Ramstein
Mainzer Kammerorchester gastiert im Congress Center
Die mit Umsicht gewählten Kompositionen des Konzertes präsentierten die typische, barocke Streicherbesetzung des Generalbass-Zeitalters. Der erste Konzertteil war den Streichern in meist solistischer Besetzung vorbehalten. Allein dies als Kontrast zur großen sinfonisch-chorischen Streicherbesetzung macht den Reiz einer historischen Aufführungspraxis aus: Der Dialog der Stimmen sowie die thematische Arbeit und Ausgestaltung sind transparenter, prägnanter und einheitlicher machbar.
Sinfonische Orchester mit mehrfacher Besetzung von bestimmten Positionen spielen rotierend nach Besetzungs- und Dienstplänen – das bewirkt Niveauunterschiede. Hier ist es dagegen ein eiserner Kern, der zusammen gewachsen ist, und das hörte man: Der Streifzug vom italienischen Barock bei Vivaldi (Concerto h-moll), deutschem Pendant (Bachs Doppelkonzert d-moll) und Händels Kammersonate für konzertierende Bratsche und Cello (mit den Solisten Lucas Freund und Wolfram Geiß) wirkte noch konsequenter und stringenter in der Ausformung aller Details, noch klanglich homogener und ausbalancierter und vor allem in der Artikulation nuancierter als von vielen anderen professionellen Orchestern gewohnt.
Sensibel aufeinander gehört
Einspielungen zu Bachs Doppelkonzert für zwei konzertierende Violinen (hier: Naoya Nishimura und Stephanie Buttjes) gibt es in Hülle und Fülle: Doch sie setzen oft auf Klangfülle, auf orchestrale und solistische Brillanz sowie romantisierende Effekte. Hier dagegen spüren die Ausführenden mit analytischem Geist den vielen melodisch ineinander verschlungenen Linien mit jeder Note nach, alles wird fein ziseliert und nicht mit dickem Bogenstrich übertönt. Dazu kommen ohne Dirigent durch sensibles gegenseitiges Einhören und nur gestützt vom durchgängigen Generalbass aus Cello, Kontrabass und Cembalo akkurate Abläufe, also ohne Schwankungen: nahtlos, organisch fließend und ohne Unsicherheiten.
Wie nahezu jede(r) zum Primus inter Pares werden muss, zeigte sich deutlich beim Concerto von Vivaldi, weil hier die Episoden durch alle Geigenstimmen laufen und ohne Bruchstellen sicher aufgegriffen wurden. Unterschiede ergaben sich nur durch den individuellen Klang der jeweiligen Instrumente. Wobei dies naturbedingt noch evidenter wurde, als die Soloflöte das Terrain eroberte.
Exemplarische Aufführungen
Nach 34 Jahren Leitung des Gründers Günter Kehr, hat nun dessen Ehefrau Renate Kehr die künstlerische Leitung der Mainzer übernommen. Sie steht ebenfalls für Kontinuität im filigranen, subtil ausgearbeiteten Interpretationsstil mit historischem Bewusstsein, aber ohne dogmenhafte Übertreibung. Ihr Vortrag des Flötenkonzertes von Johann Michael Haydn – Bruder des bekannteren Joseph – zeigte die historische Entwicklung des Übergangs vom Barock zur Frühklassik: Dieser Salzburger Haydn denkt zwar noch vom Generalbass, aber die Melodik verrät Anklänge an den aufkommenden galanten Stil und das Zeitalter der Empfindsamkeit. Das kam bei dieser Aufführung durch Renate Kehr gut zum Ausdruck.
Der Solopart wirkte im Andante kantabel und arios wie ein instrumentaler Zwiegesang, die Ecksätze perlten in gestochen klar artikuliertem Laufwerk in spielerischer Grazie. Allerdings könnten sich die Streicher dynamisch bei den Solopartien der Flöte noch mehr zurücknehmen. Ansonsten aber exemplarische Aufführungen, die ihresgleichen suchen.