Kaiserslautern
Matze Rossi berührt im Kammgarn-Kulturgarten die Herzen
Wenn jemand Mitte Vierzig ist, dann hat er gemeinhin schon eine Menge erlebt. Wenn er dabei künstlerisch aktiv ist, finden sich die über die Jahrzehnte gemachten Erfahrungen sicher auch in den Werken wieder. Und wenn man ein Künstler von der Klasse Matze Rossis ist, dann sind die in Musik und Geschichten gegossenen Werke besonders gelungen, technisch gut ausgeführt und inhaltlich berührend. Am Samstagabend war der vielschichtige Bayer in genau dieser Form zu Gast im Kulturgarten der Kammgarn.
Er kam zum wiederholten Mal, aber dieses Mal nicht allein. Im Gegensatz zu seinem letztjährigen Auftritt vor Ort hatte Rossi noch zwei fähige Mitmusiker mitgebracht: Martin Stumpf an E- und Kontra-Bass und Keyboard und Uwe Breunig hinterm Schlagzeug und am Bass-Synthesizer – und das manchmal gleichzeitig, wobei die Drums locker und ohne nennenswerten Substanzverlust einhändig bedient wurden. Das allein brachte schon Bewegung und Abwechslung ins Bühnengeschehen.
Musiker mit eigenem Weg
Die übrige Energie floss aus der Musik und den Texten. Dabei ist Rossis Musikstil im Wortsinne unvergleichlich. Einen guten Mix aus Deutschrock und einer Portion Folk mag man erkennen, ein Spritzer Liedermacherkunst ist wohl auch drin. Matze Rossi geht seinen ganz eigenen Weg, sozusagen „Zickzack gegen den Wind“, wie es in seinem Kammgarn-Opener „Sturm im Wasserglas“ hieß.
Auch textlich sind Rossis Werke dicht, energiereich und vielschichtig. Es geht immer um das Leben und seinen Sinn, ums Suchen und Finden, das bereits einkalkulierte Scheitern und das unbeirrte Weitermachen. Einfach ist es zwar nicht – Elend, Gefahren und Tod sind gegenwärtig. „Das Leben ist kein Bilderbuch“, heißt es im Titel „Alle Vögel fliegen himmelwärts“ aus seinem aktuellen Album „Wofür schlägt dein Herz“, mit dem Rossi im Juni aus dem Stand der Sprung in die Charts gelang.
Das Publikum wird zu Piraten
Aber das Leben ist eben auch kostbar und buchstäblich lebenswert. Matze Rossi verliert nie den Blick auf das Gute, das Menschliche, die Liebe vor allem, zu hören etwa in „Schmetterlinge“. In der immer stimmig zur jeweiligen Aussage passenden musikalischen Umsetzung wird das, was Rossi erlebt, beobachtet und durchdacht hat, zu vielen positiv aufgeladenen kleinen Kunstwerken – und das Publikum im Kulturgarten ließ sich gerne mitziehen. Ganze Liedzeilen wurden oft auswendig mitgesungen und bereitwillig stimmten die Besucher in einen vielstimmigen „Piraten-Chor“ (Rossi) ein. Das nette Stilmittel verwendet Rossi gern.
In besonderer Erinnerung bleibt das liebenswerte „Du weißt immer, wie spät es ist“, eine Hommage an die manchmal beneidenswerte „Weltsicht“ eines Hundes: „Für dich gibt’s immer nur das Hier und Jetzt, wie niemand anders bist du eins mit dir selbst.“ Dabei wurde es nicht nur unter den vielen berührten Hundebesitzern im Publikum – die wurden zuvor erfragt – mucksmäuschenstill, bevor dann frenetischer Applaus einsetzte.
Immer natürlich
Überhaupt war viel Nähe zu spüren, zum Publikum und auch zwischen den Musikern. Es wurde auch mal locker von früheren Konzerten erzählt, lässig-sympathisch auf Zwischenrufe eingegangen, ein bisschen zwischen den Liedern auf der Bühne herumgealbert. Das wirkte alles kein bisschen aufgesetzt, sondern immer natürlich und positiv. Auch das gehört zu einem gelungenen Konzert dazu.
So wurde dieses Freiluft-Konzert vor dem Bühnenhintergrund der auffliegenden Vögel zu einer sinnig-soliden Melange aus Unterhaltung und Nachdenklichkeit: nach oben strebend und natürlich. Ein Hochgefühl, das auch über die zwei Stunden Präsenz hinaus anhielt. Dafür gab es zu Recht anhaltenden Schlussapplaus im Stehen.