Kaiserslautern
Neues Buch von Martina Berscheid
Es sind nicht unbedingt immer die großen Abenteuer- und Liebesgeschichten, die einen Leser anhaltend unterhalten, faszinieren, zum Nachdenken bringen können. Manchmal genügen dazu auch kleine, aber feine Alltagsgeschichten aus dem Leben ganz „normaler“ Familien, Paare und Einzelpersonen. Das gelingt Martina Berscheid mit dem „Fremden Champagner“. Präzise beobachtend und dann ebenso sprachlich pointiert gibt Berscheid in 15 schon auf dem Hardcover des Werks angekündigten „Erzählungen“ - genau genommen sind es eher Kurzgeschichten - Geschehnisse aus dem im Prinzip ganz gewöhnlichen Alltag wieder.
Probleme in Familien und Begebenheiten zwischen Paaren bilden den Kern der Geschichten, die sich in vordergründigen Taten und hintergründigen, aber starken Erinnerungen, Gedankengängen und Emotionen manifestieren. Dabei wird dann spätestens am (genretypisch offenen) Schluss der Geschichten klar, dass diese Alltagsgeschichten oft gar nicht so alltäglich sind, wie sie zunächst scheinen. Es sind dann zwar nicht unbedingt menschliche Abgründe, die sich da auftun (obgleich auch solche angedeutet werden), aber doch immerhin mindestens kleine Spalten im Boden des Erzählten, die den Leser mitunter leicht stolpern lassen und ihn auch noch lange nach dem Weglegen des Buchs beschäftigen.
Ein bisschen Kopfkino
Schon die ersten beiden Stories haben es in sich. In der ersten Geschichte „Alles gut“ stellt sich die Protagonistin anhand von liegen gelassenen und nun neugierig gelesenen Kassenbons im Supermarkt vor, was und mit wem die Käufer mit all den guten Waren nun wohl zu Hause. Da ist dann (auch beim Leser) ein bisschen Kopfkino angesagt. In der ungleich längeren und ungewöhnlichen Episode „Als wären sie Verschwörerinnen“ geht es - eigentlich ganz unspektakulär - um den gemeinsamen Urlaub zweier befreundeter Familien. Der endet dann absolut unerwartet und folgenschwer.
So geht es dann noch 13 Geschichten lang mit Zwischenmenschlichem, allzu Menschlichem, manchmal auch mit extrem tief gehenden Themen weiter: Gewalt, Trauer, im Text „Flaschendrehen“ sogar in Richtung Krimi tendierend. Langweilig wird es nie. Dafür sorgen allein schon die ganz unterschiedlichen Perspektiven und Konstellationen in den Geschichten, gelegentlich gar die Einnahme einer männlichen Erzählhaltung - die Berscheid dann perfekt gelingt.
Querverweise auf die Popkultur
Den mit über 40 Seiten Umfang inhaltlichen Höhepunkt bildet das „Familienfest“, bei dem drei erwachsene Geschwister zusammentreffen. Sie tauchen mit allen möglichen Problematiken und Konsequenzen in ihre Vergangenheit ein - ein vertrautes literarisches Setting, das Berscheid in einer interessanten neuen Richtung bearbeitet. Dazu gibt es jede Menge nachspürenswerte Anspielungen auf die Populärkultur. Ikonische Gemälde wie Edward Hoppers „Nachtschwärmer“ werden ebenso angesprochen wie harte Rockmusik. Das hat Bescheid schon in ihrem Vorgängerwerk „Die Klassenkameradin“ ausgiebig getan; hier greift sie es elegant auf.
Abgerundet wird das Ganze nicht zuletzt mit kleinen sprachlichen Kabinettstückchen wie „in meinerseitigem Einvernehmen“ (!) und dem Adverb - und nicht etwa schnödem Adjektiv - „rotgelblila“, mit dem der Abendhimmel in einem der Texte den Rest des Tages ankündigt. Auf so etwas muss man erst einmal kommen. Fazit: Es ist eine sprachlich wie inhaltlich gelungene Melange von (gar nicht so sehr) alltäglichen Geschichten zum Hineinfallenlassen und Nachdenken.
Info
Martina Berscheid: „Fremder Champagner. Erzählungen“. Mirabilis Verlag. 236 Seiten, 24 Euro.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Lautern liest“ stellt Martina Berscheid ihr Buch am 22. Juni in der Lauterer Buchhandlung Thalia vor.