Kaiserslautern Närrische Strahlesel
Wenn der Erlenbacher Gesangverein Eintracht (GV) die Narren ruft, bleibt keiner daheim. Bei voll besetztem Haus ging am Samstagabend in der Theo-Barth-Halle das närrische Jubiläum der viermal elften Prunksitzung über die Bühne. Dazu gehörten beste Stimmung und ein Programm gespickt mit Höhepunkten, bei dem sich Raketen, Erlau-Rufe, Lachsalven und Johlen aneinander reihten.
Je ein Strahlesel, wie sich die Bewohner des Stadtteils nennen, links und rechts vor dem Elferrat auf der Bühne. Dazwischen der farbenfrohe Schriftzug „44 Jahre Erlenbacher Fasenacht/ Han mer des net gut gemacht“. „Hopp, das kriegen wir in Erlenbach hin“, habe es geheißen, als der damalige Dirigent des GV die Idee aufbrachte und die Prunksitzung aus der Taufe gehoben wurde, weiß Sitzungspräsident Helmut Neurohr. Damals noch in einem Gasthaus begangen, das heute nicht mehr existiert, hat sie nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Überaus bunt und facettenreich haben sich die Narren in Schale geworfen. Sträflinge, Hexen, Miezen, Hippies, Elefant, Gärtnerin und sogar der US-amerikanische Präsident haben sich eingefunden. Mit ihren Kostümierungen zeigen die rund 330 Besucher, welchen Stellenwert für sie diese Veranstaltung hat. Nicht anders die Aktiven, die bis auf wenige Programmpunkte aus dem Stadtteil stammen. Dazu gehört etwa Anna Siedow, die sich mit gerade mal 15 Jahren nicht zum ersten Mal in der Bütt beweist. Vorgestellt wird sie von Neurohr als „kritische junge Dame, die das Herz auf der Zunge hat“. In Reimform und ohne Notizen widmet sie sich der Welt-, Europa-, Bundes- und Stadtpolitik, geht auf Brexit und Dieselaffäre ein und lässt auch den Fußweg zum Gersweilerhof nicht aus. Jedes Mal kommt sie zu dem Schluss: „Lasst endlich uns, die Jugend, an die Macht!“ Auch „De Lärrisch“, Ralf Emrich vom Vollmar’schen Männerchor aus Kaiserslautern, ist ein Wiederholungstäter und gern gesehener Gast, der die hohe Kunst der Langsamkeit bestens beherrscht. Mit erhobenen Händen lässt er das Publikum an seiner „Belastung“ teilhaben, die ihm nachts die Schweißperlen auf die Stirn treibt. „Wenn die über mich kommt“, seufzt, ächzt und stöhnt er, um dann preis zu geben, dass seine Frau bei der Hochzeit nur halb so viel gewogen hat. Ja, nach 26 Jahren ist die Liebe nicht mehr taufrisch. Da will er zum Jahreswechsel noch schnell beim Pfarrer das Fremdgehen beichten. Als der fragt, wie oft, antwortet er: „Herr Pfarrer, ich wollte beichten, nicht angeben.“ Aus weiblicher Sicht brilliert Tanja Daudermann aus Münchweiler/Alsenz als Rita Schlappgosch in der Bütt. Sie hat von ihrem Mann den gut gemeinten Ratschlag bekommen, statt die teuren Cremes zu kaufen, doch lieber die innere Schönheit zu pflegen. „Ich hab’s probiert, aber die Cremes schmecken nicht“, lässt sie wissen und zieht ein angewidertes Gesicht. Mit ihrem monotonen Sprechgesang und ohne eine Miene zu verziehen, steht den Trauerschnallen aus dem Bahnheim das Leid buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Daran ändert sich auch nichts, wenn die Jecken im Saal toben. Zum Beispiel dann, wenn der Steinmetz auf den Grabstein der betagten Jungfrau „Ungeöffnet zurück“ einmeißeln will. Der „schäne Dolle“, alias Walter Rupprecht vom Karnevalverein Kaiserslautern, alias Pfalzgraf Johann Casimir IV., beschwert sich darüber, dass heutzutage alles so oberflächlich ist. Ob im Hotel oder beim Friseur lautet die völlig unnütze Frage: „Was kann ich für Sie tun?“ Er sinniert übers Älterwerden und darüber, dass sein Arm, anders wie bei einem Jungspund, nur weh tut, weil er eben da ist. Dann ist da noch seine Frau, die den ganzen Tag putzt und gerne ins Wellnesshotel will. Kein Problem. Er greift zum Telefonhörer und fragt: „Was zahlen Sie fürs Putzen?“ Der GV hat alle Register gezogen, um die Narrenschar mitzureißen. Da sind all die turnerischen, akrobatischen Darbietungen, die dem Publikum donnernde Raketen, laute Erlau-Rufe, begeisterten Zwischenapplaus und immer wieder Zugabe-Forderungen entlocken. Da lässt die Tanzgruppe Stemmler mit Jodeln, Schuhplattlern und einfallsreicher Choreografie bayerische Traditionen hochleben und das Akrobatikteam des Morlauterer Turnvereins fliegt genauso wie die mitgebrachten Geldsäcke durch die Luft. Hupsmäd, die Frauen der Aktiven, fahren als Matrosen zur See und die Kinderturngruppe eröffnet als Minions die Sitzung. Mit den Strahleselsängern des GV oder den KVK-Schpeisbuwe stehen Stimmungsgaranten auf der Bühne.