Pfalztheater Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Lisa Sommerfeldt im Gespräch: „Ich denke mich in meine Figuren hinein“

Lisa Sommerfeldt stellt ihr Buch „Schlaglichter“ im Pfalztheater vor.
Lisa Sommerfeldt stellt ihr Buch »Schlaglichter« im Pfalztheater vor.

Lisa Sommerfeldt stellt ihren Debütroman „Schlaglichter“ bei einer Lesung im Pfalztheater Kaiserslautern vor. Konstanze Führlbeck hat sich mit ihr unterhalten.

Worum geht es in Ihrem Roman „Schlaglichter“?
Es geht in der großen Klammer um die Suche nach individuellem Glück, das für jeden etwas anderes bedeutet. Jeder hat andere Dinge, die er braucht, um glücklich zu sein. Manche Leute sind für ein großes Glück bereit, sie können Kompromisse machen. Für manche ist die tägliche Zeit in einer langjährigen Beziehung das Glück, für andere das Neue.

Erzählen Sie chronologisch oder episodisch? Ihr Werk hat den Untertitel „Roman in 22 Erzählungen“.
Der große Erzählstrang ist chronologisch, es sind Kurzgeschichten, die Überschneidungen haben. Es wird in der Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt.

Ist das also eine filmische Erzählstrategie?
Man könnte es mit „Short Cuts“ vergleichen. Es gibt personelle Verschränkungen, es ist wie ein Puzzle. Die Geschichten sind subjektiv erzählt, man identifiziert sich sehr mit den Figuren. Es gibt keinen auktorialen Erzähler, sondern unterschiedliche Interpretationen von Wahrheit.

Also ein Karussell von Geschichten, das sich dreht?
Das könnte man sagen. Oder eben wie Puzzleteile. Menschen erzählen subjektiv ihre Sichtweise(n), die objektive Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Hier aber sind die Geschichten nicht getrennt wie in einem Karussell, sondern sie überschneiden und verweben sich, es ist ein Hybrid zwischen Kurzgeschichten und Roman.

Wie viel von der Theaterautorin Lisa Sommerfeldt steckt in Ihrem Debütroman?
Es ist definitiv Prosa, kein Theaterstück. Ich verbinde und identifiziere mich als Erzählerin aber sehr stark mit den Hauptfiguren. Dadurch kann sich der Leser ein Urteil bilden in der Gesamtschau. Für jede Figur und ihre Konstellation habe ich eine Sprachwelt entwickelt.

Eine eigene Sprachwelt? Wie kann man sich das vorstellen?
Ich habe für die Figuren Sprachwelten entwickelt, die mit ihnen zu tun haben, ihr Seelenleben abbilden. Da ist zum Beispiel ein junger Mann, der unglücklich verliebt ist. Seine Bildsprache kommt aus amerikanischen Filmen. Oder es gibt eine Kinderwelt, in der viel über Assoziationen zur Tierwelt ausgedrückt wird. Jeder hat eine eigene Bildlichkeit, ein eigenes Vokabular und teilweise eine eigene Erzählperspektive.

Welche Themen umfasst das?
Es geht um Beziehungsmuster, die Suche nach dem eigenen Glück und die Abgrenzung gegen die Wünsche anderer. Es geht auch um beruflichen Erfolg, wie wird man sich untereinander einig, wer macht die Care-Arbeit? Das sind gesellschaftliche Themen. Und es geht um private Dinge: Was die Personen aus der Vergangenheit in sich tragen, wie solche Traumata wirken, es geht um Eltern-Kind-Beziehungen.

