Kaiserslautern Mehr als „Lebensmüdenberatung“

Ein offenes Ohr für Probleme aller Art: Der evangelische Pfarrer Peter Annweiler leitet die TelefonSeelsorge Pfalz gemeinsam mit
Ein offenes Ohr für Probleme aller Art: Der evangelische Pfarrer Peter Annweiler leitet die TelefonSeelsorge Pfalz gemeinsam mit der katholischen Psychologin und Theologin Ursula Adam sowie der Pädagogin Astrid Martin.

Rrring. Rrring. Surrend klingelt das Telefon auf dem Schreibtisch des Beratungszimmers. „Telefonseelsorge, guten Tag“, meldet sich die Seelsorgerin Inge F. mit freundlicher Stimme. Weinen ist zu hören. Es dauert eine Weile, bis die Frau am anderen Ende der Leitung sprechen kann. „Lassen Sie sich Zeit. Es ist in Ordnung, wenn Sie weinen müssen“, beruhigt Inge F. die Anruferin. Diese schluchzt: „Ich weiß nicht mehr weiter. Mein Freund hat eben mit mir Schluss gemacht. Ich kann doch nicht leben ohne ihn!“ Viel Zeit und Raum widmet Inge F. der jungen Frau, die erzählt, dass niemand in ihrer Familie oder im Freundeskreis Verständnis oder ein offenes Ohr für ihre Klagen habe. Zu lange schon hätten sich die Konflikte mit dem Partner hingezogen. Ausgelaugt von ihrem „ewigen Jammern über die zerrüttete Beziehung“ hätten sich bereits einige Freundinnen von ihr abgewandt. Da habe eine Bekannte ihr geraten, sie solle doch einmal bei der Telefonseelsorge anrufen. Einfühlend und zugewandt versucht Inge F., der Verzweifelten eine Stütze zu sein. „Ich kann ihr hoffentlich helfen, indem ich in dieser Krisensituation für sie da bin, zuhöre und versuche, sie aufzufangen“, beschreibt die Beraterin. „Natürlich ersetzen diese Gespräche keine Psychotherapie“, ist sie sich bewusst. Doch gerade für einsame Menschen oder jene, die in akuten Krisen steckten, könne dieses niedrigschwellige Gesprächsangebot eine wichtige Hilfe und Anlaufstelle sein. Bei der Evangelischen/Katholischen Telefonseelsorge Pfalz mit Sitz in Kaiserslautern sind derzeit rund 90 Ehrenamtliche im Dienst am Telefon und in der Chatberatung tätig. Rund um die Uhr im Schichtdienst, an jedem Tag des Jahres, sind die Berater im Einsatz. Die Einrichtung steht in gemeinsamer Trägerschaft der Evangelischen Kirche der Pfalz und der Diözese Speyer. Geleitet wird die Stelle von dem evangelischen Pfarrer Peter Annweiler, der katholischen Psychologin und Theologin Ursula Adam sowie der Pädagogin Astrid Martin. Die Arbeit der Telefonseelsorge wird auch statistisch erfasst. Im Schnitt erreichen pro Jahr knapp 17.000 Anrufe die Einrichtung. Davon sind über 9600 Seelsorge- und Beratungsgespräche, über 5400 Aufleger oder falsch gewählte Nummern, und mehr als 1200 gehören nicht zum Aufgabengebiet der Telefonseelsorge. Um für die unterschiedlichsten Gesprächsanliegen gerüstet zu sein, werden die Ehrenamtlichen geschult. Eine anderthalbjährige, kostenlose Ausbildung über circa 200 Stunden soll auf den mehrstündigen Tag- oder Nachtdienst vorbereiten. Denn es kann auch in kritische Bereiche gehen. Sieben Prozent der Anrufenden äußern Suizidgedanken und ein Prozent akute Suizidabsichten. Im Chat, wo die Anonymität noch größer ist als im Gespräch am Telefon, sind Suizidgedanken mit 21 Prozent sogar Themenschwerpunkt. Regelmäßige, monatliche Praxisbegleitung durch geschulte Supervisoren soll helfen, mit schwierigen Gesprächen klarzukommen. Einer der wichtigsten Grundsätze der Telefonseelsorge ist die Wahrung der Anonymität, auf beiden Seiten der Leitung. Niemand, der anruft, wird nach seinem Namen gefragt. Die Rufnummer der Ratsuchenden erscheint in keinem Display. Da das Telefonat gebührenfrei ist, wird es auch auf der Telefonrechnung nicht aufgeführt. Auch die Seelsorger bleiben anonym. Alle Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht. Die Telefonseelsorge ist grundsätzlich offen für alle Problembereiche. Auf die Anrufenden werde weder konfessioneller noch politischer oder ideologischer Druck ausgeübt. Zum Teil verbindet die Seelsorger mit der Dienststelle eine jahrzehntelange, gemeinsame Geschichte. Inge F. sagt: „Wir profitieren viel von Ausbildung, Supervision und auch von den Gesprächen am Telefon. Ich habe schon viel über mich selbst dabei gelernt.“ Seit nunmehr 28 Jahren leistet die ehemalige Lehrerin drei Dienstschichten à fünf Stunden im Monat. „Wir suchen immer ehrenamtliche Mitarbeiter. Unsere nächste Ausbildungsgruppe startet im Januar 2020. Sehr gerne können sich Interessierte schon heute melden“, erklären Astrid Martin und Peter Annweiler. Nicht von ungefähr wurde die erste Telefonseelsorge Deutschlands vor über 60 Jahren in Berlin eingerichtet; in der Stadt, in der nicht zuletzt aufgrund ihrer besonderen politischen Lage, die Suizidrate besonders hoch war. In den 1950er-Jahren ging in Berlin ein geflügeltes Wort um: „Komm mit deinem Jammer nicht zu mir, ruf’ gefälligst in der Jebensstraße an.“ Die Jebensstraße 1 in Berlin-Charlottenburg war damals das Synonym für Zuhören und Rat geben, für unmittelbares, anonymes und unbürokratisches Helfen am Telefon. In den ersten vier Jahren trug die Berliner Ur-Telefonseelsorge noch den Untertitel „Lebensmüdenberatung“. In Zimmer 103, dem „Wartezimmer der Verzweifelten“ („Der Tag“, Berlin), hatte sich die Telefonseelsorge eingerichtet. Das Telefonieren und die dazu erforderliche Technik haben sich seit den Anfängen der Telefonseelsorge 1956 bis heute mehrfach grundlegend geändert. Stellte früher das „Fräulein vom Amt“ die gewünschte Verbindung her, so steht heute eine hochkomplexe Technik hinter der technischen Erreichbarkeit der Beratungseinrichtung. Die Verbreitung des Handys führte rasch zu einer Verdoppelung der Anrufzahlen, von 1.040.000 Millionen im Jahr 1997 auf 2.100.000 Millionen 2000. Im Gegensatz dazu blieb die Zahl der Ehrenamtlichen, die den Großteil des Beratungsdienstes leisten, relativ konstant. In den bundesweit 105 Beratungsstellen sind rund 7500 Mitarbeitende im Einsatz. Auch das Anrufverhalten hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Galt in den 1970er-Jahren die Devise „Fasse dich kurz!“, ermunterte in den 90er-Jahren der Slogan „Ruf doch mal an!“ zu ausführlichen Gesprächen. Seit 1995 wurde das Spektrum um Mail- und Chatberatung erweitert.

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