Kaiserslautern
Leiter der Psychosomatik Alexander Jatzko verlässt Westpfalz-Klinikum
Der 30. September ist offiziell Alexander Jatkos letzter Arbeitstag, doch schon in dieser Woche wird er Lebewohl sagen. Der Abschied falle schwer, denn eigentlich habe er nicht vorgehabt, Kaiserslautern zu verlassen. „Natürlich werden wir sehr, sehr viel, und vor allem auch sehr viele Menschen vermissen. Ich bin hier aufgewachsen, ins Burggymnasium zur Schule gegangen. Meine Familie und ich sind hier eng verwurzelt“, erzählt Jatzko.
Ab Oktober wird er neuer Chefarzt im Stillachhaus in Oberstdorf, einer psychosomatischen Privatklinik. Diese Möglichkeit wollte er sich nicht entgehenlassen – auch weil er künftig mehr Zeit für die Forschung haben werde.
Seit 2005 leitet Jatzko die psychosomatische Klinik
Seit 18 Jahren ist Jatzko am Klinikum, mit gerade einmal 34 Jahren wurde er 2005 dort Chefarzt. Sein Vater Hartmut leitete die psychosomatische Klinik vor ihm – ab 1980. „Es war die erste psychosomatische Station eines Allgemeinkrankenhauses in Deutschland“, sagt sein Sohn. Die Familie – auch seine Mutter Sybille engagiert sich in der Nachsorge traumatisierter Menschen – ist eng mit dem Flugtagsunglück auf der Ramsteiner Air Base verbunden. Am 28. August 1988 kollidierten bei einer Flugschau drei Kunstflugmaschinen. Eine Maschine rutschte brennend in die Zuschauermenge. Etwa 1000 Menschen wurden an diesem Tag verletzt, 70 starben.
Jatzkos Eltern kümmerten sich um die schwer traumatisierten Menschen, gründeten eine Nachsorgegruppe, die sich noch heute trifft. Solch ein Ereignis brenne sich ins kollektive Gedächtnis einer Region ein, ist er überzeugt. „Es ist eines von wenigen Ereignissen in Kaiserslautern, bei dem jeder weiß, wo er war, als er das erste Mal davon gehört hat“, sagt Jatzko.
2020 gründete seine Familie die Stiftung Katastrophen-Nachsorge. Dass Folgen einer Traumatisierung ein eigenes Krankheitsbild sind, sei erst nach und nach ins Bewusstsein gerückt. Sein Vater setzte mit der Behandlung dieser Leiden einen Schwerpunkt in der Klinik, den Alexander Jatzko weiter verfolgte. Als er anfing, habe er anhand von Kernspin-Aufnahmen zeigen können, dass die Ramstein-Hinterbliebenen Veränderungen bezüglich der Wahrnehmung von Erlebtem im Gehirn zeigten. „Ich wurde anfangs dafür noch ausgelacht, dass ich diese Patienten untersucht habe“, sagt Jatzko. Heute sei das völlig normal.
Pionier in Sachen Trauma-Forschung
„Sie leiden unter dem Gefühl, dass dauernd etwas passieren kann“, seien ständig darum bemüht, die Kontrolle aufrechtzuhalten, erlebten „eine Taubheit, nicht fühlen zu können“. Selbst positive Dinge würden sie weniger stark wahrnehmen, erklärt der Arzt. All das ließe sich in Hirnscans zeigen, weil bestimmte Areale anders reagierten als bei gesunden Menschen.
In den vergangenen Tagen jährte sich das Flugtagsunglück zum 35. Mal. „Jahrestage sind fürs Gehirn etwas sehr Wichtiges“, sagt Jatzko. Die Patienten zeigten in den Wochen davor vermehrt Stressreaktionen, „die Anspannung nimmt zu, Schlafstörungen werden häufiger, sie sehen stärker diese Bilder vor sich“.
Die Forschung blieb Jatzkos Steckenpferd. Dieser will er sich künftig mehr widmen: „Ich werde aus der direkten Patientenversorgung ein bisschen rausgehen. Ich hatte hier eine Ambulanz, dazu die Klinik und den Konsiliardienst. Alles was in Richtung Traumafolgen ging, kam zu mir. Das hat mich so beansprucht, dass ich für andere Dinge gar keine Zeit hatte“, erzählt er. Jatzko behandelte Polizisten – unter anderem nach dem Doppelmord von Kusel –, Soldaten, die einen Selbstmordanschlag im afghanischen Kundus überlebten genauso wie Lokführer, traumatisierte Missbrauchsopfer. „Ich konnte die Zeitung aufschlagen und wusste wer in den nächsten Wochen zu mir kommt“, sagt er.
Bücher schreiben und eine App entwickeln
Er wolle das Wissen, das er und seine Eltern in der Nachsorge der traumatisierten Patienten gesammelt haben, breiter verfügbar machen, dazu beitragen es auch in der Bevölkerung zu verankern. Er will Bücher schreiben, hat Ideen für eine App, die Patienten dabei helfen soll, Angst- und Traumasituationen besser zu machen. „Ich will die Therapie und das Wissen über die Traumafolgen für Deutschland ausbauen, will versuchen die ganze Arbeit noch auf ein anderes Level zu heben“, sagt er. Denn bis heute gebe es kaum langfristige Nachsorge nach größeren Katastrophen – und das müsse sich ändern.