Sie sind bereits in mehreren literarischen Genres tätig, ein Stück von Ihnen war auch als Gastspiel bereits am Pfalztheater zu sehen. Warum haben Sie jetzt einen Roman geschrieben?
Weil ich sehr gerne Geschichten erzähle. Im Theater liegt im Moment der Fokus dagegen auf dem Diskurs. Wenn ich die großen Geschichten für die Bühne erzählen will, brauche ich auch viel Personal. Die Prosa gibt mir da viel mehr Freiheit, große Panoramen aufzumachen. Und manche Geschichten eignen sich auch nicht so für die Bühne. Man kann nicht zwei Stunden lang Monologe auf der Bühne halten. In der Prosa kann ich anders in die Köpfe der Personen reinschauen, ich kann auch sprachlich anders erzählen. Wenn Konflikte eher nach innen verlagert sind, kann man das besser in Prosa erzählen. In der Prosa bin ich auch Bühnenbildnerin, Regisseurin, Kostümbildnerin, da bin ich für alles zuständig.

Wie ist es für Sie als Schauspielerin, wenn Sie schreiben?
Da arbeite ich sehr schauspielerisch. Ich setze mich an den Schreibtisch und improvisiere. Ich identifiziere mich mit meinen Figuren und denke mich in sie hinein. Ich stelle mir vor, dass ich diese Person bin. Ich suche mir immer einen Punkt bei jeder Figur, den ich verstehen kann und der mich umtreibt. Man muss sich das extrem genau vorstellen können, um es aufzuschreiben.

Wie sind Sie denn von der Schauspielerei zum Schreiben gekommen?
Ich hab’ das immer parallel gemacht. Ich hab’ schon, als ich tagsüber für das Abitur gelernt habe, abends ein Theaterstück geschrieben. Weil so viel reinkam, musste auch etwas hinaus. Eines meiner Stücke hieß „Ein Klassentreffen“. Ich wollte immer schon schreiben, aber auch Theater machen. Meine Eltern allerdings meinten, ich solle was Vernünftiges werden, zum Beispiel Juristin.

Sie haben Philosophie, Germanistik und Geschichte studiert?
Da habe ich schnell gemerkt: Über Literatur wissenschaftlich zu arbeiten ist nicht mein Ding. Ich hab beschlossen: Ich mach jetzt erst mal die Praxis. Und ich hatte das große Glück, an der Folkwang Universität der Künste in Essen angenommen zu werden.

Wo sehen Sie Ihren künstlerischen Schwerpunkt?
Absolut im Schreiben. Ich spiele überhaupt nicht mehr und ich spreche auch nicht mehr fürs Radio. Ich wollte im Team arbeiten, als ich Schauspielerin wurde. Das vermisse ich auch. Wenn ich fürs Theater schreibe, versuche ich meine schauspielerischen Erfahrungen einzubringen. Ich geh auch früh hin, schau mir Durchläufe an. Ich achte extrem darauf, dass die Stücke gut zu spielen sind.

Was sind Ihre nächsten Projekte?
Im Moment schreibe ich an einem Stück für das Staatstheater Karlsruhe, eine Koproduktion für das Junge Staatstheater und das Digitaltheater. Das ist eine neue Sparte, die filmische und digitale Elemente in Theaterstücken nutzt. Ich möchte aber auf jeden Fall auch weiter Prosa schreiben.

Zur Person

Lisa Sommerfeldt, 1976 in München geboren, ist als Schauspielerin, Sprecherin sowie Theater- und Romanautorin tätig. Zu ihren Vorfahren zählt Theodor Fontanes Schwester Jenny, die den Apotheker Hermann Sommerfeldt heiratete. Sie absolvierte ihre Schauspielausbildung von 1998 bis 2002 an der renommierten Folkwang Universität der Künste in Essen und trat am Theater und im Fernsehen auf. Bekannt wurde sie ab 2004 durch ihre Rolle als Esther in der Comedy-Serie Pastewka. Sie arbeitete auch als Sprecherin, unter anderem für den WDR, die Deutsche Welle und den Bayerischen Rundfunk. Als freie Autorin schreibt sie Hörspiele und Theaterstücke und erhielt mehrere Stipendien. „Schlaglichter“ ist ihr Debütroman.

Termin

Lesung Lisa Sommerfeldt im Foyer des Pfalztheaters Kaiserslautern am Dienstag, 16. Juni, 10 Uhr, Karten unter www.pfalztheater.de, Vorverkauf@pfalztheater.bv-pfalz.de, Telefon 0631 3675 209.

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