Kaiserslautern
Marc Marshall gibt ein vielschichtiges Weihnachtskonzert
Marc Marshall (62) ist der Sohn von Tony Marshall und Duopartner von Jay Alexander. Kann man von einem früher erworbenen Ruf, beheimatet in vielen Genres und Gattungen zu sein, ein Leben lang profitieren? Zumindest den entsprechenden Erwartungsdruck aufbauen und sich im umkämpften Musikmarkt einen Logenplatz erobern? Da muss jeder eine Nische finden. Marc Marshall, Absolvent der Jazz-School in Los Angeles und der Karlsruher Musikhochschule im klassischen Fach, entschied sich für eine Weiterführung von Traditionslinien.
Er sang altdeutsche Weihnachtslieder in angenehm timbrierter sonorer Baritonlage. Sie vermittelten das Gefühl nostalgischer Wohnzimmer-Weihnachtsatmosphäre mit einer Plattensammlung der 60er Jahre und Hits wie „Lasst uns froh und munter sein“, „Morgen Kinder, wirds was geben“, „Am Weihnachtsbaum ...“ oder „Kling Glöckchen“. Ruhig fließend, schlicht und ergreifend, weil klassisch im liedhaften Melos und nicht manieriert – eben ganz so, wie diese Generation es noch in den Ohren hat. Ab und zu sorgte der schon bei der letzten Udo-Jürgens-Tournee mitwirkende Pianist René Kroemer für überraschende Momente durch ungewohnt kühne jazzige Überleitungen. Ansonsten erlebte man eine gediegene und grundsolide Vortragsweise, nicht spektakulär und effekthaschend, aber sie erreichte das Publikum und öffnete die Herzen sichtbar älterer Generationen.
Anmutiges Medley
Mit der nächsten Vortragsfolge, ebenfalls als Medley ineinanderfließend arrangiert, hellten sich viele Mienen auf, „Joy to the world“ und „Adeste fideles“ brachten internationales Flair; selbst namhafte Bigbands haben diese Titel aufgepeppt. Auch hier setzt Marshall nicht auf reißerische Wirkungen, sondern auf melodische Anmut, fast schon auf Demut.
Philosophische Anwandlungen in reflektierendem Rückblick ins turbulente Weltgeschehen, eine Ode auf die Musik als Friedensstifterin begleiteten diese kurzweilige Vortragsfolge durch Stile rund um den Globus. Reicht das für ein mehrstündiges Solokonzert und vor allem: Tut sich ein Vokalist einen Gefallen, wenn er allein dauerhaft (mit wenigen Atempausen) in langen Medleys singt? Wird das Ganze irgendwann zu einseitig und erschöpft sich?
Als diese Fragen sich aufdrängten, kam die Wende: Der als Nikolaus verkleidete Schlagwerker Alexander Andonov sorgte bei US-Christmas-Jazzklassikern für Wirbel und neuen Schwung, eine Eigenkomposition des Pianisten löste sich aus dem festgefahrenen Kurs. Es wurde lebendiger.
Feiertagsstimmung
Insgesamt konnte der Bariton die zahlreiche Zuhörerenden aus dem Alltag raus und in Feiertagsstimmung hinein holen. Er lockte viele aus der Reserve, animierte sie zum Mitsingen und entführte in eine vertraute Klangwelt von Nostalgie und Verinnerlichung.
Dennoch hätten mehr Pausen und weitere neue Impulsen (durch andere Besetzungen wie Streicher etwa) dem Programm und seiner Stimme gut getan. Der Pianist René Kroemer spielte zudem oft mit hartem und markantem, fast perkussivem Anschlag, den Trommler indes hätte man gerne öfter gehört. Und: So ergreifend schön Adolphe Adams „Cantique de Noël“ auch ist, für einen Bariton sind diese Höhenflüge nicht ideal.
Aus der Frank-Sinatra-Ära
Nach diesem kurzen Durchhänger mit leichter Verflachung kam der Bariton aber mit dem zum Evergreen gewordnen Klassiker aus der Ära von Frank Sinatra „Let It Snow“ wieder zurück: lebendig und lebhaft pulsierend. Und Marshall zeigte, dass er auch internationale, vor allem amerikanische Christmas-Variationen und Kapriolen beherrscht und sich – zumindest sporadisch – auch deren freieren Tonfall zu eigen machen kann.