Kaiserslautern Messerstiche in Bauch und Nacken

Wegen versuchten Totschlags, begangen vor einer Gaststätte in der Innenstadt, muss sich seit gestern ein 23-Jähriger vor dem Landgericht verantworten. Doch obwohl der Angeklagte weitgehend geständig ist, blieben am ersten Verhandlungstag noch viele Fragen zum Ablauf der Tat offen.
Was passierte am 1. September letzten Jahres gegen drei Uhr früh auf dem Bürgersteig vor einer stadtbekannten Bierkneipe im Bahnhofsviertel? Der Angeklagte schildert den Ablauf der Ereignisse so: Am Ende eines Abends, den er feiernd im Kreise seiner Freunde und Familie verbracht habe, habe ihn ein Bekannter seines Freundes telefonisch noch auf ein gemeinsames Bier eingeladen. Als die beiden jungen Männer – nach eigenen Angaben nicht mehr ganz nüchtern – kurz darauf in der Gaststätte eintrafen, habe man zunächst noch ein bisschen in der Nähe der Theke miteinander gequatscht. Bis dahin sei „alles völlig okay“ gewesen, erinnert sich der Mann. Wenige Minuten später habe er dann den Gastraum für kurze Zeit verlassen, um sein Fahrrad anzuschließen. „Und dann ging plötzlich alles ganz schnell“, berichtet der Angeklagte – ein anerkannter Asylbewerber aus Eritrea, der seit rund zwei Jahren mit Frau und drei Kindern in Kaiserslautern lebt – über seinen Dolmetscher der Großen Strafkammer des Landgerichts. „Auf einmal wurde ich von einem Mann, der sich ebenfalls auf dem Bürgersteig vor dem Lokal aufhielt, beschimpft und ins Gesicht sowie auf den ganzen Oberkörper geschlagen.“ Den Grund für diese Attacke, fügt der Mann mit leiser Stimme hinzu, kenne er bis heute nicht. Doch seine eigene Reaktion gibt der Angeklagte offen zu: Erst habe er versucht, sich mit seinen Händen gegen die Prügel zu wehren. Als dies wohl nicht half, habe er schließlich in seine Bauchtasche gegriffen und sein mitgeführtes Messer gezückt. „Aber das habe ich nur aus Angst gemacht“, beteuert der 23-Jährige, „ich wollte niemanden damit verletzen oder sogar töten.“ Gleichwohl erlitt sein Kontrahent gleich eine ganze Reihe von Stichverletzungen, sowohl im Bauch als auch im Nacken. Und die bluteten offenbar so stark, dass ein anderer Gast des Lokals sofort einen Notruf absetzte. Kurz darauf erschien allerdings nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch die Polizei. Sie nahm den Verdächtigen sofort fest und versuchte, möglichst viele Zeugen noch vor Ort zu halten, um ihre Beobachtungen zu befragen. Allerdings gilt genau dieses Bierlokal nicht gerade als ein Ort, dessen Gäste besonders gern mit den Ordnungshütern zu tun haben. Allerdings reichten die Umstände offenbar aus, um den jungen Mann aus Eritrea mit einem richterlichen Haftbefehl in die JVA Frankenthal zu überführen. Dort verbringt der Familienvater jetzt seit gut vier Monaten seine Tage, während die Frau samt drei kleiner Kinder offenbar von Landsleuten bei der Bewältigung des Alltags unterstützt wird. Aber was geschah denn nun wirklich in jener Nacht des 1. September 2017? Der Geschädigte, ein 23-Jähriger Kaiserslauterer von durchaus athletischer Figur, hatte gestern als erster Zeuge das Wort. „Eigentlich begreife ich bis heute nicht, was damals genau abging“, berichtet er dem Gericht in schönster Offenheit. „Ich weiß nur noch, dass ich an diesem Abend bei einem Freund Fußball geguckt habe. Dabei habe ich vielleicht drei Bier und zwei Jägermeister getrunken.“ Anschließend machte er sich – mit einem kleinen Zwischenstopp an einem Kiosk - nach seinen Worten zu Fuß auf den Heimweg, der an dem besagten Lokal vorbeiführt. „An dieser Stelle ist der Bürgersteig nicht besonders breit“, schildert der Zeuge dem Gericht seine Erinnerung an diese Nacht, „außerdem standen auch noch die großen Mülltonnen da rum.“ Deshalb habe er, so erzählt der gelernte Straßenbauer weiter, „einem der Gäste vor dem Lokal so im Vorübergehen etwas auf die Schulter getippt, damit er mir Platz macht.“ Der habe sich dann allerdings umgedreht und sei sofort auf ihn losgegangen – mit den bekannten Folgen einer blutigen Auseinandersetzung. Auf Nachfragen des Gerichts, ob er den Kontrahenten vorher kannte oder vielleicht sogar irgendwas gegen Ausländer habe, reagiert der Geschädigte heftig: „Ich kenne diesen Mann nicht, ich bin auch kein Nationalist. Meine Freundin ist Portugiesin, und unter meinen Arbeitskollegen gibt es sogar Leute aus Eritrea.“ Der Prozess wird am Donnerstag um 9 Uhr mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt.