Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Mitreißender Jazz mit der Jazzbühne und Nato-Musikern

Jazz mit Martin Preiser (Klavier), Stefan Engelmann (Bass), Michael Lakatos (Drums), Eric Lundquist (Trompete), Chad Deacon.
Jazz mit Martin Preiser (Klavier), Stefan Engelmann (Bass), Michael Lakatos (Drums), Eric Lundquist (Trompete), Chad Deacon.

Die hohe Schule der Improvisation zelebrierte am Freitagabend in der ausverkauften Fruchthalle die 79. Jazzbühne gemeinsamen mit vier Gästen in Uniform von den Nato-Streitkräften - Mitgliedern der Shape International Band aus Mons, Belgien. Dem Jazzfan lachte das Herz im Leibe.

Hoher Besuch hatte sich zu Ehren des Tages eingestellt: Beate Kimmel, Bürgermeisterin der Stadt Kaiserslautern, sowie Michael Trautermann, Oberst im Generalstab und neuer DOD ( Dienstältester Deutscher Offizier) beim Nato-Hauptquartier auf der Air Base Ramstein, bedankten sich bei den Musikern für das Benefiz-Konzert, dessen Erlös direkt in die Nato-Stiftung fließt und für die musikalische Bildung junger Menschen aus benachteiligten Familien gedacht ist.

Schnell wurde klar, dass diese Musik mit traditioneller Militärmusik so wenig zu tun hat wie der Urologe mit dem Uhrmacher. Das Septett präsentierte mit seinem Streifzug durch die Jazzgeschichte und durch Nato-Länder Klänge, die genau das Gegenteil zur Marschmusik darstellen. Der Offbeat und Swing des Jazz sowie die freien Improvisationen der Musiker, das zeigte sich schnell, sind die Verkörperung von Freiheit und Individualität.

Swing mit sprühende Spiellaune

So ging es bereits beim ersten Titel „Strassbourg/St. Denis“ von Roy Hargrove, zu wie auf dem Umsteigebahnhof der Pariser Métro gleichen Namens, denn als Solisten wechselten sich die sieben Musiker ständig ab und zeigten schon auf Anhieb ihre Vielseitigkeit und ihr brillantes Können. Da stellte bereits Chad Deacon sein voluminöses Tenorsaxofon und Kenny Ortiz seinen scharfen Posaunenklang heraus, Eric Lundquist blies voll ungewöhnlicher Dynamik und Vitalität die Trompete und Lonnie Thompson begeisterte mit spitzen, kantigen, beißenden Klängen voll durchdringender Schärfe auf der Gitarre, während Martin Preiser wie kaum ein Zweiter zu swingen verstand und mit sprühender Spiellaune die Band vor sich her swingte und damit die pianistische Kür lieferte. Wie eine unverwüstliche „Swing-Maschine“ agierten der fingerfertige Stefan Engelmann mit großem, abgrundtiefem Ton am Kontrabass und Michael Lakatos mit komplizierten Tempowechseln und raffinierten Akzentverschiebungen am Schlagzeug und sorgten damit für den mitreißenden Groove.

Titel wie „Don’t Get Around Much Anymore“ und “Limbo Jazz“ von Duke Ellington entführten in die Hochzeit der Swing-Ära und bezogen ihre Kraft aus dem ausgereiften Sinn für Struktur und Form und aus der kühnen Behandlung des Klangs. Man kann nicht genug bewundern, was dieses Ensemble durch ständig wechselnde rhythmische Betonung erreichte. Um den lebendigen Schwung der Stücke nicht zu überanstrengen, führte Martin Preiser von seiner „Kommandozentrale“ am Flügel verzögernde Gegenrhythmen ein, um dann wieder die Band zu befreiender Vorwärtsbewegung anzutreiben. Jedem Ton war dabei inneres Feuer anzuhören.

Salti und Jonglagen

Lonnie Thompson setzte dabei mit messerscharfem, energiereichem Gitarrenspiel und eigenen Songideen besondere Akzente. Basierend auf den einfachen Akkordfolgen des Calypso-Swing spielten die Bläser im „Limbo Jazz“ über diesem Achtelnoten-Stil der Rhythmusgruppe mit einem leichten Swing-Feeling, das von Takt zu Takt, wie in „Afternoon in Paris“ von John Lewis, das Fieberthermometer immer mehr ansteigen ließ. So wurde aus dem „gemütlichen Nachmittag in Paris“ ein Wirbelwind, der wie ein unausgesprochenes Einverständnis unter den sieben Musikern stand, der Schlagzeuger und Bassist rhythmische Salti und aufregende Jonglagen schlugen und die Bläser mit brillanten solistischen Leistungen aufwarteten, ohne Poesie und Spiritualität zu vernachlässigen.

Aber auch die Ausgewogenheit der Instrumente untereinander, obwohl sich die Drei von der Jazzbühne und die Vier von der Nato erst am gleichen Nachmittag kennengelernt hatten, verbunden mit der Qualität des genauen Aufeinanderhörens, bekam nicht nur diesen Titeln gut. So lavierte sich das Septett durch die verschiedenen Epochen des Jazz und von Höhepunkt zu Höhepunkt.

Spannung liegt im Tempo

Während bei den Titeln des traditionellen Jazz die Soli schön brav hintereinanderkamen, betteten sie sich in „Blue Train“ von John Coltrane in den Gruppensound ein. Ein rhythmisch variierendes Stück, das als langsamer Blues begann und während Deacons Solo-Chorus auf dem Saxofon ganz im Stile Coltranes zu erhöhtem Tempo überging. Das Tempo verlangsamte sich wieder mit Engelmanns irrwitzigem Bass-Solo, und mit Preisers hakenschlagenden Synkopen nahm der Eisenbahnzug ein Tempo an, dass der Blutdruck der Zuhörer bedenklich anfing zu steigen.

Ernsthaft Sorgen darum machen musste man sich beim letzten Titel, „So What“ von Miles Davis. Im Call and Response-Stil (Frage und Antwort) steigerte sich die Intensität dabei von Takt zu Takt, und der Bläsersound fraß sich nahezu in die Gehörgänge. Das erinnerte ein wenig an Hochleistungssportler, die einen durch schiere technische Brillanz überwältigen wollen. Das gelang dem Septett auch mit einem atemlosen Extrem-Funk, der nur eine Richtung kannte: gnadenlos nach vorn. Das Publikum klatschte sich die Hände heiß vor Begeisterung und erhielt mit Chick Coreas „Spain“ eine noch heißere Zugabe.

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