Kaiserslautern
Ohne Fasenachtskichelcher ist die fünfte Jahreszeit kaum denkbar
„Die Kichelcher sin geback, die Kichelcher sin geback, eraus mit, eraus mit, ich steck’ se in moi Sack.“ Dies an der Haustür artig im melodischen Sprechgesang vortragend, zogen die Kinder, die heute vielleicht Uroma oder Uropa sind, vor vielen Jahrzehnten an Fastnachtsdienstag in den Dörfern und in der Stadt von Haus zu Haus. Bis der Sack voll war, voll mit Fasenachtskichelcher – Fastnachtsküchlein, ins Hochdeutsche gezerrt.
Auf dem Dorf wurde jedes Haus besucht. Die Leute fühlten sich geehrt. Sie waren empfindlich und vielleicht beleidigt, wenn die Kinder mit ihren roten Pappnasen nicht zu ihnen kamen. Ob die Fasenachtskichelcher im vorigen Jahr nicht geschmeckt haben? Trotz erheblicher Dialektunterschiede: Fasenachtskichelche versteht jeder Pfälzer, obwohl das Gebäck in der Vorderpfalz auch Fastnachtskräppel oder einfach Kräppel heißt. Unsere hinterpfälzer, Lauterer Fasenachtskichelcher sollte es nur um die Fastnachtstage geben – etwa ab der Altweiberfastnacht.
Eine fettige, schmalzige Angelegenheit
Echte Fasenachtskichelcher sind eine fettige, schmalzige Angelegenheit. Auf dem Dorf musste das Schmalz vom letzten Schlachtfest stammen, in der Stadt wurde das Schmalz kiloweise eingekauft. Fasenachtskichelcher sind etwa apfelgroß und knusprig braun. Ringsherum haben sie einen schmalen hellen Rand. Das kommt daher, dass der mit einem Löffel ausgeschöpfte Teig im heißen Schmalz sofort nach oben schwimmt und das Fasenachtskichelche gewendet werden muss, um eine zweite knusprige Hälfte zu bekommen. Das Aussehen hängt davon ab, wie schnell und wie geschickt die Bäckerin den Teig ins heiße Fett gleiten lässt. Wenn die Fasenachtskichelcher heiß triefend aus dem Fett kommen, werden sie in grobkörnigem Kristallzucker gewälzt. Als Original sind sie nicht mit Marmelade oder Konfitüre gefüllt.
Das Backgeschirr muss ein guter alter schwarzer Eisentopf sein, keine Fritteuse. Herdplatte und Küchenboden müssen nach der Backaktion vom überschäumenden, aufspritzenden Fett leicht bedeckt und klebrig sein. Alles andere ist Stilbruch. Echte Schweineschmalz-Fasenachtskichelcher dürfen nicht nach dem Schweineschmalz schmecken, in dem sie gebacken wurden, aber sie müssen etwas schwer im Magen liegen.
Fünf bis sieben waren Spitzenleistung
Die Buben haben sich früher gefragt: „Wie viel hasche dann gepackt?“ Fünf bis sieben waren Spitzenleistung. Und was passierte nach der Fastnacht mit den Fasenachtskichelcher, wenn sie schon etwas trocken waren? Der Opa hat sie in den Kaffee „gedunkt“.
Fasenachtskichelcher haben unterschiedliche Namen. In Norddeutschland heißen sie mancherorts Liebesschleifchen oder Schleifchen. Wo anders heißen sie Schmalzgebäck. Einen fast so schönen Namen wie unser Fasenachtskichelche trägt das Nonnenfürzchen, das im Schwäbischen um die Fastnachtszeit in schwimmendem Fett gebrutzelt wird.
Alle diese schmackhaften Schmalzbackwaren ufern heutzutage aus – über die Fastnacht, die Fasenacht, den Fasching und den Karneval hinaus. Ein Abklatsch unsers Fasenachtskichelchens ist der über das ganze Jahr erhältliche gesamtdeutsche Berliner der Backindustrie – ein Fettgebäck, gefüllt oder ungefüllt in genormter Rundform, manchmal mit Altfett-Nachgeschmack. Das ist für den Fasenachtskichelche-Fan Produktfälschung.