Kaiserslautern Mit Leidenschaft wider „das stahlharte Gehäuse der Hörigkeit“

Wer nach Gründen sucht, warum Politik selbst im Wahlkampf so ideenlos geworden ist, der ist mit den Schriften Max Webers gut beraten. Webers Thema war die Rationalisierung und Bürokratisierung der Gesellschaft. Vor 150 Jahren, am 21. April 1864, wurde einer der Begründer der Soziologie in Deutschland in Erfurt geboren. Er starb, 56 Jahre alt, am 14. Juni 1920 in München.
Wie sehr die Gegenwart nach einer Alternative verlangt, das hat in Deutschland jüngst das Auftreten Karl Theodor zu Guttenbergs gezeigt, in Amerika die politische Erscheinung Barack Obamas. Beiden flogen rasch die Herzen zu, beide begeisterten die Massen, beide haben freilich enttäuscht. Zumindest für eine Weile jedoch konnte ihnen die Ausstrahlung zugesprochen werden, die mit Charisma gemeint ist. Das Wort ist ebenso schwer zu übersetzen wie ein Mensch mit dieser Eigenschaft schwer zu finden ist. Charismatische Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik sind daher auch nicht leicht zu nennen. Willy Brandt hatte wohl etwas von dieser Anziehungskraft, die bei den Anhängern zu einer quasireligiösen Verehrung führt. Helmut Schmidt, der sich sehr um Charisma bemühte, hatte es ebensowenig wie Helmut Kohl oder Konrad Adenauer. Charismatische Herrschaft hat Max Weber neben traditionalistischer, auf dem Herkommen beruhender und bürokratischer Herrschaft, wie sie die europäische Moderne entwickelt hat, als Typen aufgestellt. Seine Analyse, die unvoreingenommen die Führer- und Orientierungssuche der Massen in Betracht zieht, hat denn auch nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem Urteil geführt, er habe zu den Wegbereitern des Dritten Reiches gehört. Ein solches Verdikt wurde freilich schon damals der intellektuellen Unredlichkeit geziehen. Max Weber stammte aus einer nationalliberalen, dem Kaiserreich distanziert gegenüberstehenden Familie. Gleichwohl begrüßte der grundsätzlich pazifistisch eingestellte Patriot den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wie viele seiner Generation. Nach dem Krieg, in der kurzen Lebenszeit, die ihm noch blieb, stellte Max Weber sich mit aller Kraft einer Bolschewisierung Deutschlands entgegen und beteiligte sich am Aufbau eines demokratischen Staates. Webers Prognose, die Sowjetunion werde einen bürokratischen Sozialismus entwickeln, hat sich bewahrheitet. Die Herrschaftsform selbst freilich ist älter. Der Philosoph Karl Jaspers, der in dessen Heidelberger Zeit eng mit Max Weber befreundet war, hat als sein Lebensthema die Frage genannt: Warum ist in Europa der Kapitalismus entstanden? Webers berühmter Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ gibt schon im Titel eine Teilantwort. In der Religion, insbesondere aber im Calvinismus, also in dem nach der marxistischen Geschichtstheorie von der wirtschaftlichen Basis abhängigen Überbau, erkannte er eine nicht zu unterschätzende Triebkraft der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Die protestantische Mentalität der Askese ist für Weber jedoch nur ein Phänomen in einer übergreifenden Erklärung. Rationalität, Vernunft erkennt er letzten Endes als das entscheidende Movens in der Geschichte des Abendlands. In der Ökonomie unterwirft Rationalisierung die Dinge einem Kosten-Nutzen-Kalkül. Die solcher Zweckrationalität anfangs förderliche religiöse Lebenseinstellung wird am Ende selbst gleichgültig. Weber bringt diesen Prozess der Aufklärung auf den Begriff der „Entzauberung der Welt“. Sie ist von der Überzeugung getragen, „dass man alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne“. Die bürokratische Herrschaftsform, die die persönlichen und aus der Tradition gerechtfertigten Herrschaftsverhältnisse zusehends verdrängt hat, gehorcht ebenfalls dem Geist dieser Rationalisierung. Je größer die zu verwaltende Menschenmasse, desto aufgeblähter die Verwaltung. An der Verwaltungseinheit der Europäischen Union lässt sich das heute deutlich sehen. Aber auch alle einzelnen gesellschaftlichen Institutionen, die Fernsehanstalten ebenso wie die Kirchen heutzutage, sind nach denselben rationalen Regeln hierarchisch strukturiert. Zwischen staatlicher Verwaltung und kapitalistischem Großbetrieb oder Fabrik mit einer dem Militär abgeschauten Disziplin hat Weber zu seiner Zeit deutliche Parallelen festgestellt. Kapitalismus und bürokratischer Herrschaft stand er so zwar reserviert gegenüber, hat sie jedoch als unausweichliches Schicksal begriffen und von dem „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“ gesprochen. „Eine einmal voll durchgeführte Bürokratie gehört zu den am schwersten zu zertrümmernden sozialen Gebilden“, heißt es in „Wirtschaft und Gesellschaft“. Weber hat auch beschrieben, welchen Menschentyp diese „Maschine“ hervorbringt: schwache Persönlichkeiten und gedankenlose Konsumenten, in seinen Worten: „Fachmenschen ohne Geist“ und „Genussmenschen ohne Herz“. Er hat auch schon in den Anfängen der Parteibildung im Kaiserreich beobachtet, wie Politik zum Betrieb gerinnt und wie Parteien bürokratisch erstarren. Und in den USA hat er bereits einen Politikertyp ausgemacht, der in dem von Weltanschauungskämpfen bestimmten Europa damals noch unbekannt war: den gewissenlosen Politiker, dem es nur um die Macht und um nichts als die Macht geht. Sein berühmtes, in seiner Gegensätzlichkeit aufeinander verwiesenes Paar „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ kann auch als Widerstand gegen diesen Trend verstanden werden. Seinem vernunftgläubigen Zeitalter gegenüber hat Max Weber immer wieder auf die Macht des Zufalls hingewiesen, dem es letztlich auch zu verdanken ist, ob eine Person Charisma habe oder nicht. „Politik wird mit dem Kopf, aber nicht n u r mit dem Kopf gemacht“, heißt es in „Politik als Beruf“. Weber hat auch, was in der auf „Objektivität“ verpflichteten Wissenschaft heute fast völlig vergessen ist, großen Wert auf Fragen der Lebensgestaltung gelegt und der Leidenschaft eine hohe Bedeutung beigemessen. Leidenschaft, nämlich Hingabe an eine Sache, zeichnet neben Verantwortlichkeit und Augenmaß, das heißt Distanz selbst noch der eigenen Person gegenüber, ihm zufolge bekanntlich den idealen Politiker aus. Und weil Politiker so gern aus „Politik als Beruf“ zitieren, um die Mühsal ihrer Kärrnerarbeit in den Mühlen der Bürokratie zu verdeutlichen, und weil sie so gerne falsch zitieren, sei die Stelle hier vollständig im Wortlaut angeführt. Sie lautet: „Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muss ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein.“