Kaiserslautern Locarno im Wandel

In Locarno hatten wechselnde künstlerische Leiter über die Zeit versucht, dem Festival von Venedig den Rang abzulaufen. Man lud viele mit Stars besetzte Filme ein, dazu wurde eine Flut von Ehrenpreisen vergeben, um für Glamour zu sorgen. Ehrenpreise wird es auch in diesem Jahr einige geben. Allerdings: Sie gehen an Künstler wie Bulle Ogier, Edward Norton oder US-Regisseur Michael Cimino („The Deer Hunter“), die sich auch oft und gern in der Independent-Szene tummeln. Und auf die richtet Carlo Chatrian, im dritten Jahr künstlerischer Leiter des Festivals, sein Augenmerk.
Die in Los Angeles erscheinende Fachzeitschrift „The Hollywood Reporter“ nennt des Festival am malerischen Ufer des Lago Maggiore im Kanton Tessin in einer ihrer jüngsten Ausgaben denn auch „das Sundance Europas“. Ein Kompliment. Schließlich gilt das von Robert Redford gegründete Sundance-Festival in Utah, USA, als eine der wichtigsten Tribünen für das Arthaus-Kino. Das Festival von Locarno setzt also vor allem auf Filme, die fern routinierter Massenproduktion entstehen. Dazu gehört aus Deutschland „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Autor und Regisseur Lars Kraume. Der 42-jährige, geboren in Italien, hat neben vielen erfolgreichen Fernsehinszenierungen (für „Guten Morgen, Herr Grothe“ bekam er 2007 den begehrten Grimme-Preis) mit originellen Spielfilmen wie „Keine Lieder über Liebe“ (2005), „Die kommenden Tage“ (2010) und zuletzt dem auch auf dem Ludwigshafener Festival des deutschen Films gezeigten „Meine Schwestern“ (2013) auf sich aufmerksam gemacht. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ nun ist ein auf Tatsachen basierender Spielfilm. Er blickt auf die Zeit um 1957, als es in der Bundesrepublik Deutschland alles andere als selbstverständlich war, mit den Verbrechen und den Verbrechern der Nazi-Zeit abzurechnen. In einem der Hauptwettbewerbe ist der Film mit Burghart Klaußner in der Titelrolle nicht. Aber er läuft auf einer der Freiluftaufführungen auf der Piazza Grande, dem zu Teilen noch mittelalterlich anmutenden Marktplatz der Stadt. Die Vorführungen für jeweils gut 8000 Zuschauer sind der Clou des Festivals. Auch eine Auszeichnung ist möglich: Hier wird der begehrte Publikumspreis ermittelt. Er gilt als Signal dafür, dass ein anspruchsvoller Film das Zeug dazu hat, auch an der Kinokasse erfolgreich zu sein. Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ begann zum Beispiel 2003 damit seinen großen Erfolg. Die Aussichten auf die Auszeichnung mit dem Goldenen Leoparden, dem Preis für den besten der 19 Spiel- und Dokumentarfilme im Hauptwettbewerb, ist für Deutschland dagegen gering. Allenfalls eine Teilehrung ist möglich. Denn im „Concorso Internazionale“ geht kein Film direkt für Deutschland an den Start. Es laufen lediglich drei Filme, die mit Finanzspritzen deutscher Ko-Produzenten realisiert worden sind: die schweizerisch-deutsche Koproduktion „Heimatland“ von gleich zehn Schweizer Regisseuren, die iranisch-deutsche Koproduktion „Paradise“ und die mexikanisch-deutsche Koproduktion „Ich verspreche Anarchie“. Immerhin laufen im „Concorso Cineasti del presente“, dem Wettbewerb für Regisseure, die ihren ersten oder zweiten Film präsentieren, noch der deutsche Horrorfilm „Der Nachtmahr“ von dem unter dem Kürzel AKIZ arbeitenden Achim Bornhak und die kolumbianisch-deutsche Ko-Produktion „Síembra“ der Kolumbianer Ángela Osorio Rojas und Santiago Lozano Álvarez. Auszeichnung möglich. Wie auch im Kurzfilmwettbewerb „Pardi di domani. Hier laufen „3EBC (Zeus)“ (Deutschland/ Bulgarien) von Pavel Vesnakov und „Las cuatro esquinas del círculo/ Die vier Ecken des Kreises“ (Deutschland/Mexiko/Serbien) von Katarina Stankovic. Dazu feiert in der dem Experimentellen gewidmeten Sektion „Signs of Life“ die deutsche Produktion „Recollection“ des israelischen Palästinensers Kamal Aljafari ihre Uraufführung. Deutsche Filmkünstler haben also, anders als oft in Cannes und Venedig, keinen Grund, sauer zu sein wegen scheinbarer oder wirklicher Unterrepräsentation. Eine deutsche Stimme ist auch in der Jury, die über die Vergabe des Goldenen Leoparden entscheidet: Schauspieler Udo Kier, der sich in Hits wie „Soul Kitchen“, „Melancholia“ und „Nymphomaniac II“ einen Namen im internationalen Filmgeschäft gemacht hat. Mit ihm entscheidet neben anderen der US-amerikanische Regisseur Jerry Schatzberg („Asphalt-Blüten“, „Reunion“) über die Leoparden. Ein paar Stars dürften im Übrigen auch kommen. Unmittelbar vor Festivaleröffnung laufen die Gerüchte auf Hochtouren, dass Meryl Streep an den Lago Maggiore kommt. Sie spielt im Eröffnungsfilm „Ricki And The Flash“ eine Rocksängerin, die sich widerwillig Familienproblemen widmen muss.