Kaiserslautern Musik bereits im Mutterleib

Der zweite Teil der RHEINPFALZ-Serie „Musikalische Nachwuchsarbeit“, die sich um die pädagogischen Konzepte der drei hier auftretenden Orchester dreht, hat die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz zum Thema. Traditionell hat die Musikpädagogik bei der Staatsphilharmonie einen hohen Stellenwert und ist in vielen Bereichen beispielhaft: Sie beginnt sozusagen pränatal und begleitet Kinder und Jugendliche nahtlos, bis hin zu Kammer- und Sinfoniekonzerten.
Konzerte für Schwangere und Stillende gehen von der Prämisse aus, dass Babys bereits im Mutterleib Musik wahrnehmen und diese Melodien nach der Geburt wiedererkennen. Die Staatsphilharmonie veranstaltet seit zehn Jahren Konzerte für Schwangere und Stillende in der Philharmonie Ludwigshafen, also für werdende Mütter und junge Mütter mit Neugeborenen und Krabbelkindern bis zum Alter von einem Jahr. Natürlich sind die Väter auch willkommen. „Große Musik für kleine Ohren“ ist das Motto der Krabbelkonzerte, und dafür hat der musikpädagogische Berater Andrea Apostoli eigens ein programmatisches Konzept mit kurzen Stücken, hautnahem Kontakt und Bewegungsabläufen entwickelt. Dabei löst er die klassische Konzertsituation auf und gruppiert stattdessen die kleinen Zuhörer um den (die) Musiker herum. Auch bei den Kinderkonzerten („Kiko“ genannt) geht die Staatsphilharmonie neue Wege der Präsentation: Beethovens Klavierstück „Für Elise“ dient als Einstieg in eine musikalische Reise, die zu einem kulinarischen Abenteuer wird. Beim zweiten Konzert der Reihe reisen die Zuhörer mit dem einstigen Wunderkind Mozart durch Europa, und beim dritten Konzert dieser Art setzt man auf eine Kooperation mit dem Kinder- und Jugendtheater Speyer. Dem Mangel an musikalischen Märchen hat die Märchenerzählerin Christin-Maria Rupp abgeholfen und für diese Reihe nach Schuberts Musik ein neues Märchen verfasst. Auch hier kommt es zu besonderen, zauberhaften Begegnungen: Sternenstaub bringt drei Kinder als Handlungsträger ins Traumland, wo sie Hinweise für ihre Zukunft erhalten. Im Gespräch mit Intendant Michael Kaufmann macht dieser Eckpunkte des pädagogischen Ansatzes deutlich: Danach sei die reine Konfrontation mit klassischen Werken ohne Vor- und Nachbereitung nicht ausreichend. Das Einbeziehen ergänzender Medien wie filmische oder szenische Mitgestaltung sei sinnvoll. Kinder seien, so Kaufmanns Prämisse, nicht auf das klassische Konzerterlebnis konditioniert, daher müssten andere Präsentationsformen gesucht und gefunden werden. Als Beispiele nennt Kaufmann weiter, dass für das Projekt „Sommernachtstraum“ mit Musik Mendelssohns Kinder Plakate entwickelt hätten. In einem Filmmusik-Projekt seien Parallelen zwischen John Williams und Richard Wagner aufgezeigt worden. Wichtig ist ihm stets die Interaktion mit dem Publikum, klassische Orchester müssten sich öffnen für andere Stilistik und neue Präsentationsformen. Andrea Apostoli erarbeitet in der dritten Spielzeit solche Konzepte für die Staatsphilharmonie, die er auch in Rom, bei den Berliner Philharmonikern und anderen Orchestern anwendet. Lieder, Tänze, kurze Instrumentalstücke werden zusammen mit dem Publikum erarbeitet und gemeinsam musiziert. „Mittendrin statt nur dabei“ lautet die Devise, wenn Führungen in der Philharmonie (Notenarchiv, Instrumentenkammer bis zum Tournee-LKW) und Probenbesuche hautenge Kontakte mit den Musikern mit sich bringen und Kinder auch mal Hand anlegen dürfen. Zudem werden Audioguides eingesetzt, mittels derer ein begleitender Moderator das Probengeschehen für Kindergarten- und Schulkinder kommentiert. Das interaktive Musikprogramm „KlangReich“ ist seit 2009 weiterer Bestandteil des bundesweit nachhallenden Projekts „Leben mit Musik“; dieses wurde mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Die DVD gibt Einblicke in Aufbau, Struktur und Zusammenklang eines Orchesters. Durch den fest angestellten Musikvermittler Jürgen Weisser und dessen Erfahrung als ehemaliger GMD in Oldenburg und der seit Februar aufgenommenen Kooperation mit der Musikhochschule Karlsruhe für gemeinsame pädagogische Projekte ist die Staatsphilharmonie in Sachen Kinder- und Jugendpädagogik breit aufgestellt. Die Serie Teil eins der Serie „Musikalische Nachwuchsarbeit“ drehte sich um die Aktivitäten des Pfalztheaters und seines Orchesters und erschien am 4. März.