Ramstein
Marcel Adam und Band im Congress Center
Manchmal bedarf es nicht vieler Worte. Ein Blick genügt. Oder ein Ton und ein Wort. Wenn sich die richtigen Menschen finden, ist schon von der ersten Sekunde an eine Vertrautheit da, die langwierige Diskussionen unnötig und den Weg für intensive Erfahrungen frei macht. So vertraut war die Beziehung zwischen dem Entertainer auf der Bühne und den 150 Zuhörern. Adam machte ein paar lockere Sprüche, und schon hatte er die Hörer gewonnen. Mehr aber waren es die wunderbaren Chansons, die tief in die Seele der Besucher drangen und Adams unaufdringliches Timbre perfekt fokussierten. Marcel Adam ist sein eigener Stil. Er hat dem Chanson und dem (Lothringer) Mundart-Lied neue Türen geöffnet. Und die Reise des 69-Jährigen ist hoffentlich noch lange nicht zu Ende.
Wer Chanson singt, muss etwas zu erzählen haben. Er sollte lebensnah sein, poetisch und plaudernd. Dieses Mittelding eben aus Wahrheit und Verklärung, das perfekt zum Pastis und einem trockenen Vin Rouge passt. Genau diese Vorgaben sind es, die Adams Erfolg ausmachen. Sein Konzert war ein charmantes Kompendium verweilender Augenblicke. Hier ein „Rêve érotique“ zu dem Fado „La maison sur le port“ von Amalia Rodrigues, in dem gewisse Damen singen, wie viel Spaß sie gehabt hätten, als sie noch in diesem (anrüchigen) Haus arbeiten durften. Da eine nostalgische Geschichte zu Georges Moustakis „Avec ma gueule de métèque“. Oder Charles Aznavours „La mamma“. Dann mit „S’Onna uff de Bonk“ ein Mundart-Chanson, das die guten alten Zeiten besingt, als die Menschen noch vor ihrem Haus auf der Bank saßen und miteinander schwatzten, und wie der Künstler selbst dort, bei seiner Großmutter in aller Schlichtheit aufwuchs. Gleichzeitig war dieses Lied eine wunderbare Hommage an Adams „Omma“.
Kritik in Humor verpackt
Und immer wieder Späßchen mit dem Publikum, aber auch in Humor verpackte Gesellschaftskritik. Ein faszinierendes Konglomerat aus französischen Chansons wie „Je ne sais pas d’ou il vient“ und „Kilimandscharo“, beide von Jean Dassin, oder herrlich lyrischen Liebesliedern wie „Wenn du so bist wie dein Lachen“ von Ina Deter. Und wenn Adam mit „Surkrut“ das Sauerkraut rasant besingt, ist das nicht nur eine herrliche Hommage an das Elsass („Die Elsässer und die Lothringer stehen zueinander wie die Pfälzer zu den Saarländern“), es ist ein Genuss. Adam versteht es einfach, Stimmungen einzufangen und weiterzugeben. Töne bringt er zum Klingen, die mit ihrer Stimmung die Corona-Pandemie erträglicher machen. Vor allem auch, wenn er die Zuhörer zum Mitsingen animiert, wie in seinem Lied „On Min Radio“ oder dem wunderbaren „Liebe ist wie wildes Wasser (Die Rose)“.
Bei allen humorvollen Sprüchen ist Adam aber ein tief religiöser Mensch. Das zeigt sich nicht nur in Dietrich Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten“, sondern auch in Liedern wie „De passage“. „Wir sind nur auf der Durchreise“, erklärt er dazu. „Gerade in diesen Zeiten der Pandemie wird uns das doch wieder bewusst und ist hoch aktuell.“ Das ging tief unter die Haut, so wie Leonard Cohens Jahrhundert-Song „Halleluja“, zu dem Adam einen ganz eigenen, tief ergreifenden Text geschrieben hat und den er ganz individuell interpretierte. Seine Stimme, seine musikalische Feinfühligkeit und ungekünstelte Direktheit brachten zusätzlich Wärme ins Geschehen, die einen gefangen nahm.
Herz und Seele geöffnet
Herz und Seele öffneten aber auch Adams Mitstreiter Christian Conrad (Gitarre) und Christian di Fantauzzi (Akkordeon). Gerade dieses chromatische Knopfakkordeon, das sich sanft, liebreizend und rhythmisch pointiert um die Stücke legte, war der Anker. Aber auch solistisch glänzte der italienische Franzose immer wieder mit virtuosen Musettes, Triolen und typischen Läufen, womit er der Musik Leben einhauchte. Als exzellenter Musiker auf den sechs Saiten erwies sich auch Conrad. Sein gläserner und doch warmer Sound und die pastellige Färbung seiner Single Notes bewegten sich oft am Rande des Ausdrucksspektrums der Gitarre. Das schweißte Künstler und Publikum zusammen. Beifall im Stehen. Zwei Zugaben.