hörsaal am Standort Kaiserslautern sind gleich vier Frauen von Kitsoni mit dabei, große Pausen müssen sie nicht einlegen. Über 100 Interessierte haben sich laut Pressesprecher Dennis Kolter beim Klinikum gemeldet, für 40 von ihnen wird das kostenlose Logo an diesem Tag ermöglicht. Im Herbst wird versucht, einen zweiten Termin anzubieten, damit alle zum Zug kommen.
Zuvor schlaflos
Keine Frage, die Nacht vor dem „Stechen“ war einigermaßen schlaflos, sich tätowieren zu lassen, bislang undenkbar. Doch als das Klinikum die RHEINPFALZ einlud, war schnell klar: Warum nicht selbst teilnehmen, statt nur andere zu befragen. Diese Entscheidung hatte auch einen Grund jenseits der Berufsehre. 1991, als die Mutter von jetzt auf nachher eine Hirnblutung erlitt und die Tochter völlig von der Rolle auf der Intensivstation der Uniklinik in Homburg ankam, lautete die erste Frage: Ihre Mutter ist unumkehrbar hirntot, wären Sie mit einer Organspende einverstanden?
Komplett überfordert, weil noch nie mit diesem Thema befasst, dauerte die Antwort zu lange. Die Mutter starb, bevor das Ja kam. Hätte es geklappt, wäre sie stolz darauf gewesen, mit ihrem so plötzlichen Tod doch noch etwas Gutes bewirken zu können. Die Tochter hat seither einen Organspendeausweis im Geldbeutel, das Tattoo soll nun zusätzlich dafür werben.
Die Mission von Oberarzt Kindel
Dass solche Situationen wie vor 34 Jahren gar nicht erst eintreten, darum kümmert sich Oberarzt Felix Kindel als Transplantations- oder besser gesagt Organspendebeauftragter des Westpfalz-Klinikums. Sein Hauptanliegen lautet, dass sich Menschen mit dem eigenen Tod und folglich auch mit der Möglichkeit, Organe zu spenden, beschäftigen sollen. Erst vergangene Woche seit im Klinikum eine 37-Jährige gestorben, deren Organe anderen Menschen das Weiterleben hätten ermöglichen können, eine vertane Chance.
Justine hat derweil den Oberarm ihrer „Kundin“ behutsam abgetupft und desinfiziert, die Tinte vorbereitet und auf die Tätowiermaschine aufgezogen. Sie beschreibt, wie dünn die Nadel ist und dass die gewählte Variante des Logos – ohne Schnörkel und mit dünnen Linien – die einfachste sei. Es wird dann vom Papier auf die zu tätowierende Stelle aufgedrückt, als Vorlage sozusagen. Dann setzt Justine eine Stirnlampe auf, um beste Sicht zu haben. Mit einem leisen Surren geht die Maschine in Betrieb.
Zusammen ein Ganzes
Das Logo besteht aus einem Halbkreis, der mit einem weiteren zum Ganzen wird – ein Symbol für das Geschenk des Lebens. Entworfen wurde es von dem südkoreanischen Künstler Gara, es soll als „Opt. Ink“-Tattoo eine alternative Form der Willenserklärung zur Organspende sein und Gespräche über das Thema anstoßen. Anhand dieses Logos hatte dann der Verein „Junge Helden“ die Tattoo-Kampagne „Opt. Ink“ 2003 gestartet. Heute wird sie bundesweit von prominenten Botschaftern unterstützt. „Opt. Ink“ (Ink heißt Tinte) ist angelehnt an das englische „opt-in“, was Zustimmung bedeutet.
Auch Organspendebeauftragter Felix Kindel weiß um die Werbewirksamkeit des Tattoos. Dass sich so viele Menschen auf die Aktion des Westpfalz-Klinikums gemeldet haben, hat ihn überrascht und gefreut. Wie wichtig das ist, unterlegt er mit Zahlen. Im Register von Eurotransplant stünden aktuell rund 8100 Deutsche, die auf eine Organspende warteten – bei 953 postmortalen Spendern im vergangenen Jahr. Das Westpfalz-Klinikum selbst habe 2024 vier Spenden umgesetzt, etwa ein Viertel der Fälle, in denen Angehörige mit der Frage konfrontiert worden seien. In diesem Jahr habe es bislang drei Organspenden gegeben.
