Kaiserslautern
Mit dem Keyboard gegen Kinderpornografie
Er ist der erste IT-Kriminalist beim Polizeipräsidium Westpfalz – und möchte seinen richtigen Namen nicht so gern in der Zeitung lesen. Nennen wir ihn Florian Müller. Der junge Mann arbeitet seit zwei Jahren im Kommissariat 12, das sich mit Sexualdelikten sowie mit Gewalt gegen Frauen und Kinder befasst. „Es gibt nichts Wichtigeres als Kinder“, unterstreicht Müller. Verbrechen aufzuklären, bei denen Kinder zu Schaden gekommen sind, darin sehe er „den meisten Sinn“ bei seiner Tätigkeit.
Und die hat es, mit Blick auf die Verbrechen, denen das Team nachgeht, in sich: Das K12 schaut bei seiner täglichen Arbeit dort genau hin, wo andere Menschen vielleicht lieber wegsehen würden: Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder, sexueller Missbrauch, Kinderpornografie. „Auch bei diesen Delikten verlagert sich die Kriminalität in den digitalen Raum“, hat der IT-Experte in der jüngeren Vergangenheit beobachtet. Fotos oder Videos, auf denen sexueller Missbrauch von Kindern zu sehen ist, werden im Internet getauscht. Um diesen Tätern auf die Spur zu kommen, ist Müllers Expertise im Kommissariat gefragt.
Polizeiausbildung folgt auf Hochschulstudium
Müller stammt aus der Pfalz und hat sich bereits, wie er erzählt, in jungen Jahren für Informatik und Technik interessiert. Nach einem Hochschul-Studium der Elektrotechnik mit einem Schwerpunkt auf Nachrichtentechnik arbeitete der junge Mann zunächst einige Jahre in einem größeren Unternehmen in der Region, bevor er eines Tages eine Stellenausschreibung las und es „klick“ machte. Die Polizei sucht IT-Kriminalisten, Informatik-Experten, die bei der Verbrecherjagd im Internet zum Einsatz kommen. „Da dachte ich, das ist meine Stelle“, erzählt Müller. Kurze Zeit später schickte Müller seine Bewerbung ab, seit 2021 ist er Polizeibeamter.
Ein Bezug zu Berufen der sogenannten Blaulicht-Familie war allerdings bereits zuvor bei Müller gegeben. „Ich hatte da eine gewisse Affinität, allerdings mehr zur Feuerwehr.“ Seine Kenntnisse im Bereich Informatik und Nachrichtentechnik waren jedoch genau das, was die Polizei suchte. In seinem alten Job habe er sich zwar wohl gefühlt, Arbeit und Kollegen gemocht. „Es tat schon weh, nach etwa zehn Jahren dort wegzugehen.“ Allerdings: „Ein höherer Zweck bei der Arbeit, der hat mir gefehlt.“
Den findet er nun in der Ermittlungsarbeit, bei der Aufklärung von Straftaten, die oftmals an den Schwächsten der Schwachen, an Kindern, verübt werden. Oberste Priorität habe dabei das Identifizieren von Tatverdächtigen. Das geschieht oft anhand digitaler Spuren, die praktisch jeder im Internet hinterlässt. Seine Tipps und Kniffe will der Experte natürlich nicht verraten, allerdings verbringe er viel Zeit am Computer auf der Spur von Verbrechern, werte etwa E-Mail-Adressen aus, oder vergleiche beispielsweise IP-Adressen. Rund 800 Anzeigen pro Jahr bearbeitet das K12.
„Er ist an der richtigen Stelle“, sagt der Leiter der Kriminaldirektion Kaiserslautern, Stefan Becht, der die Sonderstellung des IT-Kriminalisten herausstellt. Kriminalbeamte besuchten zweifellos auch Fortbildungen in Sachen Digitale Welt und Informatik, Müller sei den umgekehrten Weg gegangen: Erst das Informatikstudium, dann die Ausbildung zum Kriminalbeamten, so Becht. Und: „Er sitzt direkt im Kommissariat und ermittelt dort“ – im Gegensatz zu anderen IT-Experten in den Reihen der Polizei, die bei Bedarf unterstützend zu Ermittlungsarbeiten hinzugezogen werden können. 2021 startete der erste Jahrgang von künftigen IT-Kriminalisten im Land Rheinland-Pfalz. 13 Monate dauert die Ausbildung. „Das Programm läuft weiter, weitere Jahrgänge werden ausgebildet“, unterstreicht Becht. Müller soll nicht der einzige im Präsidium bleiben.
Ermittlungen nicht nur am Rechner
Müller hat seine Ausbildung bei der Polizei 2022 abgeschlossen. Im Zentrum stand dabei nicht nur Strafrecht und Beamtenrecht, sondern auch ganz konventionell ein Sportprogramm und Schusstraining. Ebenfalls absolvierte der Informatiker einige Praktika, etwa im Landeskriminalamt in Mainz, aber auch bei der Polizeiinspektion 1 in der Gaustraße. „Dort erlebte ich dann auch Polizeiarbeit ,uff de Gass’, wie es so schön heißt.“ Was ihm bei seiner heutigen Arbeit zugute kommt. Denn seine Arbeitstage verbringt Müller keinesfalls ausschließlich am Rechner. Auch Hausdurchsuchungen stehen auf dem Programm. Da liegt das Interesse des Experten vor allem auf allen technischen Geräten: Handys, Laptops, USB-Sticks, Festplatten.
Was dann darauf oftmals zu sehen ist – Kinderpornos –, lasse niemanden kalt. Müller geht mit der Belastung offen um. Der gute Zusammenhalt im Team sei ein wichtiger Faktor. Auch sorge er für „Hygiene im Kopf“, wie Müller es nennt. Die Arbeit bleibe im Präsidium, was er dort sieht, soll auch dort bleiben. „Das ist der Grund, warum ich beispielsweise kein Homeoffice mache, obwohl es möglich wäre.“
„Wir wollen die Supervision ausbauen, damit die Resilienz der Beamten stärken“, sagt Stefan Becht der Leiter der Kriminaldirektion Kaiserslautern. Derzeit werde auch darüber verhandelt, ob den Kolleginnen und Kollegen, die mit Kinderpornografie oder ähnlich belastenden Themen befasst sind, einige Tage mehr Urlaub zustehen.