Kaiserslautern
Neue Studie zu Nöten und Wünschen der Freien Szene
Seit dem vergangenen Jahr macht sich der Kulturberater Haas quasi täglich Gedanken darüber, wie man insbesondere die nicht subventionierte Kulturszene der Stadt unterstützen kann, während die Corona-Pandemie weiter durchs Land wütet und die Politik die Türen der Kulturhäuser zusperrt. „Ich habe mich dafür auch mit Kulturaktivist Carsten Ondreka beraten, der wiederum in Kontakt mit Kulturreferatsleiter Christoph Dammann steht. Zusammen haben wir überlegt, was die Hauptthemen der Kulturschaffenden sind und wo sie konkret einen Bedarf sehen“, erklärt Haas.
Genau 14 Tage lief die Umfrage. Am Ende haben 53 Kunst- und Kulturschaffende der Stadt und Umgebung anonym und aus unterschiedlichen Sparten daran teilgenommen. Dabei kam heraus, dass etwa 43,4 Prozent der Befragten Mitglieder in einem Kunst- oder Kulturverein sind, 39,6 Prozent nebenberuflich und 49,1 Prozent hauptberuflich als Künstler arbeiten – im Bereich Musik, Theater, Literatur bis hin zu Medientechnik und Soziokultur. Natürlich würden sich alle Teilnehmer in der aktuellen Not über eine finanzielle Stütze freuen. Doch den meisten geht es um mehr als das.
Raumnot ist Thema
Veranstaltungsräume stehen bei den Befragten ganz oben auf der Bedarfsliste. Rund 79 Prozent wünschen sich mehr Bühnen, Ausstellungsräume und Veranstaltungsflächen in der Stadt, um ihre Kunst präsentieren und zugänglich machen zu können. „Überrascht hat mich dieses Ergebnis nicht“, sagt der Kulturberater. „Das Thema ,fehlender Raum für die freie Szene‘ war auch schon vor Corona sehr präsent. Die Pandemie hat den Bedarf nur noch vergrößert.“ Dass also Räume für die unabhängige Kulturszene gefunden und geschaffen werden müssen, ist klar. Für Roderick Haas steht aber auch fest, dass es „nicht irgendwelche Räume sein dürfen, sondern professionelle. Sie müssen mit dem nötigen künstlerischen Blick gefunden werden, damit sie passen. Denn der Raum wirkt auf die Kunst und die Kunst wirkt auf den Raum.“
Das brachliegende Pfaff-Gelände stand lange Zeit im Fokus der suchenden Freikünstler – auch bei der Umfrage wurde es einmal mehr erwähnt. Doch: „Das Thema um Pfaff als Kulturstätte ist zu komplex. Da müssen viele an einem Strang ziehen, und es braucht verschiedene Ressourcen, die sich so einem Projekt annehmen“, so Haas’ indirekte Begründung dafür, warum es mit dem Traum vom Pfaff-Kulturareal bisher immer noch nicht geklappt hat.
Angst vor der Dauerkrise
Neben der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten scheint aber die Angst vor einer erneuten Krise für die Freie Szene im Mittelpunkt zu stehen. So wünschten sich viele Teilnehmer ein „krisenfesteres“ Konzept für Kulturstätten, eine „proaktive“ Förderung von Künstlern, die sich auch auf weniger bekannte Akteure auswirkt, und grundsätzlich mehr Unterstützung für Profikünstler. Denn eines hat die aktuelle Krise gezeigt: Ohne die richtige Vorbereitung und Absicherung stehen die Kulturschaffenden bei einer erneuten Katastrophe wieder vor dem Nichts. Die Planungssicherheit fehle, und für einige hatte die Pandemie zur Folge, „gleich zwei Mal den Job verloren“ zu haben. „Die Situation hat sich seit Beginn der Krise nicht wirklich verbessert“, weiß Roderick Haas, der die Hilferufe der Künstler seit einem Jahr aufzufangen versucht.
„Die Perspektive fehlt nach wie vor. Die Künstler wissen immer noch nicht, ob im warmen Sommer wieder Veranstaltungen stattfinden dürfen. Ich glaube, dass viele Puzzleteile schon da sind. Aber es braucht eine gemeinsame Strategie, eine Struktur. Denn wenn die Struktur stark ist, ist man in Krisensituationen resilienter.“ Eine Möglichkeit sieht er zum Beispiel in hybriden Formaten, die eine Brücke zwischen öffentlichen und digitalen Veranstaltungsmöglichkeiten schlagen könnte.
Beratung nach wie vor gefragt
Das Wichtigste sei, dass auch die Empfänger von Kultur ein Bewusstsein dafür entwickeln müssen, dass Kunst finanziert werden muss – „auch in digitaler Form. Da sind wir aktuell mitten im Prozess. Und es wäre schön, wenn man das ein oder andere ausprobieren könnte.“ Doch für Haas dürfen bei allen Plänen die semi- oder nicht-professionellen Künstler „nicht vergessen werden“. Die Umfrage ist daher nicht nur spartenübergreifend ausgefallen, sondern berücksichtigt auch alle Erfahrungsebenen der Teilnehmer – von namhaften Regional-Künstlern bis hin zu unbekannteren Lokalbands und freiberuflichen Technikern.
„Mich freut es, dass sich 53 Kulturschaffende für die Aktion bereiterklärt haben. Die Umfrage könnte man auch als eine Vernetzungsmöglichkeit nutzen, mit der man neue Dinge planen und Ziele formulieren kann, sich von den Konzepten in anderen Städten inspirieren lassen und sie auf unsere Stadt zurechtzuschneiden. Und das über die Sparten hinaus, statt in den eigenen ,Silos‘ zu verharren“, so Haas.
Eines ist in jedem Fall klar: „Wir bleiben als Kulturberater wohl noch einige Zeit gefragt. Und wir versuchen alles, um zu helfen, zuzuhören, Mut zu machen, voranzutreiben und das Maximum aus der Situation rauszuholen, in der Hoffnung, dass es dadurch bald wieder weitergehen kann.“