Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Nu Jazz“ mit dem Sepalot-Quartett in der Kammgarn

Sebastian Weiss und das Sepalot-Quartett brachten ungewöhnlichen Synthesizer-Jazz auf die Bühne der Kammgarn.
Sebastian Weiss und das Sepalot-Quartett brachten ungewöhnlichen Synthesizer-Jazz auf die Bühne der Kammgarn.

Sapperlot! Das Sepalot-Quartett aus München rüttelte am Donnerstagabend im Lauterer Kammgarn-Garten ganz heftig an den Fundamenten des Jazz und brachte mit „Nu Jazz“ die Polkappen zum Schmelzen. Das Publikum war fasziniert.

Ein außergewöhnliches Festessen! So richtig mit scharfen Gewürzen und etwas Speck an den Rändern des zerbeulten Topfs. Geräusche, als würde Kohlrabi in der Küchenmaschine geraspelt. Wie wenn Blechdosen durch die Betonmaschine liefen. Der tiefe, satte Bass zupft gehörig an den Magennerven, die Trompete mischt sich mit langgezogenen, schwermütigen Sounds ein, am Schlagzeug sitzt ein frecher, funkensprühender Feuerwerkskörper.

Eine ganze Batterie von Instrumenten hat Sepalot vor sich aufgebaut und springt daran flink hin und her: ein kleines Rhodes-Piano, Plattenspieler, Synthesizer, Sampler. Da scheinen Kochtöpfe durcheinander zu rappeln. Alltagsgeräusche werden imitiert. Die Energie, mit der Sepalot an seinen elektronischen Geräten scratcht und sampelt, seine Geschmeidigkeit und sein Einfallsreichtum sind etwas Besonderes.

Musik ist Weiterentwicklung

Sepalot, eigentlich Sebastian Weiss, ist DJ und Musikproduzent aus München und war von 1992 bis 2016 Produzent und Mitglied der international renommierten Hip-Hop-Band „Blumentopf“. In der Funktion DJ sieht er sich als Vertreter einer Kunstform. Für seine Solo-Alben mit nationalen und internationalen Gästen erhielt er weltweite Beachtung, vor allem durch die Nutzung seiner Titel in Filmen und Werbetrailern.

„Musik bedeutet für mich ein stetiges Weiterentwickeln“, sagt er im RHEINPFALZ-Gespräch. Das Knöpfchendrehen überlasse er nach den langen Jahren als DJ und Produzent lieber anderen. Was er früher im Studio produziert habe, wolle er nun endlich auch live ausprobieren.

Das Sepalot-Quartett bringt Lässigkeit in alte Harmonien. „Nu Jazz“ oder „Jazztronica“ nennt sich dieser mitreißende Stil. Er hört sich so gut an, wie es klingt: überraschend, schwerelos, tanzbar. Es ist die Mischung von Jazz mit elektronischen Elementen, die die Hörer mitreißt. Eigentlich hatte dieser Stil - ein Nachfolger des englischen „Acid Jazz“ - seine Hochphase Anfang der 2000er und war danach verschwunden. Mit dem neuen Album „Now Next“ knüpft das Sepalot-Quartet an diesen Sound an.

Wie von einem anderen Sonnensystem

Musik ohne Grenzen, ohne Kompromisse ist das. Der Inhalt ist oft voller Mystik: Klänge von einem anderen Sonnensystem. Das Klangbild ist außergewöhnlich, nein: es ist faszinierend.

Die Polymetrie und Polyrhythmik haben die vier inhaliert. Lebt ihre Musik doch zu einem Gutteil von der feinst verwirbelten Perkussion des Schlagzeugers Fabian Füss, von Auslassungen und Andeutungen, die den in die Motorik der Töne eintauchende Hörer zum Mitspielen animieren.

Sensationell der Gitarrist und Trompeter Matthias Lindermayr. Auf seinem Blasinstrument hat er alles drauf von Chet Baker bis Miles Davis. Eine kraftvoll-treibende Mischung aus Substanz, Aussagekraft und Schwerelosigkeit liegt in seinem Ton. Die schneidenden Riffs und Stakkatos, die akkuraten Phrasierungen, die samtweichen, ohne Dämpfer geblasenen Akkorde, kratzig wie durch Sandpapier gefiltert, begeistern von einem Titel zum nächsten.

Gesangs- und Sprachfetzen des Bassisten Robin Jermer und des Perkussionisten Fabian Füss mischen sich mit den trocken grummelnden Linien des Basses und den virtuosen Fills des Schlagzeugs ins Gebräu ein. Melodien werden mit der Loopmaschine gesampelt, so dass sich das Ganze peu à peu und verwirrend wie die Choreografie eines Ameisenheeres zum orchestralen Sound steigert Auch die Dynamik dieser außergewöhnlichen Truppe ist bestechend.

So betreibt das Quartett eine höchst intensive Nachlassverwaltung mit vertrackten musikalischen Extravaganzen und lässt dabei nie Langeweile aufkommen. „Diese Gruppe könnte in Montreux auftreten“, äußerte sich ein begeisterter Besucher.

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