Kaiserslautern
Nach Schlangenbiss: Besitzer spricht über das Unglück und seine große Angst
Vielleicht wird alles wieder gut – irgendwie. Aber sicher ist das keinesfalls. Steve Miller weiß das und hat deshalb Angst, dass ihm genommen wird, was er abgöttisch liebt. Der 34-Jährige besitzt derzeit vier Klapperschlangen und 21 Vogelspinnen, ihnen opfert er viel Zeit und beinahe sein ganzes Geld. Möglicherweise muss er die Tiere aber abgeben, das könnte nach einer Begehung seiner Wohnung in Kaiserslautern am Donnerstag entschieden werden. Das Veterinäramt hat sich angesagt, um zu prüfen, ob Miller befähigt ist, die giftigen Tiere zu halten.
Die Prüfer kommen, weil Chris, ein Bekannter von Miller, Anfang August von einer Klapperschlange ins Gesicht gebissen wurde. Der Unfall hatte deutschlandweit für ein großes Medienecho gesorgt. Chris schwebte in Lebensgefahr, ein Gegengift musste in der Nacht von München nach Kaiserslautern gebracht werden, nur ganz langsam erholt sich der Verletzte von dem Unfall. Nach RHEINPFALZ-Informationen lag er im Koma, ist inzwischen aber wieder ansprechbar. Die Intensivstation hat er verlassen. Das ist ein Hoffnungsschimmer. Noch ist aber nicht klar, ob es Langzeitschäden gibt.
Steve Miller ist Autist mit Asperger-Syndrom
Steve Miller sitzt in der Sonne, mitten in Kaiserslautern und ein paar Schweißperlen haben sich auf seiner Stirn gebildet. Kindergelächter ist zu hören, eine Kindertagesstätte ist nicht weit entfernt. Ein Mann kommt mit einem Hund vorbei, aber Miller schenkt ihm keine Beachtung. Seine Gedanken kreisen um die Tiere, auf die er sein Leben ausgerichtet hat. „Ich habe Angst, dass mir die Schlangen abgenommen werden“, sagt er. Die giftigen Tiere, erzählt er, geben ihm Halt – und eine Aufgabe. Miller ist nicht berufstätig, er hat wenige soziale Kontakte. Bei ihm wurde das Asperberger-Syndrom diagnostiziert als er 18 Jahre alt war. Er ist Autist und das Amtsgericht hat ihm einen Betreuer zur Seite gestellt – im Amtsdeutsch: Gesetzlicher Betreuer für Rechtliche Fragen. Steve Miller hatte keine behütete Kindheit, er lebte in verschiedenen Heimen.
Nur wenige Gehminuten entfernt von dem sonnigen Platz in Kaiserslautern lebt er heute in einem unscheinbaren Mehrparteienhaus. Hier geschah Anfang August das Unglück, das alles ins Rollen brachte.
Nur einen Moment unaufmerksam
„Wir wollten eigentlich bei Chris Playstation spielen“, erzählt Miller. Spontan habe man sich umentschieden und sei in seine Wohnung gegangen. Ein paar Stunden später kam es zu dem tragischen Unglück, als Miller eine tote Ratte aus einem Terrarium entfernen wollte. Dazu habe er „White Lillet“, eine etwa 1,60 Meter lange Texasklapperschlange, mit zwei Haken aus dem Terrarium entnommen. „Chris hat gesagt, er würde sie gerne halten, er wollte das unbedingt“, erzählt Miller. Danach war er mit dem Beseitigen der Ratte beschäftigt, einen kurzen Moment unaufmerksam – als Chris plötzlich aufschrie, weil er von der Schlange ins Gesicht, direkt neben die Nase gebissen worden war.
„Es gibt viele Punkte, die man aus heutiger Sicht anders hätte machen können“, sagt Steve Miller. Er habe ein schlechtes Gewissen, sagt: „Ich habe geheult, als alles vorbei war.“ Aber eines ist für ihn Fakt: „Ich kann der Schlange nicht die Schuld geben.“ Giftschlangen wollen Menschen nicht schaden, seien eher ruhige Tiere, die Menschen nur angreifen, wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sehen, wenn sie sich in Gefahr wähnen.
Notfallmaßnahmen sofort eingeleitet
Steve Miller besitzt vier Schlangen. „White Lillet“ war die erste, sie habe er sich vor vier Jahren gekauft. Auf einem Youtube-Kanal postet er regelmäßig Videos und Fotos von seinen Tieren und sich, auf einer Facebook-Seite ebenfalls. Hier wird seine Liebe zu den Tieren deutlich. Zudem hinterlässt das Gespräch mit der RHEINPFALZ den Eindruck, dass da jemand weiß, wovon er spricht, Experte auf dem Gebiet der Giftschlangen ist.
Direkt nach dem Biss von „White Lillet“ habe Miller Notfallmaßnahmen eingeleitet, den Notruf verständigt, seinen Kumpel Chris in die stabile Seitenlage versetzt und ihn zu beruhigen versucht. Nach wenigen Minuten sei ein Rettungswagen gekommen und habe Chris ins Klinikum gefahren. Dort wurde stundenlang um sein Leben gerungen und ein Serum aus München beschafft, das als Gegengift verabreicht wurde. Steve Miller wurde währenddessen von der Polizei verhört. Noch in der Nacht fuhren Beamte mit ihm in seine Wohnung, um zu überprüfen, ob die Tiere sicher untergebracht sind. Ein Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung wurde eröffnet. Es kamen in den Tagen danach weitere Strafanzeigen gegen den Schlangenhalter hinzu. „Ich hatte Angst, dass ich in U-Haft muss“, sagt Miller. Er blieb aber auf freiem Fuß und ist dankbar, dass Chris sich langsam von dem Unglück erholt.
Das ist die Geschichte aus jener Nacht nach den Erinnerungen von Steve Miller. Abzuwarten bleibt, was Chris aussagen wird. Angeblich gibt es auf dem Handy von Chris ein Video des Vorfalls, das für Aufklärung sorgen könnte. Vielleicht wird es die Polizei sichten, nachdem der Geschädigte jetzt vernommen werden kann.
Miller: „Die Tiere sind mein Leben“
Mit strafrechtlichen Fragen beschäftigen sich die Vertreter des Veterinäramtes nicht, die sich am Donnerstag in der Wohnung von Miller ein Bild darüber machen wollen, wie es um den 34-Jährigen und seine Gifttiere bestellt ist. Die Behörde wurde erst durch die mediale Berichterstattung auf den Schlangenbesitzer aufmerksam, weil in Rheinland-Pfalz keine Meldepflicht für giftige Tiere besteht. Halter benötigen keine Erlaubnis oder eine Freigabe für den Besitz von Schlangen oder Giftspinnen, solange keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit besteht.
Die Mitarbeiter vom Ordnungsamt werden die Frage klären müssen, ob Steve Miller aus ihrer Sicht in der Lage ist, Gifttiere zu halten. Ob er verantwortungsvoll mit den Gefahren umgeht. Miller selbst ist überzeugt davon. Er habe sich nach dem Unfall selbst die Frage gestellt, ob er mit dem Halten der Tiere weitermachen soll, und kam zu einer klaren Antwort: „Die Tiere sind mein Leben. Ohne sie würde ich in ein tiefes Loch fallen.“