Kaiserslautern Nichts ist so, wie es scheint
So schnell kann Theater auf aktuelle gesellschaftliche Fragen reagieren: Das Thema Flüchtlinge, verquickt mit Kriegseinsätzen, kam am Donnerstagabend in Form des Stücks „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ als Uraufführung auf die Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern. Der junge Mannheimer Hausautor Thomas Köck hat es geschrieben und dafür den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis bekommen (wir berichteten).
Obwohl das aktuelle Thema beileibe nicht neu ist: Bereits in den vergangenen Jahren kamen Hunderttausende Schutzsuchende nach Deutschland, und auch Köcks Stück ist in den Monaten vor dem ganz großen Flüchtlingstreck, der Millionen von Menschen nach Europa führt(e), entstanden. Man merkt dies dem Text auch an, denn er packt das Thema von einer eher unerwarteten Seite an. So treffen in „Isabelle H.“ eine einsame Flüchtende und ein traumatisierter Kriegsheimkehrer aufeinander. Er nimmt die junge Frau im Auto mit und tötet in einer Polizeikontrolle, als sich seine Mitfahrerin nicht ausweisen kann, eine junge Beamtin. Die Flucht führt sie anschließend in eine abgelegene Lagerhalle. Die Polizei ist ihnen dicht auf den Fersen, was den zweiten Haupterzählstrang des Stücks bildet. Entspricht der Ex-Soldat noch in großen Teilen den Vorstellungen vom verwirrten, unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leidenden Menschen, so macht Köck aus seiner Flüchtlingsfrau vollends eine Kunstfigur. Bereits ihr Name Isabelle H., gemeint ist die französische Starschauspielerin Isabelle Huppert, deutet dies an. Oft genug bricht sie daneben aus ihrer eigentlichen Rolle aus und wird zur Schauspielerin, die ihre Figur und das Stück insgesamt hinterfragt. Schon ein Prolog, in dem das Ensemble unter anderem über die Spielbarkeit und die richtige Platzierung des Stückes räsoniert, macht klar, dass hier Theater auf dem Theater gespielt wird. Die anderen Rollen sind als Abziehbilder eindimensional angelegt: die Polizisten als TV-Krimi-Persiflage, die Familie des Heimkehrers als Daily-Soap-Dauerglotzer, sein bester Freund als psychologisierender Gutmensch. Auch sprachlich verfolgt Köck Distanzierung und Diversifikation: Bemüht die weibliche Hauptfigur meist einen elaborierten Code und ergeht sich gerne mal in längeren, abstrahierten Betrachtungen, so stößt der Soldat kurze, klare Sätze hervor, oft genug fällt in dem Stück das Wort „Scheiße“. In der komplexen Sprachverdichtung wird Köcks Vorliebe für die Diktion seiner Landsfrau Elfriede Jelinek deutlich. Dem gewollten sprachlichen Spagat entspricht die komplizierte Anlage des Stücks. Köck erzählt den „Tatort“-verdächtigen Plot nicht etwa chronologisch, sondern in Rückblenden, in Versatzstücken, mit häufigen Zeitsprüngen und Perspektivwechseln. Gerade so, wie es auch im belletristischen Fach derzeit höchst angesagt ist. Zwangsläufig nehmen diese Brechungen dem Stück Eindringlichkeit, Unmittelbarkeit. Dafür rückt das Spiel mit den Erwartungshaltungen des Publikums in den Vordergrund. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Ist die Flüchtende wahrhaftig eine Flüchtende? Ist der Soldat wirklich in seinem Trauma gefangen? Was hat er tatsächlich bei seinem Auslandseinsatz erlitten? Um was geht es ihm eigentlich in seiner Fluchthelfergeschichte, die ein bisschen wie die Mär von Bonnie und Clyde anmutet? Und was erwarten die Figuren voneinander? Ein ganzes Geflecht von Fragen baut Köck in seinem artifiziell angelegten Stück auf. Dennoch bringt es auch eindringliche Momente, starke, emotional berührende Bilder, was zunächst der Regie von Ingo Putz zu verdanken ist. Er lässt den beileibe nicht einfachen Text ohne nennenswerten Spannungsabfall, konzentriert und im hohen Tempo am Zuschauer vorbeiziehen. Rasche Szenenwechsel auf der mit Feldern auf dem Boden in Handlungsorte eingeteilten Bühne (Ulrike Melnik, auch Kostüme) und einige Überschneidungen beziehungsweise Parallelführungen der beiden Handlungsstränge bringen zusätzliche Verdichtung. Aber auch das Schauspieler-Sextett agiert auf hohem Niveau und in beeindruckender Geschlossenheit. Die Nebenrollen sind in ihrer Karikatur treffend angelegt – etwa Henning Kohne, Manuel Klein und Nele Sommer als gestelztes Ermittlertrio und Stefan Kiefer als eher unbeholfener Freund des Soldaten. Gerade hier scheint immer wieder der Humor des Stücks herauf. In der für ihn typischen Unmittelbarkeit spielt Daniel Mutlu den Kriegsheimkehrer, doch auch er findet zu der vom Text geforderten Distanz zur eigenen Rolle. Ebenso großartig Natalie Forester als Flüchtende, die die Brüche ihrer Figur, das Vexierspiel zwischen Realität und Illusion fesselnd herausspielt. Insgesamt also ein starker Talentbeweis des gerade mal 29-jährigen Autors und eine herausragende schauspielerische Leistung in der rund eineinhalbstündigen Inszenierung. Nicht nur die Länge hat sie mit einem TV-Tatort gemeinsam, sondern auch die Spannung. Schlichtweg empfehlenswert. Termine Am 13., 15., 19., 21., 26., 27., 29., Januar, 11., 13. Februar, 5. und 12. März; Karten unter 0631/3675-209 und www.pfalztheater.de.