Kaiserslautern „Manchmal träumen wir von Europa“

Juri Andruchowytsch lebt in der Ukraine. Dort spürt der Schriftsteller den Konflikt mit Russland im täglichen Leben. Und er bezieht immer wieder klar politisch Stellung: für die Ukraine als Teil der Europäischen Union. Andruchowytsch ist nicht nur als Autor von Gedichten, Romanen und Essays gefragt, sondern momentan vor allem als Experte zur Situation in seiner Heimat. Vergangenes Wochenende war er bei den Nibelungenfestspielen in Worms zu Gast, wo wir ihn getroffen haben.
So viel wie heute habe ich noch nie geschrieben. Aber das sind keine Romane. Im besten Fall sind es Geschichten, aber normalerweise Kolumnen. Also das, was schnelle literarische Reaktion bedeutet. Manchmal sind das auch Gedichte, die ich einfach bei mir behalte. Für einen Roman soll die Zeit noch kommen. Dazu muss ich erst noch spüren, dass ich genügend Abstand zur politischen Situation habe. Was ist Ihre Aufgabe, wenn Sie in Ländern wie Deutschland auftreten? Ich habe in der Ukraine mal eine Sache gesagt, die jetzt die ganze Zeit wiederholt wird: dass ich ein alternativer Botschafter bin. Das ist ein bisschen zu laut und zu ironisch formuliert. Aber ja, ich bin für einen Dialog und ich sehe, dass unsere ukrainische Zukunft sowieso eine europäische Zukunft ist und dass wir ein Teil der demokratischen Welt werden. Deswegen sollten wir vor allem Verständnis in europäischen Ländern finden. Sie haben mich nach meinem Alltag gefragt. Mein Alltag besteht auch zum großen Teil aus Reisen und Auftritten. Ich bekomme jetzt unglaublich viele Einladungen. Und ich denke, es ist nicht die richtige Zeit, um so etwas abzusagen. Was bedeutet Literatur für die Menschen in der Ukraine? Es gibt natürlich diese traditionelle Sicht, die alle Leute noch von der Schule kennen: Dass Literatur unglaublich wichtig ist für die menschliche Identität, dass sie eine Basissache ist. Aber es gibt mehr Interesse an den Persönlichkeiten, an den Autoren, als an ihren Texten. Das ist paradox. Grob gesagt gibt es viel mehr Leute in der Ukraine, die ein Foto mit mir haben, als welche, die meine Texte gelesen haben. Warum ist das so? Naja, das ist ein Teil der Popkultur. Es gibt natürlich nicht nur solche Menschen. Aber ich denke, die Zahl von echten Lesern, die literarische Tendenzen verfolgen, die immer neue Bücher kaufen und lesen, diese Zahl ist nicht groß genug für solch ein Land mit über 40 Millionen Einwohnern. Die Anzahl der Leute, die wirklich aktiv literarische Werke lesen, kann ich vielleicht auf zwischen 10.000 und 20.000 einschätzen. Hat sich das irgendwie verändert durch die Krise – das Verhältnis von Ukrainern zur Literatur? Eine unglaublich modische Sache unter Jugendlichen ist es, literarische Veranstaltungen zu besuchen. Und unser Publikum ist zu mehr als 90 Prozent jung. Das ist in Deutschland anders. Ja. Das kann ich nur bestätigen. In der Ukraine lesen Autoren manchmal für bis zu 500 Leute. Aber im Buchverkauf verschwindet das. Was die bekanntesten deutschen Autoren durch Buchverkauf kriegen, das bekommt kein ukrainischer Autor. Ihr Roman „Moskoviada“ ist 1993 erschienen, wurde aber erst 2006 ins Deutsche übersetzt. Fehlt in den Ländern westlich der Ukraine ein grundsätzliches Interesse an der Geschichte und Kultur dieses Landes? Es geht nicht um Interesse, eher um Kenntnisse. Leser denken immer noch an den großen Schatten der russischen Klassik und erwähnen Schriftsteller wie Dostojewski oder Gogol. Man kann sich nur sehr schwer profilieren. Ich bin einer der ersten Autoren der Ukraine, der im deutschsprachigen Raum herausgegeben wurde. Das bedeutet, dass wir erst am Anfang sind. Sie haben mal gesagt, dass wir uns in der EU in einer „Zone von Komfort und Sicherheit“ befinden. Jetzt sitze ich zu Hause auf meinem Sofa, in meiner Komfortzone, und lese das Buch eines ukrainischen Autors. Kann mir das wirklich helfen, die Situation in Ihrem Land zu verstehen? Es ist ja doch sehr weit weg. Wenn das literarisch wirklich gut ist, dann vergessen Sie, dass dieses Land fern liegt, dass das ein fremder Autor aus einem fremden Land schreibt. Sie erleben es dann als etwas Eigenes, als etwas ganz, ganz Nahes. Diese Literatur geht über die Grenzen und beschäftigt die Leute. Was bedeutet eigentlich fern? Zwei Stunden mit dem Flieger. Das ist nur so weit weg wie Spanien oder Griechenland. Verfolgen Sie die Berichte deutscher Medien über den Ukrainekonflikt? Nur episodisch. Aber ich habe viele Freunde und Kollegen hier, die häufig Internetlinks schicken. Und wie ist Ihre Meinung dazu? Meine Meinung ist positiv. Ich finde, das ist mit hoher journalistischer Qualität gemacht. Das Wichtigste ist die journalistische Bemühung, objektiv und richtig zu berichten. Keine Propaganda-Sachen, keine geforderten oder bezahlten Texte und Berichte. Auch die hohe Professionalität, wenn es um die Arbeit mit Fakten geht, schätze ich. Wenn man ältere Romane von Ihnen liest, stolpert man immer wieder über Situationen, die denen in der heutigen Ukraine sehr ähnlich sind. In „Moskoviada“ steht am Ende der Satz „Manchmal träumen wir von Europa“. Das trifft doch aus Ihrer Sicht heute mehr zu denn je. 1992 habe ich das geschrieben, ich saß damals in Bayern. Das war mein erster Aufenthalt im Westen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bekam ich die Möglichkeit, zu reisen und im Ausland zu sein. Europa wurde für mich damals etwas Konkretes. So kam dieser Traum, der jetzt auch ziemlich aktuell bleibt. Dieser ganze Konflikt von „Moskoviada“ ist eigentlich ein Konflikt des Zerfalls. Das große Imperium zerfällt. Inzwischen haben wir 2015. Ich dachte damals nie, dass dieser Roman nach 23 Jahren noch irgendein Echo findet. Jetzt zeigt sich, dass das höchst aktuell ist. Als Autor bin ich darüber natürlich froh. Aber als Mensch möchte ich diese Problematik gerne vergessen. Ist diese Erkenntnis erschreckend? Ja, das ist ein bisschen erschreckend. Der Autor ist immer ewig, aber der Mensch ist sterbend. Ich befinde mich schon mein ganzes Leben lang in der gleichen Problematik.