Ramstein-Miesenbach
Marcel Adam im Congress Center: Ein A und vier großen Bs
Sein Gesicht sah aus wie das eines traurigen Clowns. Es hieß, er sei zu klein (1,61 Meter), er habe keine Stimme, kein Charisma. Aber das hat Charles Aznavour angespornt, den Leuten zu beweisen, dass sie sich irren. Und er hat es geschafft. Der 2018 im Alter von 94 Jahren gestorbene Franzose war einer der größten Chansonniers überhaupt. Fast 1000 teils weltberühmte Lieder hat er geschrieben, in über 60 Filmen hat er mitgespielt. Wofür andere drei Leben brauchen würden, schaffte der Sohn armenischer Einwanderer in neun Jahrzehnten. In seinen Chansons ist das Glück nur von kurzer Dauer und die Liebe oft ein Fluch. Seine Chansons waren wie das Leben selbst.
Was Aznavour mit Marcel Adam verbindet, ist wohl der Drang, immer in Bewegung zu sein. Es ist eine Lebenseinstellung, die Liebe zum Dasein. Auch eint beide eine Art, die das spezielle Wesen des Chansonniers ausmacht: das Zweifeln, die Überwindung, auf die Bühne zu gehen und in den Texten das Innerste nach außen zu kehren. Aber auch eine gewisse Wehmut, die beide in Neugier verwandelt haben. Und so lag während des ganzen ersten Sets, das Aznavour gewidmet war, eine gewisse Melancholie in der Luft.
Mit Intensität
Wie Aznavour hat sich auch Marcel Adam nie pompöse Gesten angeeignet, sondern einfach mit seinem sanften Zögern zu singen begonnen. Schließlich wollte er mit den Liedern Geschichten erzählen. Ander als sein Alter Ego trägt er nichts Schwarzes, sondern einen hellblauen Anzug und das obligatorische Käppi mit dem weißen Stirnband. Nicht einfach covern mochte er dessen Chansons, sondern auf seine eigene individuelle Art interpretieren. Bei so berühmten Chansons wie „Les deux guitares“, das nostalgische „La bohème“ oder „Mamma“ zeigte er sich als Meister der „Sophistication“ mit einer gewissen ironischen Färbung und fließender Phrasierungsweise. Und nicht zu vergessen „Je m’ voyais déjà“, mit dem 1960 der große Durchbruch des Spätstarters kam. Mit musikalischer Feinfühligkeit und ungekünstelter Intensität intonierte Adam auch Chansons, die sonst auf Deutsch selten zu hören sind wie „Als es mir beschissen ging“ oder „Du lässt dich gehen“. Bestechend dabei war die Kombination zwischen traurigen Augen, größter Lässigkeit und beiläufiger Frechheit im Auftritt.
Und da der Apfel bekanntermaßen nicht weit vom Stamm fällt, darf man diese Art auch Marcel Adams Sohn Yann Loup attestieren, der mit gewitzten Worten die Moderation übernahm. Im Rücken hatte Adam eine fantastische Band, die es verstand, seine Lieder zu tragen und ihnen die gewisse pariserische Musette-Färbung zu geben. Transparent instrumentiert und mit vielen Feinheiten im Arrangement vermieden sie die über Jahrzehnte zu Klischees verfestigten Sujets. Vor allem Christian Fantauzzis hypnotisierende Ostinati auf dem Akkordeon und die rasanten, oft perkussiven Akustik-Gitarren von Christian Conrad und Oliver Abt forderten immer wieder den Beifall des Publikums heraus, während Elmar Federkeils Besenarbeit auf dem Schlagzeug Intimität und Weite zugleich ausstrahlte.
Stimmungsbarometer steigt
Den vier großen „Bs“ Brel, Brassens, Bécaud und Béart gewidmet war der zweite Teil. Hier durfte Marcel Adam wieder Marcel Adam sein – mit seinem lässigen Charme, seinen witzigen Sprüchen und seinem unverbesserlichen Humor. Von Georges Brassens’ „Gorilla“ und „Les copains d’abord“ über Jacques Brels „Ne me quitte pas“ und „Le port d’Amsterdam“ (mit herrlichem Mandolinen-Solo von Conrad) bis hin zu Gilbert Bécauds „Nathalie“ folgte hier ein grandioser Song nach dem anderen. Mit ausdrucksvoller Stimme gab dann noch Yann Loup Adam Bécauds wunderbaren Song „Et maintenant“ zum Besten. Das Stimmungsbarometer schlug immer höher aus. Begeisterter Beifall, eine Zugabe.