Ramstein-Miesenbach
Oden an Brahms im Congress Center
Wir erinnern uns: „Lieben Sie Brahms?“ ist der Titel eines französisch-amerikanischen Films von Anatole Litvak des Jahres 1961. Das Konzert in der programmatischen Konzeption von Eberhard Streul der 1989 gegründeten Musikbühne Mannheim kehrte diesen Titel affirmativ um in „Wir lieben Brahms“. Damit war für Brahms’ 125. Todestag im April 2022 die Idee für ein Gedenkkonzert der außergewöhnlichen Art geboren.
Nach einigen Aufführungen kam dieses Projekt jetzt auch nach Ramstein, wo es insgesamt erfolgreich aufgeführt wurde. Präsentiert wurde es als Gesprächskonzert im gemütlichen Plauderton, am Cafétisch sitzend. Sozusagen im galanten Gespräch zwischen der Pianistin Brigitte Becker und der Sopranistin Daniela Grundmann; wobei letztere auch dieses Mannheimer Tourneetheater gründete und seit 2015 leitet.
Man sinnierte, philosophierte, räsonierte und reflektierte über den sozialen Status des Künstlers an sich, stellte ernüchternde Vergleiche zwischen Vergangenheit (dem 19. Jahrhundert) und Gegenwart her und erhellte das immer wieder faszinierende „Dreiecksverhältnis“ zwischen Clara Schumann, ihrem Ehemann Robert Schumann sowie Brahms.
Sich durchschlagen wie Clara Schumann
Die Musikerinnen erinnerten auch an die aktuelle Lage: Nach ihren Recherchen müssen sich heute 90 Prozent der ausübenden Künstler als sogenannte Solo-Selbständige (im Amtsdeutsch genannt) wie damals dann die verwitwete Clara Schumann meist allein „durchschlagen“. Analogien zwischen der Romantik und Gegenwart, aber auch aktuelle Auswüchse durch digitale Entfremdung: Vieles kam in dieser Form der Moderation auf den Punkt und machte nachdenklich. Der Tonkünstler ist als Seelentröster und Mittler gefragt, und steht doch zugleich mitunter am Rande der Gesellschaft. Wären diese durchaus lebendigen Ausführungen und emphatischen Lippenbekenntnisse für die Musikausübung in Distanz zu Internetportalen noch entsprechend beschallungstechnisch verstärkt und übermittelt worden, wäre weniger Unruhe aufgekommen im Saal, und alles hätte noch mehr an Wirkung entfaltet.
Zu Recht wies die überzeugende Pianistin und Korrepetitorin der Mannheimer Musikhochschule, Brigitte Becker, auf das Kaleidoskop der Brahms-Lieder hin: ein ganzes Füllhorn an seelischen Regungen, Naturstimmungen und Klangbildern. Der Klavierbegleitung ist bei Brahms keine untergeordnete rein begleitende, sondern eine Herkulesaufgabe: Akkorde in weiter Lage, ständige Harmoniewechsel selbst innerhalb eines Taktes und virtuose Umspielungen der melodischen Linien erheben diesen Part zu einem Mikrokosmos, der fast orchestrale Klangwirkungen erzeugt. Diese Aufgabe löste die Pianistin mit Bravour, Präzision bis ins kleinste Detail und zudem sehr sorgfältig auf den Gesangspart abgestimmt.
Zu viel Vibrato in der brillanten Stimme
Dieser gab Anlass für Lob und Zurückhaltung gleichermaßen: Es gab zu viel Vibrato auf jedem Vokal und jeder Textsilbe, zu oft Schwelltöne (Messa di voce) und dort Akzente und Hervorheben, wo es in der melodischen Phrase nicht angebracht sind. Dadurch litt die Textverständlichkeit und die Stimmführung wirkte etwas forciert. Insgesamt passt Daniela Grundmanns Darstellung besser zu opernhafter Drastik als zu liedhafter Innigkeit, Innerlichkeit und natürlicher Armut – auch wenn Brahms bei den „Zigeunerliedern“ durchaus die ekstatische Intensität anstrebte. Am Deutlichsten offenbarte sich das Missverständnis zwischen textlicher Vermittlung und exaltierter Darstellung beim Wiegenlied: Das wirkte eher unruhig denn beruhigend durch Übertreibung von jäh aufblühenden Tönen. Andererseits offenbarte die Sopranistin große stimmliche Brillanz, Substanz und Strahlkraft. Wer lenkt und leitet diese Ressourcen in passende Bahnen?