FCK-Fan am Nachbartisch
An der Liege arbeitet Justine derweil konzentriert und versucht trotzdem, die RHEINPFALZ-Redakteurin bei Laune zu halten. Die wartet immer noch auf den großen Schmerz, muss aber noch wenigen Minuten eingestehen, dass jeder Zahnarzttermin unangenehmer war. Auf der Nachbarliege lässt sich gerade ein echter FCK-Fan, im Hörsaal im Trikot aufgelaufen, das Logo in leicht verzierter Form stechen. Er sei über seine Tochter darauf gekommen, erzählt Andreas Schmitz aus dem Kaiserslauterer Stadtteil Erzhütten ganz relaxt. Der FCK-Fanclub engagiere sich schon immer im sozialen Bereich, da gehöre eine solches Werbe-Tattoo für die Organspende einfach dazu.
„Man ist nie zu alt für eine Organspende“, erklärt Oberarzt Kindel mit Blick auf die 60-Jährige und lächelt. Entscheidend sei die medizinische Prüfung. Nur bei bestimmten Krankheiten, wie HIV oder Krebs, scheide eine Spende automatisch aus. Welche Organe besonders gefragt seien? Das könne man so nicht sagen. „Für denjenigen, der es braucht, ist immer dieses bestimmte Organ das wichtigste.“
„Sehr hohe Hürden“
Kindel weiß natürlich um die Angst, dass Organe bei einem Menschen entnommen werden könnten, ohne dass dieser wirklich unumkehrbar hirntot ist. Auch darüber klärt er potenzielle Spender und ihre Angehörigen regelmäßig auf. „Die Hürden sind sehr hoch, auf der Intensivstation nur hoch qualifizierte Ärzte unterwegs.“ Alle seien sich über die Konsequenzen einer möglichen Fehldiagnose im Klaren und gäben deshalb „150 Prozent“. Ganz wichtig sei, dass immer zweistufig geprüft werde: Erst müsse der Hirntod festgestellt werden, dann, dass er unumkehrbar sei. Kann ein Organ entnommen werden, kommt die Deutsche Stiftung Organtransplantation ins Haus, kontrolliert und meldet es der Stiftung Eurotransplant, die entscheidet, wer es bekommen soll.
Justine ist bereits nach 15 Minuten fertig, und bis zum Schluss war beim Stechen kaum etwas zu spüren. Jetzt erklärt sie, wie die tätowierte Stelle in den nächsten Tagen gepflegt werden muss. Sauber halten, immer mal wieder mit Wasser abtupfen, morgens und abends eine Salbe dünn auftragen. Diese gibt sie in einem kleinen Beutel mit, auf den ein Herz und „Thank you“ aufgedruckt ist.
Tattoo kein Ersatz
Den Organspendeausweis ersetzt das Tattoo allerdings nicht. Organspendebeauftragter Kindel bedauert, dass in Deutschland noch immer nicht jeder Organspender ist, solange er nicht widersprochen hat. Dann wäre man zumindest gezwungen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und könne sich trotzdem immer für ein Nein entscheiden. So, wie auch jedes Ja für die Spende jederzeit revidiert werden könne. Und was passiert, wenn man beispielsweise als Tourist in einem Nachbarland einen unumkehrbaren Hirntod erleidet, wo die Organspende bereits so geregelt ist? Dann gilt das Landesrecht, sagt Kindel, weshalb es sinnvoll sei, einen Organspendeausweis oder auch einfach nur einen Zettel dabeizuhaben, auf dem steht, ob man spenden wolle oder nicht.
Mit dem frisch gestochenen „Opt. Ink“-Tattoo geht es am Samstagnachmittag zu einem weiteren Termin. Dort erfüllt sich die Hoffnung sofort: „Was haben Sie denn da am Arm?“ Alles richtig gemacht, Mama.
Mehr Infos unter www.organspende-info.de