Kaiserslautern
Obdachlos und ohne Perspektive: Ein Mann kämpft gegen den eigenen Absturz
Tobias Weber ist 29 Jahre alt, kommt aus Kirn an der Nahe und sagt von sich: „Ich bin eigentlich ein ganz normaler junger Mann.“ Normal war sein Weg bisher jedoch kaum. Mehrfach ist er gescheitert, mehrfach hat er von vorn beginnen müssen und stand zwischendurch vor dem Nichts. Sechs Jahre verbrachte Weber in einer Pflegefamilie – von 2006 bis 2012. Geborgenheit oder Wertschätzung erlebte er dort nicht, sagt er. „Zuhause“, dieses Wort habe für ihn bis heute keinen vertrauten Klang. Stattdessen sei sein Leben lange Zeit davon geprägt gewesen, immer wieder zu fliehen: vor Konflikten, vor Verantwortung, manchmal auch vor sich selbst, wie Weber erzählt.
Mit 300 Euro auf der Straße, ohne Perspektive
Nach der Schule begann Weber mehrere Ausbildungen: im Garten- und Landschaftsbau, bei der Bundeswehr, später im kaufmännischen Bereich in Baden-Württemberg. Doch nichts hielt. Immer wieder brach er ab, suchte nach neuen Wegen, fand aber keinen Halt.
Ein Neuanfang in Kiel schien zunächst Hoffnung zu bringen. Gemeinsam mit seiner damaligen Partnerin renovierte Weber ihr Elternhaus, beide zogen ein. Doch der vermeintliche Neuanfang endete abrupt. „Sie hat mich von einem Tag auf den anderen ausgetauscht“, erzählt er. Er habe die Renovierungsarbeiten übernommen. Plötzlich stand er mit 300 Euro auf der Straße – obdachlos, ohne Perspektive.
Selbstmordgedanken, dann kommt die Wende
Es war die dunkelste Zeit seines Lebens. Er hatte keine Wohnung und kein Geld. Selbstmordgedanken bestimmten seine Tage. „Ich wollte da sein, wo mein Bruder liegt, der schon länger verstorben ist“, sagt Weber. „In meinem Kopf hat sich das richtig angefühlt. Aber ich wünsche so etwas keinem.“
Die Wende kam mit der Rückkehr nach Kaiserslautern. Im Caritas-Förderzentrum St. Christophorus wurde Weber vor zwei Jahren zunächst im Übernachtungsheim aufgenommen – einer Notunterkunft, in der Menschen jederzeit eine Bleibe finden können. Diese bot zunächst jedoch wenig Freiheit: Schlüssel abgeben beim Rausgehen, klingeln beim Reinkommen, wenig Privatsphäre. Weber empfand das als Verlust von Freiheit. Hinzu seien Spannungen mit Mitbewohnern gekommen, die seinen Ehrgeiz als Provokation empfunden hätten. Weber hielt durch.
Seit Februar 2024 ist er Teil der stationären Resozialisierung, hat ein eigenes Zimmer und feste Ziele. Weber betont, dass es seine Motivation war, die ihn so weit brachte. Doch er weiß auch, dass er ohne die kontinuierliche Begleitung der Fachkräfte im Förderzentrum nicht an diesem Punkt wäre. Sie gaben Orientierung, führten Hilfeplangespräche und standen ihm in schwierigen Momenten zur Seite.
Schreiben als Teil der Therapie
Parallel dazu begann Weber, seine Geschichte aufzuschreiben. Fünf Bücher veröffentlichte er auf der Plattform Wattpad – mehr als 3000 Menschen haben sie laut ihm gelesen. Auch ein Podcast mit dem Titel „Die Farben des Lebens“ und ein Tik-Tok-Account gehören zu seinem neuen Alltag. „Schreiben war für mich Therapie. Es hat mich abgelenkt und beschäftigt“, sagt er.
Sein entscheidender Schritt zurück ins Arbeitsleben kam Anfang 2025: Über eine Zeitarbeitsfirma bekam Weber die Chance, bei der Deutschen Bahn einzusteigen. Obwohl er keine Vorkenntnisse hatte, wurde er eingestellt. Im Vorstellungsgespräch habe er überzeugt. Nach acht Monaten habe ihm die Bahn eine Ausbildungsstelle als Kaufmann im Verkehrsservice angeboten, erzählt der 29-Jährige.
Im September begann er offiziell. Für die schulische Ausbildung wird Weber in einem Hotel in Frankfurt am Main wohnen, während er an seinen regulären Arbeitstagen in Kaiserslautern bleibt. „Ich will nicht nur ein Sprungbrett nutzen, ich will bleiben und Karriere machen“, betont er.
Privat eine neue Zukunft
Auch privat blickt Weber in eine neue Zukunft. Ebenfalls im St. Christophorus-Haus lernte er seine Partnerin kennen. Im November erwarten beide ihre Tochter, die Mathilda heißen soll. Auf seinem Arm trägt er bereits ein Tattoo: ein Berg, auf dessen Spitze der Buchstabe M steht. Für ihn ist es Symbol für die Höhen, die er noch erreichen will. Sein größtes Ziel? „Ich will ein guter Vater und Partner sein“, sagt Weber.
Heute wirkt sein Alltag fast unspektakulär. Morgens Nachrichten lesen, Musik hören, chatten, arbeiten. Ein Leben mit Routinen, das für ihn lange unerreichbar schien. Langeweile füllt er nicht mehr mit ständigen Routinen wie früher, als er fünfmal am Tag die Zähne putzte. Stattdessen bestimmen Arbeit, Schreiben und die Vorbereitung auf seine Ausbildung seinen Tagesablauf.
Das Ziel: Verantwortung übernehmen
Sein Ziel ist klar: Er möchte als Vater und Partner Verantwortung übernehmen, in eine gemeinsame Wohnung ziehen und beruflich bei der Deutschen Bahn Karriere machen. Seine Arbeit sieht Weber nicht als Zwischenstation, sondern als Zukunft.
Darüber hinaus hat Weber eine Botschaft: Er möchte das Bild von Obdachlosen verändern. Natürlich gebe es Menschen, die durch Alkohol- oder Drogenprobleme auf der Straße landeten. Doch seine Geschichte zeige, dass es auch anders sein kann. „Es kann jeden treffen“, sagt er. Wohnungsknappheit und steigende Mieten machten es immer schwerer, ein stabiles Leben zu führen.
Tobias Weber hat sich Schritt für Schritt zurück ins Leben gekämpft. Er ist auf dem Weg in eine Ausbildung, erwartet ein Kind, plant eine gemeinsame Wohnung. Er blickt nach vorne – mit Zuversicht, aber auch mit dem Bewusstsein, wie nah er schon am Abgrund stand. Seine Geschichte zeigt, wie schwer, aber auch wie möglich ein Neubeginn sein kann.